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Marburg „Tod billigend in Kauf genommen“
Marburg „Tod billigend in Kauf genommen“
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19:45 10.08.2020
Die drei Angeklagten und ihre Verteidiger beim Prozessauftakt im Landgericht. Ihnen wird gemeinschaftlich versuchter Mord vorgeworfen. Foto: Katja Peters
Die drei Angeklagten und ihre Verteidiger beim Prozessauftakt im Landgericht. Ihnen wird gemeinschaftlich versuchter Mord vorgeworfen. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Sieben Mal sollen die drei Angeklagten schwere Gegenstände auf Gleise im Schwalm-Eder-Kreis und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf gelegt haben.

Sie wollten, dass die Züge kollidieren und entgleisen, heißt es in der Anklage. Ersteres ist jedes Mal passiert, letzteres nie. Auch sind keine Personen zu Schaden gekommen. „Sie haben deren Tod aber billigend in Kauf genommen und wollten Menschen auf heimtückische Weise töten“, so Staatsanwalt Timo Ide am Montag, 10. August, beim Prozessauftakt vor dem Landgericht in Marburg.

Minutenlang zählte er die insgesamt 21 Fälle auf, die den Dreien zur Last gelegt werden. Darunter ein Zugunfall zwischen Neustadt und Stadtallendorf am 9. April 2019. Zu den Kollisionen gesellten sich auch noch 15 Brandstiftungen, ebenfalls in beiden Landkreisen.

Wobei nicht immer alle drei gleichzeitig an allen Taten beteiligt waren, manchmal waren sie auch nur als Duo unterwegs. Die ermittelten Taten mit insgesamt 511.020 Millionen Euro Sachschaden waren in der Zeit von November 2018 bis August 2019 begangen worden.

Sicherungsverwahrung kommt in Betracht

Nachdem sie die Grillhütten in Kleinseelheim und am Weißen Stein in Wehrda im vergangenen Jahr abgefackelt hatten, klickten die Handschellen. Für den Angeklagten Markus B. nicht zum ersten Mal. Der heute 51-Jährige hatte bereits mehrere Jahre wegen Brandstiftung abgesessen. Für ihn käme, so Staatsanwalt Ide, eine Sicherungsverwahrung in Betracht.

Der zweite mutmaßliche Täter, der 27-jährige Patrick E., war der Ex-Freund der Tochter von B. und soll auch der Vater des Enkelkindes von B. sein, das in einer Pflegefamilie lebt. Er soll nach Möglichkeit nach Prozessende in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden. Der dritte im Bunde, Dennis Z., 30 Jahre alt, wurde als Dartfreund vorgestellt. Alle drei gaben zu Prozessbeginn an, Angaben zu den Taten machen zu wollen.

Richter rät zur Einlassung

Der Vorsitzende Richter und Präsident des Landgerichtes, Dr. Frank Oehm, betonte anfangs auf Wunsch der Verteidiger noch einmal: „Ein frühzeitiges umfassendes und nachvollziehbares Geständnis wirkt sich in aller Regel spürbar strafmildernd aus. Gleich am Anfang die Hosen runterzulassen sieht besser aus, als abzuwarten.“ Und er hatte noch einen Rat: „Sie sollten nicht auf ihre Knastkumpels hören, sondern lieber auf ihre Verteidiger.“ Denn alle drei Angeklagten sitzen seit der Festnahme vor fast einem Jahr in Untersuchungshaft in drei verschiedenen Gefängnissen.

Als erstes wurde Markus B. zu seiner Kindheit, seinem Leben vor der ersten Verurteilung 2007 und nach der Entlassung im Jahr 2015 befragt. Anfangs wollte er aufgrund von „Lampenfieber“, so sein Pflichtverteidiger Mehran Akbari, nichts sagen, ließ sich dann aber doch auf die Befragung ein. Er wurde in Wehrda geboren und ist dort auch zusammen mit zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen.

Mit Mitte 30, mittlerweile war B. verheiratet und Vater von drei Kindern, machte er sich mit einem Kleingewerbe selbstständig. Die Ehe zerbrach mit der Inhaftierung 2007. Nach der Entlassung wurde er tablettenabhängig und ging mit den anderen beiden Angeklagten auf Tour. Zukunftsaussichten habe er keine: „Ich warte ab, was kommt.“

„Fünf Tage in der Woche“ getrunken

Auch der Mit-Angeklagte Patrick E. wurde am ersten Verhandlungstag gehört, machte ebenfalls bislang nur Angaben zu den persönlichen Verhältnissen beziehungsweise seiner Vergangenheit. Wie der 27-Jährige, der gebürtig aus dem Vogelsbergkreis stammt, berichtete, wuchs er in gut bürgerlichen Verhältnissen bei liebevollen Eltern auf, die mittlerweile zwar geschieden sind, die Familie sei aber nicht zerrüttet. Also „gefestigte Familienverhältnisse“, stellte der Vorsitzende Richter fest.

Nach der Schule absolvierte E. eine Ausbildung, arbeitete seit 2014 bei verschiedenen Handwerksfirmen. Durch seinen seit der Jugendzeit wachsenden Alkohol- und Cannabis-Konsum wurde er jedoch unzuverlässig, mehrfach gekündigt, fing immer wieder neu an und flog wieder raus, war zeitweise arbeitslos gemeldet. Irgendwann trank er nicht mehr nur an Wochenenden, sondern „fünf Tage in der Woche“.

„Ich kann mir das auch nicht erklären“

Nach einem Umzug nach Neustadt sei es weiter bergab gegangen, dort waren seine einzigen Sozialkontakte der fünfköpfige Kreis rund um die beiden anderen Angeklagten sowie einer Frau und seiner Freundin, mit der er ein zweijähriges Kind hat, das bei Pflegeeltern lebt. Es waren keine engen Freunde, „eher Kumpels“, mit denen er jedoch viel Zeit verbrachte.

Zu den schweren Vorwürfen gegen die drei Männer sagte er nichts Konkretes – Spaß daran habe er aber nie gehabt, gab er an. Auf die Feststellung des Richters, dass die angeklagten Taten nicht gerade zu seiner Vorgeschichte passen würden, nickte der Mann zustimmend: „Ich kann mir das auch nicht erklären“, sein Leben lief eigentlich mal in geordneten Bahnen, „und dann ging es voll gegen die Wand“.

„Ich würde auch einen 64er machen“

Das wolle er langfristig ändern, „ich will mein Leben wieder geregelt bekommen, für meinen Sohn“. Ein Therapieangebot während der U-Haft hatte er bislang abgelehnt, sich nun aber anders entschieden: „Ich würde auch einen 64er machen“, gab der Angeklagte an.

Mit der vor Gericht bekannten Floskel bezog er sich auf den Paragraphen 64 des Strafgesetzbuches, das die Unterbringung in eine Entziehungsanstalt für suchtkranke Straftäter regelt. In Haft habe er zwar keine Entzugserscheinungen durchgemacht, nahm einige Wochen Tabletten, verspüre heute jedoch keinen Suchtdruck mehr.

Der Prozess wird am Mittwoch, 12. August, ab 9 Uhr fortgesetzt. Für das Verfahren sind bislang mehrere Sitzungstermine bis in den November hinein angedacht.

Die 21 Taten

Tat 1:  17. November 2018; Kilometer 35,7 zwischen Borken und Wabern, Sitzbank aus Beton, 45 Passagiere und ein Lokführer, Sachschaden: 10.800 Euro.

Tat 2:  18. November 2018; Kilometer 59,85 zwischen Treysa und Wabern, Jägerzaun und drei Betonplatten, 50 Passagiere und ein Lokführer, Sachschaden: 10.400 Euro.

Tat 3: 20. Dezember 2018; Grillhütte Allendorf-Landsberg, Mülltonne angezündet, Sachschaden: 10.000 Euro.

Tat 4: 10. Februar 2019; Bauwagen, Hütte und Holzstapel zwischen Wiera und Wasenberg, Stühle angezündet, Sachschaden: 2.000 Euro.

Tat 5: 21. Februar 2019; Schutzhütte am Hünengrab in Schwalmstadt-Wiera, Brandbeschleuniger, Sachschaden: 8.000 Euro.

Tat 6: 22. Februar 2019; Grillhütte Willingshausen, Polstermöbel angezündet, Sachschaden: 10.000 Euro.

Tat 7: 9. März 2019; Kilometer 41,55 zwischen Borken und Wabern, Sitzbank aus Gußeisen, ein Lokführer im Güterzug, Sachschaden: 400 Euro.

Tat 8: 18. März 2019; zwischen Treysa und Wabern, Sitzbank, ein Lokführer im Güterzug, Sachschaden: 23.500 Euro.

Tat 9: 6. April 2019; Grillhütte vom Motocross-Verein Schlierbach, Sitzpolster angezündet, Sachschaden: 25.000 Euro.

Tat 10: 7. April 2019; Vereinsheim Interessengemeinschaft Alteisen Neukirchen, Möbelstücke angezündet, Sachschaden 75.000 Euro.

Tat 11: 9. April 2019; Kilometer 74,18 zwischen Neustadt und Stadtallendorf, Sitzbank, 60 Passagiere und ein Lokführer, Sachschaden: 17.700 Euro.

Tat 12: 14. April 2019; Knüllbergshütte bei Harle, Sachschaden: 40.000 Euro.

Tat 13: 15. April 2019; Kilometer 44,8 zwischen Zimmersrode und Borken, sieben Betonplatten, circa 20 Passagiere und ein Lokführer, Sachschaden: 24.420 Euro.

Tat 14: 15. April 2019; Kilometer 45,8 zwischen Zimmersrode und Borken, Baumstämme, ein Lokführer im Güterzug, Sachschaden: 150.000 Euro.

Tat 15: 20. April 2019; Wohnwagen in Schwalmstadt-Allendorf, Matratzen angezündet, Sachschaden 800 Euro.

Tat 16: 3. August 2019; Schutzhütte Stadtwald Borken, Sachschaden: 3.000 Euro.

Tat 17: 4. August 2019; Grillhütte Neuental-Römersberg, Mülltonne angezündet, Sachschaden: 15.000 Euro.

Tat 18: 10. August 2019; Holzhütte Schwalmstadt-Wiera, Müll angezündet, Sachschaden: 25.000 Euro.

Tat 19: 22. August 2019; Grillhütte Landsberg, Müll angezündet, Sachschaden: 25.000 Euro.

Tat 20: 24. August 2019; Grillhütte Kleinseelheim, Sachschaden: 30.000 Euro.

Tat 21: 25. August 2019; Grillhütte Weißer Stein, Wehrda, Sachschaden: 15.000 Euro.

Von Katja Peters und Ina Tannert