Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Progressive Provinz Marburg?
Marburg Progressive Provinz Marburg?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:58 20.03.2021
Der Unternehmensberater und selbst ernannte "Trend- und Zukunftsforscher" Matthias Horx.
Der Unternehmensberater und selbst ernannte "Trend- und Zukunftsforscher" Matthias Horx. Quelle: Gregor Fischer/dpa
Anzeige
Marburg

Progressive Provinz? Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) zeigte sich am Donnerstagabend spontan begeistert von der Wortschöpfung des Zukunftsforschers Matthias Horx, die dieser in seinem Vortrag auf Marburg zuschnitt. „Das passt perfekt auf Marburg. Es zeigt das Laborhafte und Experimentierfreudige der Stadt“, meinte Spies.

Chancen für fortschrittliches Denken aufzeigen

Horx hatte seinen Begriff allerdings schon im Jahr 2019 das erste Mal verwendet und also nicht exklusiv für die oberhessische Universitätsstadt reserviert gehabt. Stattdessen sei es ihm darum gegangen, die Chancen für fortschrittliches Denken und die intellektuellen Potenziale aufzuzeigen, die auch in ländlichen Gebieten jenseits der großen Städte schlummern würden, erläuterte er.

„Der Begriff ist schon provokativ“, machte Matthias Horx deutlich. Damit könne man auch Klischees knacken. Bei seinen Vorträgen „auf dem Land“ sei er dabei auch schon einmal auf Gegenwind gestoßen. „Jetzt sollen wir also auch noch progressiv sein“: Mit diesem Tenor hätten einige Zuhörer ablehnend reagiert.

Horx: Begriff als Stadtwappen

Wie man das Schlagwort der „progressiven Provinz“ auf Marburg betrachtet verstehen kann, demonstrierte Horx mit der Bebilderung in seiner Präsentation. Dort zeigte er ein Bild der neuen, modernen Uni-Bibliothek direkt neben dem Grün des Alten Botanischen Gartens. „Sie sind hier nahe genug an den Ballungsgebieten und haben eine große Universität und ein paar tolle Betriebe“, zählte Horx zudem die weiteren „Segnungen Marburgs“ auf.

Bei OB Spies und bei Richard Laufner, als Kurator des Stadtjubiläums „Marburg 800“ Moderator des Abends, dockte Horx mit seiner Begrifflichkeit perfekt an. „Sie dürfen den Begriff gerne auf dem Stadtwappen verwenden“, freute sich der Zukunftsforscher über die Wertschätzung.

Überthema war die Corona-Krise

Doch bei aller Marburg-Euphorie war das einstige oberhessische Bergdorf nicht das Hauptthema des Horx-Vortrags. Stattdessen ging es vor allem um das Überthema der vergangenen Monate: die Corona-Krise. Die Hauptthese des Zukunftsforschers: Wir befinden uns als bundesdeutsche Gesellschaft derzeit in der dritten Phase einer vierstufigen Abfolge – analog der klassischen Reihenfolge bei „allen großen Abenteuern“.

Nach der ersten „Corona-Euphorie“, bei der viele Menschen im ersten Lockdown trotz aller Probleme auch völlig neue Erfahrungen mit einem neuen Zusammenhalt gemacht hätten, sei in Phase zwei eine Normalisierung eingetreten. Die jetzige Phase drei sei gefährlich, weil es darin zu vielen Streitigkeiten komme. Horx hofft aber, dass spätestens in ein paar Monaten die Phase vier eintritt, in der alle Irrtümer und auch schwierigen Erfahrungen schließlich in ein System des Gleichgewichts, ein „pandemisches Equilibrium“, einmünden.

Krise setzt Widerstandskräfte frei

Die aktuelle Corona-Krise bedeute für viele Menschen zwar Leiden, Konfrontation und Kontrollverlust, aber sie setze auch Widerstandskräfte frei, diagnostizierte der Zukunftsforscher.

Der Online-Abend fand in einem interessanten Setting statt: Horx war aus seinem Haus in Wien virtuell und „unmaskiert“ zugeschaltet; Laufner und Spies sowie die Mitdiskutanten Doris Heineck (Freiwilligen-Agentur Marburg) und Anglistik-Professor Jürgen Handke standen „live“ mit Abstand und Corona-Maske nebeneinander auf einem Podium.

Gründer eines Zukunftsinstitutes

Und Matthias Horx, der vor dem Hintergrund einer Sternenhimmel-Wandtapete redete, wirkte fast wie ein Besucher aus einer anderen Galaxie.

Das passte wiederum zu den Zukunftsszenarien, mit denen der Ex-Journalist in seiner zweiten Karriere als Gründer eines Zukunftsinstitutes seit Jahren hantiert. Horx stellte in Marburg auch einen Teil seines Handwerkszeugs vor, wie zum Beispiel die einem U-Bahn-Fahrplan nachempfundene Karte von Begriffen (Megatrend-Map), in der aktuelle Entwicklungen in der Pandemie gespiegelt wurden – von einer Wiederentdeckung des ländlichen Raums als Wohnort (Rurbanisierung) bis hin zu neuesten Digital-Trends.

Zukünftige Welt ist unberechenbar

Kann die Stadt Marburg von den Horx-Ideen für die im Feier-Jahr 2022 geplanten Zukunftswerkstätten Anregungen mitnehmen, wollte OB Spies von dem Zukunftsforscher wissen. Dieser dämpfte allerdings zu hohe Erwartungen in Zukunftslabore, denn schließlich sei die zukünftige Welt eher unberechenbar. „Man braucht Humor für diese Prozesse und zudem Tanz und Eleganz und nicht den sozialpolitischen Bierernst, der auch nicht ganz weit weg von Marburg ist“, schrieb Horx, ehemals Bewohner einer studentischen Sponti-WG in Frankfurt, den Marburger Verantwortlichen ins Stammbuch.

Von Manfred Hitzeroth

20.03.2021
Marburg Oberbürgermeisterwahl - Duell der Stichwahl-Kandidaten
22.03.2021