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Marburg Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern
Marburg Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern
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16:00 05.09.2019
Psychologin Beate Kettemann und Professor Michael Franz haben das Trainingsprogramm „YourCoach“ nach Marburg geholt. Es ist speziell für Kinder und Jugendliche psychisch kranker Eltern. Quelle: Susanne Richter-Polig/Vitos Marburg-Gießen
Marburg

„Es ist eine ideale­ ­Situation“, sagt Psychologin Beate Kettemann. „Ich kann jetzt hier all meine Erfahrung einbringen“, ergänzt sie noch. Denn an der Vitos-Klinik in Marburg gibt es jetzt auch das spezielle Trainingsprogramm „YourCoach“ für Kinder und Jugendliche, deren Eltern an einer psychischen Erkrankung leiden.

„Das ist keine Therapie. Das ist Prävention“, betont der Ärztliche Direktor Professor Michael Franz, der das Konzept mit Beate Kettemann federführend entwickelt und in Nordhessen in die Umsetzung gebracht hat. Die Kinder psychisch Erkrankter rücken erst seit einigen Jahren in den Fokus der Betreuung. „Das ist gut! Weil die Kinder sehr leiden. Die Erkrankung eines Elternteils führt zu einer großen Belastung“, erklärt Michael Franz. Er weiß, dass diese Kinder und Jugendlichen zur Hochrisikogruppe zählen, später selbst psychisch krank zu werden.

"Sie opfern sich auf, ohne Rücksicht auf sich selbst"

Dabei spielen vor allem drei Risiken eine Rolle:

  • Das genetische Risiko: Dieses kann durch positive Umwelterfahrungen kompensiert werden, weiß der Professor.
  • Die psychosoziale, allgemeine Risikobelastung: Wenn ein Elternteil erkrankt, dann geht das nicht selten mit dem Verlust des Arbeitsplatzes einher. Oft trennen sich Paare, weil der Partner mit der Situation überfordert ist. „Es folgt der soziale Abstieg und die Vernachlässigung des Nachwuchses“, erklärt der Direktor den Teufelskreis.
  • Das dritte Risiko ist die emotionale Belastung der Kinder: Sie erleben Stigmatisierung oder haben Angst davor. In der Familie wird nicht über die Erkrankung selbst und die damit einhergehende Veränderung des Elternteils oder der Gesamtsituation geredet. Die Kinder kommen in einen Loyalitätskonflikt. Sie entwickeln oft Schuldgefühle, obwohl sie gar keine Schuld haben. „Kinder halten zu ihren Eltern, bis sie nicht mehr können. Sie haben mal Angst um und mal Angst vor den Eltern“, berichtet Michael Franz.

All das geht nicht spurlos an den Kindern und Jugendlichen vorbei. „Sie opfern sich auf, ohne Rücksicht auf sich selbst“, weiß Beate Kettemann und ist genau deshalb von dem Programm so überzeugt. Denn es gibt dem Nachwuchs Hilfe und Unterstützung, fungiert als Wegweiser. „Es gibt genügend therapeutische und Hilfs-Angebote, aber sie werden nicht in ­Anspruch genommen“, hat die ­Psychologin festgestellt.

Eltern haben Angst vor ihnen, sehen ihre Erziehungskompetenz infrage gestellt, haben Angst davor, jemand Fremden in die Wohnung zu lassen. Und wenn die Angebote doch genutzt werden, dann ist es meistens viel zu spät. „Körperliche Symptome von Depressionen bei Kindern sieht man nicht so gut. Sie verhalten sich meist ruhig und unauffällig“, erklärt Beate Kettemann.

„Wir haben eine Lücke entdeckt. Nach den Kindern wird erst geguckt, wenn sie so auffällig sind, dass das Jugendamt informiert wird“, hat Michael Franz festgestellt. Mit dem Programm „Your­Coach“ wollen er und Beate Kettemann genau diesem Phänomen entgegenwirken.

Jugendliche sind kooperativ und nehmen Hilfe an

Am Anfang und am Ende des Coachings steht ein gemeinsames Gespräch mit der Familie. In den sechs Einzelsitzungen mit der Psychologin wird eine Strategie erarbeitet, die das Kind stärken soll. Etwa drei Monate­ nach dem Abschlussgespräch gibt es noch mal ein Treffen, um zu klären, ob Ziele umgesetzt wurden und ob weitere Hilfe benötigt wird.

Beim Programm in Bad Emstal waren die Jugendlichen sehr kooperativ und nahmen die Hilfen sehr gut an. Das jedenfalls ergaben die Ergebnisse der Studie, die jetzt in Marburg fortgeführt werden soll. „Die Kinder erhalten Aufmerksamkeit und Raum, ihre Fragen zu stellen. Endlich erklärt ihnen mal einer, die Erkrankung ihrer Eltern. Sie werden gefragt, sie werden aufgeklärt und erlernen Strategien, gesund zu bleiben, um eine seelische Erkrankung auszuschließen“, erklärt Beate Kettemann das Programm, an dem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 24 Jahren aus dem gesamten Landkreis teilnehmen können, deren Eltern an einer psychischen Erkrankung leiden.

Immer dienstags um 16 Uhr bietet sie eine Sprechstunde in den Räumen der Marburger Vitos-Klinik (Haus 3) an, wo Details zur Teilnahme geklärt werden können. „Wir machen sie fit für die Inanspruchnahme, helfen und ziehen uns dann wieder zurück“, so Michael Franz, der das Programm, wenn es ähnlich erfolgreich wie in Nordhessen läuft, in die Routine übernehmen will.

Kontakt: Beate Kettemann, beate.kettemann@vitos-giessen-marburg.de, 0 64 21 / 40 47 76.

von Katja Peters