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Marburg Brandstiftung in der Marbach
Marburg Brandstiftung in der Marbach
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08:00 18.11.2020
In diesem Haus in Marburg wurde im Dezember vergangenen Jahres das Feuer gelegt. Quelle: Carsten Beckmann
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Marburg

Ein Angeklagter, der möglicherweise im Zustand der Schuldunfähigkeit eine Wohnung in Brand setzte, eine Geschädigte, die zunächst selbst unter Tatverdacht geriet – das Sicherungsverfahren gegen einen 26-Jährigen vor dem Marburger Landgericht ist alles andere als unkompliziert. Am Dienstag (17.November) war der auf mehrere Verhandlungstage terminierte Prozessauftakt vor der Sechsten Strafkammer des Marburger Landgerichts unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Frank Oehm. Neben vorsätzlicher Brandstiftung steht auch ein Tötungsvorsatz im Raum – und das gleich mehrfach, denn die Tat ereignete sich in einem von mehreren Parteien bewohnten Apartmenthaus im Marburger Stadtteil Marbach.

Brand in Einzimmerwohnung

Am 20. Dezember vergangenen Jahres legte dort der geständige Angeklagte nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft einen Brand in der Einzimmerwohnung seiner damaligen Freundin. Es war zuvor zu einem Beziehungsstreit gekommen. Die Frau, die sich von dem Angeklagten trennen wollte, verließ die Wohnung, um die Situation „zu deeskalieren“, wie sie am ersten Verhandlungstag vor Gericht aussagte. Der irakische Kurde, der im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen war, um Asyl zu beantragen, hatte sich geweigert, das Apartment zu verlassen, und nutzte die Abwesenheit der Frau dazu, an drei Stellen in der Wohnung Brandherde zu entfachen. „Sie sagte: Wenn du nicht gehst, gehe ich – da habe ich das Feuer gelegt“, gab der Mann mit Hilfe einer Dolmetscherin zu Protokoll. Für die Tat nutzte der Angeklagte eine brennbare Flüssigkeit sowie einen sogenannten Fackelstab zum Jonglieren – Dinge, die der 37-Jährigen gehörten und in der Wohnung lagen. Auf Befragen des Vorsitzenden Richters sagte die Geschädigte, der Angeklagte habe damit gedroht, das Apartment in Brand zu setzen: „Aber man sagt sich ja viel im Streit – ich habe das nicht ernst genommen.“ Erst acht Wochen vor der Tat hatten sich beide in einem Fitnessstudio kennengelernt, zum Tatzeitpunkt war die 37-Jährige bereits schwanger von ihm. Ihren Aussagen zufolge hatte er ihr einen falschen Namen genannt und seine wahre Identität verschwiegen.

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Auch bei seiner Asylantragstellung hatte er den Ermittlungen zufolge bereits falsche Personal- und Herkunftsangaben gemacht, wie gestern vor Gericht ausgeführt wurde. Etwa eine Woche nach der Brandstiftung hatte der Angeklagte versucht, per Flixbus nach Dänemark auszureisen. Doch er wurde an der Grenze zurückgewiesen, weil er kein gültiges Visum für das nordeuropäische Nachbarland vorweisen konnte. Also kehrte der immer noch in Deutschland geduldete Iraker zunächst in die ihm zugewiesene Asylbewerberunterkunft in Gladenbach zurück. Dort kam es zum Jahresbeginn in der Küche zu einem Brand, von dem die Ermittler zunächst annahmen, er sei durch Fahrlässigkeit verursacht worden.

Ein mit den Ermittlungen betrauter Kripo-Beamter sagte am Dienstag vor Gericht, der Angeklagte sei Anfang 2020 in der Ausländerbehörde des Landkreises Marburg-Biedenkopf aufgetaucht und habe Geldleistungen gefordert. „Er sagte dort, wenn man ihm kein Geld gebe, werde er weitere Feuer legen“, so der Ermittler.

Gutachten wird erwartet

Zu diesem Zeitpunkt war der Kripo noch nicht klar, dass eben dieser Mann auch für die Tat in der Marbach verantwortlich gewesen sein könnte. Doch als die Beamten das Mobiltelefon des 26-Jährigen in Augenschein nahmen, fanden sie im Speicher Fotos, die der Angeklagte nach der Brandstiftung im Apartment seiner Ex-Partnerin gemacht hatte. Die war übrigens zunächst selbst in Verdacht geraten, das Feuer gelegt zu haben.

Sie hatte nach ihrer Rückkehr in die Wohnung Polizei und Feuerwehr alarmiert und machte nach Aussagen mehrerer gestern gehörter Beamtinnen und Beamter einen so verwirrten Eindruck, dass sie als Tatverdächtige galt. Die mittlerweile als Altenkrankenpflegerin arbeitende Frau bestätigte gestern, dass sie wegen einer Psychose in Behandlung war. Ein ähnliches Krankheitsbild wurde in der Untersuchungshaft auch dem Iraker attestiert, der daraufhin in die Vitos-Klinik für forensische Psychiatrie in Haina eingeliefert wurde.

Am nächsten Verhandlungstag (19.November) wird dazu im Gerichtssaal das Gutachten von Dr. Rolf Speier aus Haina erwartet. Dabei dürfte es um eine für die Schuldfähigkeit und damit für die Urteilsfindung entscheidende Frage gehen: Legte der Angeklagte das Feuer wegen seiner psychischen Erkrankung oder in erster Linie wegen des vorausgegangenen Streits mit seiner Ex-Freundin?

von Carsten Beckmann

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