Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Anwalt redet sich in Rage
Marburg Anwalt redet sich in Rage
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:00 25.03.2019
Zwei Männer stehen in Marburg vor Gericht, weil sie ein angebliches ­Sexualdelikt in Selbst­justiz gerächt haben sollen.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Es war ein 25-minütiges Hin und Her am Ende des ersten Verhandlungstages. Und Sascha Marks beanspruchte davon 14 Minuten Nettoredezeit. Dem Verteidiger des 25-jährigen Beschuldigten, der gemeinsam mit seinem 28-jährigen Freund angeklagt ist, platzte ob der Ansichten von Richter Dominik Best und Staatsanwalt Oliver Rust die Hutschnur.

Während sein Anwaltskollege Dr. Dietmar Ricke mit einer Mischung aus Amüsement und Ermüdungserscheinungen dem Treiben folgte, servierte Marks quasi ein verfrühtes Plädoyer, weil er der Ansetzung eines zweiten Verhandlungstages, bei einer Verurteilung mit Mehrkosten für seinen Mandanten verbunden, vehement widersprach. Seiner Ansicht nach war eine Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung gerechtfertigt. Dennoch redete sich Marks, dem Richter Best zwischenzeitlich sogar das Wort entzog, in Rage.

Tattag liegt bereits ein Jahr zurück

„Das ist doch jetzt ein Versuch, mit aller Gewalt Leute zu verknacken. Die Angeklagten sind doch ordentliche Jungs. Die verstecken sich hinterm Schrank, wenn es blitzt. Das sind doch die Falschen! Das ist doch einfach nicht richtig“, erregte sich Marks. Grund: Gericht und Staatsanwaltschaft wollen bei einem Folgetermin den diensthabenden Arzt in der Notaufnahme zu den Verletzungen des Geschädigten verhören. Problematisch jedoch, dass der Tattag schon fast ein Jahr her ist. „Ich verstehe überhaupt nicht, was der Mann hier sagen soll“, meinte Marks.

Der Arzt könne sich unmöglich daran erinnern, ob die Verletzungen des Geschädigte, die er am 29. April 2018 erlitten hatte, gezielten Fußtritten der Angeklagten zuzuordnen seien. In den Morgenstunden dieses Tages sollen die Beschuldigten in Marburg einen Mann aufgegriffen und diesen mit Faustschlägen und Fußtritten traktiert haben. Laut Anklageschrift „in lebensgefährdender Weise“. Grund für die Gewaltanwendung: Der 26-jährige Geschädigte soll die Ehefrau des 28-Jährigen kurz vorher sexuell belästigt haben. „Das Ergreifen war vielleicht ein wenig grob, aber das Duo wollte diesen Mann nur festhalten und der Polizei übergeben“, betonte Marks.

Einer der beiden Beschuldigten rief, während der Geschädigte am Boden lag, mehrmals die Polizei an. Trotz unmittelbarer Nähe zum Tatort kam die jedoch erst 15 Minuten später. So lange soll der Geschädigte von den Angeklagten in die Mangel genommen worden sein. „Das Verletzungsbild passt doch überhaupt nicht. Wenn in lebensgefährdender Weise körperlich eingewirkt wird, dann sind das doch nicht nur ein paar Prellungen“, meinte Marks. Der psychisch instabile Geschädigte verletzte sich nach der Tat mit dem Glas seiner zerbrochenen Brille selbst. „Weil ich mich innerlich so alleine gefühlt habe“, begründete er. Sowohl Polizei als auch Notaufnahme stellten nur leichte Verletzungen fest.

„Der hat geschrien, dass das ein Vergewaltiger sei“

Ein Ehepaar, unter dessen Balkon sich der Tatgeschehen ereignete, wollte gesehen haben, wie der 28-Jährige mit der Polizei telefonierte und der angetrunkene 25-Jährige zutrat. „Der hat geschrien, dass das ein Vergewaltiger sei und dass die Polizei bereits verständigt sei“, erinnerte sich der Ehemann.

„Das passt überhaupt nicht. Mein Mandant hat die Polizei gerufen. Und natürlich wollte der Geschädigte da weg und hat eben herum gestrampelt“, legte Marks dar. Zwar seien die Beschuldigten, beide ohne ­Vorstrafen, wohl bei der Ausübung ihres Ergreifungsrechts übers Ziel hinaus geschossen, aber deshalb müsse man sie nicht die volle Härte des Gesetzes spüren lassen. Richter Best hörte dem passionierten Vortrag zwar zu, zeigte sich aber unbeeindruckt.

  • Die Verhandlung soll am 2. April um 14 Uhr fortgesetzt werden.

von Benjamin Kaiser