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Marburg Projektierer lässt Michelbacher zappeln
Marburg Projektierer lässt Michelbacher zappeln
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18:13 06.09.2020
Wird nun in Michelbach eine Windkraftanlage gebaut oder nicht? Die Firma UKA schweigt weiter. Quelle: Archivfoto: dpa
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Michelbach

Noch immer herrscht Unklarheit darüber, ob die Firma UKA Meißen am Görzhäuser Hof eine Windkraftanlage der neuesten Generation bauen möchte. Auch eine Ortsbeiratssitzung in Michelbach, die dieses Thema eigentlich behandeln sollte, brachte wenig Aufschluss.

Das Regierungspräsidium in Gießen, das für eine Baugenehmigung zuständig ist, teilte auf Nachfrage der OP lediglich mit, „erste Kontakte“ habe es gegeben. Ein Antrag auf eine Immissionsschutzrechtliche Genehmigung „ist hier im Regierungspräsidium Gießen nicht registriert“, sagte der stellvertretende Pressesprecher Thorsten Haas. Ein Antrag sei ursprünglich für den Sommer 2020 avisiert gewesen.

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UKA Meißen äußerte sich bislang nicht zu der Anfrage der OP, die den Projektierer am Mittwoch zugegangen war.

Dieser Umstand deckt sich mit den Erfahrungen von Thomas Riedel, dem Vorsitzenden der Bürgerinitiative Windkraft Görzhausen. Er beklagte auf der Sitzung des Ortsbeirats eine gewisse „Sprachlosigkeit“ des Projektierers, der sich auch gegenüber der Bürgerinitiative nicht äußert.

Einen Hang zur Intransparenz könne man UKA aber nicht nachweisen, sagte ein Vertreter des Umweltministeriums auf eine kleine Anfrage der FDP im Sommer.

Nach dem Rückzug des heimischen Investors Krug Energie aus dem Projekt „Windpark Görzhäuser Hof“ hatte der Projektierer UKA Meißen gesagt, er wolle ein einzelnes Windrad bauen. Rechtlich ist das möglich, auch wenn auf der Vorrangfläche drei Windkraftanlagen vorgesehen sind. Der Gesetzgeber schreibe nicht vor, dass Windräder vom gleichen Bauherrn gebaut werden müssten, schrieb das Umweltministerium in seiner Antwort auf die kleine Anfrage.

So herrschte ein gewisses Maß an Ratlosigkeit im gut gefüllten Bürgerhaus in Michelbach, die Riedel als vom Ortsbeirat eingeladener Referent noch befeuerte. „UKA verkauft fertige Windkraftanlagen gerne auch mal Investoren weiter“, so Riedel.

Ortsbeiratsmitglied Agnes Kaminski wollte wissen, ob das Gremium nicht seinen Beschluss gegen eine Windkraftanlage in Sicht- und Hörweite des Ortes erneuern wolle. Die Stellungnahme war aber seinerzeit unter der Voraussetzung abgegeben worden, dass Krug Energie bauen wolle, also ein heimisches Unternehmen.

Im Nachbarort Dagobertshausen will der Ortsbeirat erst einmal weitere Informationen einholen, ehe er sich zur Problematik positioniert, sagte Ortsvorsteher Peter Reckling – um sich für diese Haltung einen Rüffel von Thomas Riedel einzuhandeln: „Abwarten hilft nicht", sagte Riedel, „sonst werden wir vor vollendete Tatsachen gestellt.“ Immerhin, so Reckling, habe die Stadtverordnetenversammlung aber Informationsveranstaltungen beschlossen.

Das Parlament hat sich zum Standort Görzhäuser Hof bislang – anders als zum Standort Lichter Küppel – noch nicht konkret geäußert.

„Keine Hypothekfür die Zukunft“

Auch in Michelbach gibt es nicht nur ablehnende Stimmen. „Windkraftanlagen mögen nicht schön sein, aber sie hinterlassen anders als Kohlekraftwerke oder Atomkraftwerke keine Hypothek für die Zukunft“, sagte etwa Zuhörer Reiner Friebertshäuser.

Zuvor hatte der Geschäftsführer der Landesenergieagentur Hessen, Dr. Karsten McGovern, in einem knapp einstündigen Vortrag Grundsätzlicheres erörtert: Er erinnerte an die Grundlage der derzeitigen Genehmigungsdebatten in Hessen: 2011 legte der Hessische Energiegipfel unter Beteiligung aller politischen Parteien und der wichtigen gesellschaftlichen Gruppen in Hessen unter dem Eindruck des Atomunglücks von Fukushima Ziele für Energiewende und Klimaschutz fest: 50 Prozent weniger klimaschädliche Emissionen bis zum Jahr 2030. Dieses Ziel, so Dr. McGovern, früher Vize-Landrat im Kreis Marburg-Biedenkopf, sei ohne Windkraft nicht erreichbar. Dies ist die inhaltliche Grundlage dafür, dass in den Regionalplänen Vorranggebiete für Windenergie geschaffen worden seien.

Ziel ist, zwei Prozent der hessischen Landesfläche für Windkraft zu nutzen. Anders herum heißt das: „Erst durch die Vorranggebiete werden 98 Prozent der Landesfläche von der Windkraft ausgenommen“, sagte Dr. McGovern.

Im Falle Michelbach geht es wie in vielen anderen Fällen auch um ein Wind-Vorranggebiet, das umstritten ist. Dr. McGovern konstatierte das Schutzrecht etwa für Vögel oder Fledermäuse und verwies auf die Genehmigungsverfahren. Ganz am Ende seines für seine Unparteilichkeit mehrfach gelobten Vortrags appellierte McGovern an die Zuhörer: „Auch Sie können zum Gelingen der Energiewende beitragen – sie könnten ein höheres Maß an Akzeptanz mitbringen, wenn Sie auf ein Stück schöne Aussicht verzichten müssen.“

Von Till Conrad

06.09.2020