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Marburg Protest gegen Hausbau in Wehrshausen
Marburg Protest gegen Hausbau in Wehrshausen
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16:00 07.07.2021
In Wehrshausen selbst war für die Diskussion um das umstrittene Bauprojekt „Über der Kirch“ für die mehr als 120 Teilnehmer kein Platz. Die Sitzung des Ortsbeirats fand daher in Elnhausen statt.
In Wehrshausen selbst war für die Diskussion um das umstrittene Bauprojekt „Über der Kirch“ für die mehr als 120 Teilnehmer kein Platz. Die Sitzung des Ortsbeirats fand daher in Elnhausen statt. Quelle: Fotos: Björn Wisker
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Wehrshausen

Ein „Aha“ schallt durch den Saal als die Visualisierung der zwei geplanten Häuser gezeigt wird. „Ist ja noch schlimmer“ raunen zwei, drei der rund 120 Stimmen in der Halle. Sie vergleichen die von einem Architekten erstellten mit einer seit Wochen kursierenden Amateur-Veranschaulichung. Doch bei der hitzigen Diskussion über das umstrittene Bauprojekt „Über der Kirch“ während der jüngsten Ortsbeiratssitzung wurden Gestaltung, Versiegelung und Größe – zuletzt oft als ein zweiter „Affenfelsen“ bezeichnet – fast zur Nebensache.

Im Mittelpunkt der Kritik der Wehrshäuser, vor allem den Mitgliedern einer Bürgerinitiative und 350 Unterzeichnern einer Anti-Bauprojekts-Petition, steht die drohende Verkehrs-Verschärfung im Ort. Speziell die Anwohner der Straße „Zur Hege“, aber auch umliegender Straßen, sind erbost. Grund: Sie befürchten nach Errichtung der Wohnhäuser – es sind 12 Wohnungen vor allem für Senioren und Familien geplant – mehr parkende, aber auch sich gefährlich entgegenkommende Autos in den engen Gassen.

Wie viel Ermessensspielraum hat das Bauamt?

„In Praxis ist das Gebiet schon jetzt vollgestellt“, sagt Audlind Vohland, Anwohnerin. Die Müllabfuhr komme kaum durch, sobald die Post ausgeliefert werde, komme niemand mehr die Straße rein oder raus, Gehsteige gebe es nur noch auf städtischen Planskizzen aber nicht in der Realität. „Es ist jetzt schon katastrophal, bei geringerer wie der nun geplanten Belastung. Und nun soll da nochmal Platz für 16 Autos geschaffen werden“, sagt Vohland. „Es wird ein Verkehrskollaps geschaffen, der nur auf dem Papier vermieden wird“, ergänzt Gordian Bachmann, einer der BI-Köpfe.

Knackpunkt ist die geplante Stellplatz-Anordnung an der Grundstücksgrenze „Zur Hege“. Auf einigen Metern soll dort wohl auch ein öffentlicher Grünstreifen für die Erschließung, die Zufahrt auf die Parkplätze zur Verfügung gestellt werden. Die Verkehrssituation sei „sehr schwierig“, die aktuelle Parkplatz-Planung „nicht schön“, sagt Bauamtsleiter Walter Ruth. Doch eben wegen der engen „Zur Hege“ wolle man über das Okay zur Nutzung des Grünstreifens eine „Entschärfung“, ein näheres Heranrücken der Stellflächen an die Häuser als an die Straße herbeiführen.

Nachbarn halten den Schritt für unzulässig, da das Baugrundstück offiziell bereits „Über der Kirch“ erschlossen sei und es keine zweite Zufahrt brauche. Verkehrsbehörden-Chef Harald Schröder verweist indes darauf, dass – wenn die Probleme so gravierend und akut sind wie die Wehrshäuser schilderten – schon jetzt und jederzeit „ordnungsrechtlich“, also mit Strafzetteln dagegen vorgegangen werden könne.

Bauamtsleiter Ruth, Stadtplanerin Manuela Klug und Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) wiederholten indes, dass die Rahmendaten des Bauprojekts exakt so seien, wie für Hunderte andere, die in der Vergangenheit in Wehrshausen Häuser bauten. Die Besonderheit: Auf dem sehr großen Grundstück stehe bisher ein kleines Haus, nun kämen zwei größere auf die Fläche – aber alles bewege sich inner- und bei Versieglung unterhalb der Maximalgrenzen.

Klar ist: Es gibt verschiedene rechtliche Auffassungen zwischen Bauamt und Bürgerinitiative speziell was einen Ermessensspielraum bei der Genehmigung angeht. Während die Bauverwaltung davon spricht, dass sie zu einem Okay gegenüber den Bauherren verpflichtet ist, weil dieser alle Auflagen einhalte, zweifelt die Nachbarschaft vor allem an der tatsächlichen Staffelgeschoss-Zulässigkeit. Die von der Stadt angelegte, aktuelle Definition entspreche nicht dem, was die Macher des Bebauungsplans 1970 mit Staffelgeschossen in einem Einfamilien-Haus-Dorf im Sinne gehabt hätten. Und das Ermessen gelte ebenso bei den Verkehrs-, Stellplatz- und Zufahrtsfragen. „Man kann mehr tun, als sich nur auf formaljuristisches Recht zurückziehen“, sagt Dr. Gisela Babel.

Bauherren melden sich: Signal für Plan-Änderungen

Nach Wochen der Kritik haben sich auch die Investoren mit einer Stellungnahme zu Wort gemeldet. Sie betonen, dass die Gebäudehöhe nicht jene der Nachbarschaft überschreite, ein Regenrückhaltebecken gebaut, alte Eichen erhalten, gefällte Bäume kompensiert und 24 Parkplätze – nicht im öffentlichen Straßenraum – ausgewiesen würden. „Wir sind von hier und eben keine Großinvestoren und wollen Wohnraum bieten, der gebraucht wird“, heißt es in einem von Ortsbeirätin Dr. Gertrud Thedinga vorgelesenen Brief.

Entfacht worden sei der Widerstand durch eine „grob falsche“ Fotomontage, sagt Stötzel. „Da wird ein beunruhigendes Bild gezeichnet, das eher an Bebauung auf dem Richtsberg erinnert. Mit der Realität hat das nichts zu tun“, sagt er und zeigt die offizielle Darstellung der privaten Bauherren. Ergebnis: Etwa halb so hohe Gebäude. Die Hanglagen-Häuser sorgen trotzdem für Unmut. „Klotzig“, „klobig“ rufen manche und fordern eine Reform des 50 Jahre alten Bebauungsplans. Klug warnt davor. „So könnten schnell Veränderungen auch bei Bestandsbauten, An- und Umbauten unzulässig werden.“

Wehrshausens Ortsvorsteher Andreas Bergmann spricht von „Signalen“ der Bauherren „für gewisse Änderungen“ im Nachgang von jüngsten Gesprächen mit dem Ortsbeirat. Stötzel: „Es wird nachgearbeitet.“ Ortsbeirätin Thedinga: „Sowohl für friedliches Zusammenleben als auch für die Dorf-Struktur sind Kompromisse nötig.“

Von Björn Wisker