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Marburg Seidenstraße im Kerner kennenlernen
Marburg Seidenstraße im Kerner kennenlernen
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09:58 29.10.2020
Mitarbeiter der Hafenlogistik verladen Porsche Fahrzeuge in Containern. Die Autos werden in Bremerhaven mit dem Zug über die neue Seidenstraße nach China gebracht. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
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Marburg

Von Ost nach West heißt die alte Handelsverbindung „Seidenstraße“. Von West nach Ost könnte sie auch „Glasstraße“ heißen, sagen Forscher. Denn während von China aus Seide auf den Weg nach Europa gebracht wurde, so waren es vom Abendland aus Gold, Edelsteine und eben vor allem Glas. Doch neben den Handelsgütern wurden auch Religionen weiter verbreitet. Der Buddhismus beispielsweise ist über die Seidenstraße von Indien nach China und Japan gekommen und wurde dort zur vorherrschenden Religion.

Doch genauso wie religiöse Vorstellungen oder kulturelle Güter, verbreiteten sich wiederholt Krankheiten und Infektionen entlang der Seidenstraße. Fernreisende halfen den Erregern so, Populationen anzugreifen, die weder ererbte noch erworbene Immunität gegen die Krankheiten, die sie auslösten, besaßen. Es entstanden Epidemien, die zu dramatischen Konsequenzen führten. So kam der „schwarze Tod“ im 14. Jahrhundert über Ratten durch Pelztransporte nach Europa. Seltsam ist aber, dass weder in China noch in Indien eine ähnliche Epidemie durch den Pesterreger ausbrach.

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Seidenstraße bedeutet Kooperation

Genau diesen Phänomenen will der Verein der Orientalischen Christen in Marburg St. Michael auf den Grund gehen. Unter dem Motto „Seidenstraße – vielfältiger Austausch zwischen Orient und Okzident“ gibt es im November drei Veranstaltungen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und auch noch einmal unterstreichen: „Die Menschen brauchen Kooperationen über die Landesgrenzen hinweg. Wir brauchen diesen demokratischen Austausch. Die Seidenstraße ist sozusagen der Inbegriff der Kooperation“, erklärt Gert Meyer. Der Historiker wird am Sonntag, 15. November, einen Vortrag halten: „Die große Reise. Marco Polo auf der Seidenstraße nach China“ lautet der Titel. Der Italiener hat beispielsweise auf seinen Reisen mongolisch gelernt und etwas bis dahin völlig Fremdes nach Europa gebracht: die Baumallee. Bäume an Straßen und Wegen gab es im 13. Jahrhundert im Abendland nämlich nicht.

Eine Woche später, am 22. November, gibt es einen armenischen Abend im Kerner. Wahan Ohanyan präsentiert Lyrik aus seinem jüngsten Buch. „Neben dem Handel gab es auch einen kulturellen Austausch auf der Seidenstraße“, weiß Ramzi Aljat. Der Syrer ist seit 1991 in Deutschland und Mitglied der orientalischen Christen in Marburg. Die christliche Gemeinde auf dem Gebiet des heutigen Syrien ist eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt. „Damaskus ist ein wichtiger heiliger Ort für uns“, sagt Ramzi Aljat. Durch den Bürgerkrieg haben allerdings viele Christen das Land verlassen. „Syrien zeigt doch: wir brauchen Frieden, um uns auszutauschen. Die Seidenstraße hat auch nur funktioniert, wenn Frieden war“, betont er.

Mitstreiter für 800-Jahr-Feier gesucht

Und Xiaotian Tang ergänzt: „Krieg ist die größte Bremse für den Fortschritt.“ Die Ausländerbeauftragte der Stadt Marburg wird schon am kommenden Sonntag, 1. November, einen Vortrag über den Start der Seidenstraße in Xian halten und die Besucher auf eine Reise der Zeit und des Raumes mitnehmen. Sie ist begeistert von dem interkulturellen Projekt in der Stadt Marburg, in der 142 Nationen leben. „Einige von ihnen kommen ja vielleicht sogar aus Ländern entlang der Seidenstraße“, sagt Organisatorin Jehan Laktineh und ergänzt: „Sie können sich gerne bei uns melden. Wir suchen noch viele Mitstreiter für das Projekt, das noch bis zur 800-Jahr-Feier von Marburg laufen soll. Zu den Feierlichkeiten will der Verein dann unterschiedliche Karawanen darstellen. Dafür zeichnet Dr. Ilina Fach verantwortlich. Über die ganze Stadt verteilt sollen unterschiedliche Länder entlang der Seidenstraße vorgestellt werden und wie, beziehungsweise mit was sie Handel getrieben haben. Das Projekt wird unter anderem unterstützt vom Ausländerbeirat der Stadt Marburg und dem Förderprogramm WIR der hessischen Landesregierung. In der Gegenwart ist die ehemalige Seidenstraße übrigens zu zweifelhaftem Ruhm gekommen. Denn sie wird auch als Heroin-Highway bezeichnet. So dient sie beispielsweise dem Schmuggel von Drogen, hauptsächlich Opium und Heroin, von Afghanistan nach Europa, China und Russland sowie dem Transport des zur Herstellung von Heroin notwendigen Essigsäureanhydrids von Europa zurück nach Afghanistan. Durch Tadschikistan beispielsweise werden jährlich etwa 700 Tonnen Heroin geschmuggelt, ungefähr 43 Tonnen unterschiedlicher Rauschgifte werden allerdings nur beschlagnahmt.

Alle Veranstaltungen beginnen um 15 Uhr im Begegnungszentrum Kerner der Lutherischen Pfarrkirche, der Eintritt ist frei. Das Hygienekonzept schreibt eine schriftliche Anmeldung per E-Mail bis Donnerstag vor der Veranstaltung an seidenstraße.jl@gmail.com vor.

Von Katja Peters

29.10.2020
29.10.2020