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Marburg Denise Hilfiker-Kleiner kommt nach Marburg
Marburg Denise Hilfiker-Kleiner kommt nach Marburg
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16:14 28.09.2020
Professorin Denise Hilfiker-Kleiner, die neue Marburger Medizin-Dekanin, steht vor der Marburger Elisabethkirche. Quelle: Foto: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Das oberhessische Bergland oder die Ostsee: Zwischen diesen beiden neuen Wohnort-Alternativen musste die Medizin-Professorin Denise Hilfiker-Kleiner sich entscheiden, die seit zwölf Jahren als Professorin für Molekulare Kardiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover arbeitet und dort für sieben Jahre – bis März dieses Jahres – auch als Forschungsdekanin tätig war. Denn zeitgleich wurde sie von zwei Medizinischen Fakultäten, und zwar der Moritz-Arndt-Universität Greifswald und der Philipps-Universität, zur Dekanin gewählt. Letztlich entschied sich die gebürtige Schweizerin für die etwas bergigere Landschaft, aber nicht nur, weil die Region um Marburg sie ein wenig an ihre Heimat in der Mittelschweiz erinnert.

Begeistert ist sie von der vielfältigen und exzellenten Forschungslandschaft und den innovativen Lehrkonzepten in Marburg. Interessant findet sie auch, dass in Marburg das Uni-Klinikum und der universitäre Bereich auf der wirtschaftlichen Seite voneinander getrennt sind, sagt sie im Gespräch mit der OP. Die 2006 erfolgte Fusion der Standorte Marburg und Gießen und die Privatisierung des mittelhessischen Uni-Klinikums sind bundesweit ebenso einmalig wie die Situation in Hannover. Dort ist die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) nicht nur die einzige rein medizinische Universität in Deutschland, sondern sie praktiziert auch als einzige das Integrationsmodell von Klinik, Forschung und Lehre.

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Obwohl die MHH damit das komplette Gegenteil des Marburger Konzepts darstellt, wirkten die Folgen der Privatisierung der beiden mittelhessischen Klinika auf Hilfiker-Kleiner nicht abschreckend. „In den vergangenen 10, 15 Jahren stehen aufgrund des Wandels im Gesundheitssektor mit wachsenden Aufgabenprofilen der Universitätskliniken sowie den hohen Ansprüchen in Lehre und Forschung und dem wirtschaftlichen Druck bisherige Modelle der Uni-Kliniken auf dem Prüfstand“, sagt sie. „Das Marburger Modell ist unter diesen Gesichtspunkten innovativ, interessant und bietet Potenzial.“

Geboren in der Schweiz am Zürichsee entwickelte sie ihre Begeisterung für Naturwissenschaften und Biologie schon als Kind. Die Wahl des Studienfachs Biologie war folgerichtig, später spezialisierte sie sich auf klassische und molekulare Genetik und Entwicklungsbiologie. Sie promovierte in diesem Fach an der Universität Zürich und an der Emory University in Atlanta (USA). Während des Studiums lernte sie auch ihren späteren Ehemann Andres Hilfiker kennen, mit dem sie an beiden Standorten gemeinsam geforscht hat. Nach einem vierjährigen USA-Aufenthalt in Atlanta kehrte das Wissenschaftler-Paar wieder nach Europa zurück, dieses Mal nach Deutschland. Aus Hannover gab es 1997 das Angebot des Herzforschers Professor Helmut Drexler, für die von ihm geleitete dortige Kardiologie ein Molekular-Labor völlig neu aufzubauen.

Für Denise Hilfiker-Kleiner bedeutete dies einen kompletten Wechsel des wissenschaftlichen Feldes. Seit damals hat sie sich einen Namen in der Kardiologie gemacht. Ihre Spezialgebiete sind die molekularen Mechanismen der Herzinsuffizienz und insbesondere der „peripartalen Kardiomyopathie“ (PPCM) sowie der Krebs-assoziierten Kardiomyopathie. Für die PPCM – eine schwere Herzschwäche bei vorher herzgesunden Frauen in den letzten Wochen vor und den ersten Monaten nach einer Geburt mit einer Häufigkeit von 1:1 500 bis 2 000 – hat sie einen weltweit einzigartigen Schwerpunkt geschaffen.

Forschung und Lehre am traditionsreichen Fachbereich Medizin ist oft in der Spitze noch eine Männer-Domäne, was auch Hilfiker-Kleiner bewusst ist. Als berufstätige Mutter von zwei Kindern hat sie zudem auch selbst erfahren, wie schwierig es immer noch für Frauen ist, sich in so einem Umfeld zu behaupten. Die Position der Frauen in der medizinischen Forschung zu stärken und die „gläserne Decke“ zu durchbrechen, die Frauen von Spitzenpositionen fernhält, ist ihr auch in Marburg ein Anliegen. „Das lässt sich aber nur verändern, wenn die entscheidenden Mitspieler zu überzeugen sind, in anderen Mustern zu denken und neue Konzepte zu wagen“, meint die neue Dekanin. „Der anstehende Generationswechsel in den Leitungsebenen ist hier eine Chance, die es zu nutzen gilt.“

Von Manfred Hitzeroth