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Marburg Mit Gedankenkraft gegen Ohrklingeln
Marburg Mit Gedankenkraft gegen Ohrklingeln
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00:17 02.04.2019
Die Psychologen Dr. Cornelia Weise (von links), Martin Jensen und Eva Hüttenrauch testen im Labor im Fachbereich Psychologie die Neurofeedback-Methode, die gegen Tinnitus helfen soll. Quelle: Manfred Hitzeroth
Marburg

Wenn es permanent brummt und klingelt im Ohr, dann deutet das auf Tinnitus hin. Wie lästig die störenden Ohrgeräusche sein können, das weiß der dänische Psychologe Martin Jensen aus eigener Erfahrung, denn er leidet seit sieben Jahren an Tinnitus.

Im Gespräch mit der OP beschreibt Jensen, was er gerade hört, wenn er seine Gedanken darauf richtet: „Ich höre einen Pfeifton wie von einem alten Fernsehgerät“. Begonnen hatte es bei Jensen in einem Zeitraum mit viel Stress, erinnert er sich. „Das Summen und Zischen in meinem Kopf ist immer da. Im Kino, beim Einkaufen, sogar, wenn ich schlafen gehe“, sagt der Psychologe.

Tinnitus ist eine Störung der Hörfunktion, bei der Betroffene­ Geräusche wahrnehmen, die nicht auf ein äußeres Schallereignis zurückgehen: das berüchtigte Klingeln im Ohr. Ohrgeräusche treten bei etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung auf, schätzen Fachleute.

Studie: Wirksamkeit eines Neurofeedback-Trainings

Viele Betroffene können sich gut an den Tinnitus gewöhnen. Bei etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung führen die langanhaltenden Ohrgeräusche hingegen zu einer dauerhaften Belastung, die beispielsweise mit negativer Stimmung, Schlaf- oder Konzentrationsproblemen einhergehen können.

Sein eigener Tinnitus brachte­ Martin Jensen dazu, dass er sich vermehrt auch der Erforschung des Tinnitus aus psychologischer Sicht zuwandte. Mittlerweile ist Jensen seit anderthalb Jahren Gastwissenschaftler an der Marburger Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ von Professor Winfried Rief.

Unter der Leitung von Dr. Cornelia Weise hat Martin Jensen jetzt zusammen mit der Psychologin Eva Hüttenrauch eine Studie auf den Weg gebracht ­(ToNe-Studie), in der die Wirksamkeit eines Neurofeedback-Trainings untersucht werden soll.

"Fine-Tuning" der Neuronen

Die Studie wird in Kooperation mit der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Marburg (Leiter: Professor Boris Stuck) durchgeführt. Die Idee hinter dem Stichwort Neurofeedback ist die Normalisierung der Funktion der Gehirn-Aktivitäten. Es gehe dabei um eine Art „Fine-Tuning“ der Neuronen, erläutert Martin Jensen.

Zu diesem Zweck werden die Tinnitusbetroffenen mit Elektroden auf dem Kopf verkabelt, die per Elektroenzephalographie (EEG) die Hirnaktivitäten messen, die man auch bildlich darstellen kann. Ziel ist es, die so sichtbar gemachte Hirnaktivität gezielt zu beeinflussen.

Zu diesem Zweck betrachten die Studienteilnehmer beispielsweise auf einem Bildschirm das idyllische Video ­eines Meeresstrands mit Sonnenuntergang und rauschenden Wellen. Die den Studienteilnehmenden gestellte Aufgabe ist es, das Bild weiter so in Bewegung zu halten, dass es nicht stoppt – also, es gewissermaßen mit der Kraft der Gedanken zu steuern.

Ziel ist die Verringerung der Belastung

Was sich auf den ersten Blick anhört wie eine Art mentaler Magie, ist aber vor allem als eine Übung unter dem Motto „Konzentrieren auf die Entspannung“ gedacht. Haben die Tinnitusbetroffenen durch regelmäßige Übung erste Erfolge erzielt, soll sich dies positiv auf ihren Tinnitus auswirken.

Denn Ergebnisse der Hirnforschung haben gezeigt, dass bei Tinnitus-Patienten im Vergleich zu Gesunden eine leicht veränderte Gehirnaktivität vorliegt, die möglicherweise mithilfe von Neurofeedback trainiert und dem von Gesunden angeglichen werden kann.

Bis heute gibt es kein Behandlungsverfahren, mit dem Tinnitus vollständig beseitigt werden kann, erläutert Cornelia Weise. Ziel der unterschiedlichen Therapieangebote sei es bisher vor allem, eine Verringerung der Tinnitusbelastung zu erreichen. Deswegen werden kontinuierlich neue Behandlungs-Alternativen entwickelt, um immer bessere Hilfe zu ermöglichen.

Studienteilnehmende führen Tinitus-Tagebuch

In der Marburger ToNe-Studie werden nun die Wirksamkeit des Neurofeedback mit einer sogenannten Tagebuchbehandlung verglichen. Dabei nehmen die Studienteilnehmenden an einer psychotherapeutischen Beratung teil und sollen zudem ein Tinnitus-Tagebuch führen.

Dieses dient als Hilfsmittel, um ihren Tinnitus und ihre damit einhergehende Stimmungslage genauer zu beobachten. Kombiniert wird die Tagebuch-Methode mit Entspannungsübungen sowie Methoden zur Wahrnehmungslenkung, wichtige Bausteine aus der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung des Tinnitus. Die Therapiestudie hat im Oktober 2018 begonnen und ist noch nicht beendet. Es sollen dafür insgesamt 120 Tinnitusbetroffene rekrutiert werden.

Das Marburger Team und die Kooperationspartner vom Forschungszentrum „Eriksholm Research Center“ aus Dänemark erhalten für ihre Forschungsarbeit eine Förderung der Stiftung „Oticon Founda­tion“. Mehr als 45.000 Euro fließen an die Philipps-Universität.

Für die Marburger ToNe-Studie werden noch Teilnehmer über 18 Jahren gesucht, die seit mindestens sechs Monaten an Tinnitus leiden und sich dadurch beeinträchtigt fühlen. Ausgeschlossen von der Teilnahme sind Tinnitusbetroffene, die in der Vergangenheit einen Schlaganfall, Hirnblutungen, Hirntumore oder epileptische Anfälle hatten.

Studieninteressierte sollten zudem keine ­Medikamente wegen einer psychischen Erkrankung einnehmen und sich nicht in psychotherapeutischer Behandlung befinden. Die Studiendauer beträgt fünf Wochen und umfasst dabei bis zu drei anderthalbstündige Termine pro Woche. Tinnitusbetroffene können sich auf der Webseite https://www.iterapi.se/sites/tone/ ausführlicher über die Studie informieren und direkt für eine Teilnahme registrieren.

Kontakt: Martin Jensen/Eva Hüttenrauch. ­Telefon 06421/2823794 oder tinnitus@uni-marburg.de

von Manfred Hitzeroth