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Marburg Weitere Unterbringung in der Psychiatrie?
Marburg Weitere Unterbringung in der Psychiatrie?
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20:32 14.12.2020
Am Dienstag geht voraussichtlich ein Sicherungsverfahren vor dem Marburger Landgericht zu Ende, in dessen Mittelpunkt die Frage der Schuldfähigkeit eines 31-Jährigen steht.
Am Dienstag geht voraussichtlich ein Sicherungsverfahren vor dem Marburger Landgericht zu Ende, in dessen Mittelpunkt die Frage der Schuldfähigkeit eines 31-Jährigen steht. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Für die psychiatrische Sachverständige, die am Montag (14. Dezember), dem dritten Verhandlungstag vor Gericht, gehört wurde, ist die Sachlage eindeutig: Nach dem Dafürhalten von Dr. Angelika Marc aus der Klinik für forensische Psychiatrie in Haina leidet der dort bereits seit Mai untergebrachte Mann mit größter Wahrscheinlichkeit unter paranoider Schizophrenie. „Eine drogeninduzierte Psychose kommt auch in Frage“, sagte die leitende Ärztin vor der sechsten Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Dr. Frank Oehm.

Die Sachverständige bezeichnete den Mann als jemanden, der lange Zeit „ein normales bürgerliches Leben“ geführt habe. Erst 2019 sei sein Leben aus den Fugen geraten – durch den Verlust des Jobs und Probleme in der Beziehung mit der damaligen Freundin. Verfolgungswahn, Schlafstörungen, Desorganisiertheit, Halluzinationen, Stimmungsschwankungen bis hin zu körperlicher Gewalt der Partnerin gegenüber – Angelika Marc sprach von einem „Blumenstrauß von Symptomen“, die sie diagnostizierte. Zur Festnahme des Mannes führten schließlich zwei Taten, bei denen er Ende März einen Bekannten sowie zwei Tage später seinen Vater mit einem Samuraischwert bedroht hatte. In beiden Fällen ging es um Geld. Seinem Vater hatte er, bevor er ihn aufsuchte, nicht telefonisch angekündigt, ihn zu köpfen, solle er ihm kein Geld geben.

„Kein schlechter Mensch“

Zum Zeitpunkt der Taten sei der Beschuldigte aufgrund seines hohen Erregungszustandes nicht mehr steuerungsfähig gewesen und habe seine Einsichtsfähigkeit verloren, sagte die Gutachterin. In ihrer Prognose hielt sie dem Mann zugute, dass er vor seiner Erkrankung noch nie als gewalttätiger Mensch in Erscheinung getreten war. Die Gutachterin sagte wörtlich: „Er ist kein schlechter Mensch.“

Eine mit dem Beschuldigten verwandte Zuschauerin im Gerichtssaal quittierte dies mit Applaus und musste sich dafür vom Vorsitzenden Richter zurechtweisen lassen: „Wir sind hier nicht bei Barbara Salesch!“ Ruhig und ohne Emotionen hatte der Mann auf der Anklagebank den gesamten Prozess verfolgt, ruhig und emotionslos blieb er auch, als Angelika Marc die Aspekte aufzählte, die gegen den 31-Jährigen sprechen: Er habe Gewalt angewandt und werde dies ohne Therapie früher oder später möglicherweise wieder tun. Ebenfalls negativ schlage zu Buche, dass der Beschuldigte seine Krankheit noch nicht anerkannt habe und er kein „dauerhaftes Entlassungs-Setting“ habe. Konsequenz aus Sicht der Expertin: weitere Unterbringung in der Psychiatrie, Behandlung der Erkrankung, Suchttherapie.

Am Vormittag hatte das Gericht noch die ehemalige Freundin des 31-Jährigen als Zeugin gehört – per Videoschaltung aus einem Vernehmungszimmer, da die 28-Jährige ihrem Ex-Partner nicht Auge in Auge gegenübersitzen wollte. Sie sprach über die Beziehung zu dem Mann, mit dem sie zwei Jahre zusammengewohnt und den sie zunächst als ruhigen, zurückhaltenden Menschen kennengelernt hatte. Am Ende habe sie ihn jedoch nur noch mit ständigen Stimmungsschwankungen erlebt – nervös, gereizt, kontrollsüchtig, beleidigend und gewalttätig: „Er wurde immer aggressiver, warf Dinge durch die Wohnung und sperrte mich in die Abstellkammer.“ Am Ende ihrer Beziehung musste sie ihn mehrfach bei der Polizei anzeigen – wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung, häuslicher Gewalt und Beleidigung.

Für den letzten Prozesstag stehen noch die Plädoyers aus, noch am gleichen Tag will die Kammer entscheiden, ob der Beschuldigte für unbestimmte Zeit in Haina bleibt oder doch schuldfähig ist.

von Carsten Beckmann

14.12.2020
14.12.2020