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Marburg Renz: Das Risiko ist noch groß
Marburg Renz: Das Risiko ist noch groß
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11:57 15.05.2020
Professor Harald Renz, hier bei einem Pressegespräch, rät: Mund und Nase gut schützen! Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Sie haben Fragen rund um das Coronavirus? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an beratung@op-marburg.de. Wir sortieren die Fragen vor und legen sie danach einem Experten vor.

Die Antworten drucken wir für Sie in der Oberhessischen Presse ab und teilen sie in unseren sozialen Medien. Diesmal beantwortet Professor Dr. Harald Renz, ärztlicher Geschäftsführer am Uni-Klinikum Marburg, Fragen zur Übertragung des Coronavirus und den Folgen einer Infektion.

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Was kann jetzt noch jeder Einzelne tun?

Es ist auf der einen Seite absolut verständlich, dass vielen von uns in den letzten Wochen und Monaten „die Decke auf den Kopf gefallen ist“ und wir uns jetzt wieder ins normale berufliche und private Alltagsleben stürzen wollen, aber Vorsicht! Die Verlockungen sind groß, das Risiko aber auch!

Ganz wichtig: Jeder von uns hat es jetzt selbst in der Hand. Ganz oben auf der Prioritätenliste stehen die allgemeinen Verhaltensregeln, die unbedingt jeder und immer einhalten sollte:

  • Masken tragen,
  • Mund und Nase gut schützen,
  • Händedesinfektion und Händewaschen,
  • Abstand zu den Mitmenschen einhalten.

Dies gilt immer dann, wenn wir uns außerhalb der eigenen vier Wände bewegen. Gerade die Masken spielen eine ganz wichtige Rolle. Am effektivsten und sichersten ist der medizinische Mund-Nasen-Schutz. Die einfachen medizinischen Masken halten die Tröpfchen, die sich beim Sprechen bilden, sehr effektiv ab und schützen damit unsere Mitmenschen.

Zu einem geringeren Teil werden wir durch den Mund-Nasen-Schutz auch vor den Tropfen der anderen Mitmenschen geschützt. Weil das aber beim normalen Mund-Nasen-Schutz nicht so effektiv ist, ist es besonders wichtig, dass wir beim Reden und Diskutieren den notwendigen Abstand halten und dass unsere Gesprächspartner ebenfalls Mund-Nasen-Schutz tragen (damit schützt der Gesprächspartner uns).

Leider ist die Effizienz der wunderbaren, bunten und hübschen, selbstgenähten Masken unbekannt – oder, wenn Messungen gemacht worden sind (z. B. bei unseren Krankenhaushygienikern), hat sich gezeigt, dass der Schutz deutlich schlechter als bei dem professionellen medizinischen Mund-Nasen-Schutz ist. Das sollte bei allem „Modebewusstsein“ beim Mund-Nasen-Schutz mit bedacht werden.

Warum schauen wir jetzt vermehrt auf die Zahlen bei uns in der Region?

Die erste Phase der Pandemie war geprägt durch den Blick auf die Intensivmedizin. Wir kennen unsere intensivmedizinischen Kapazitäten in der Bundesrepublik jetzt ganz genau, wir wissen, wann, wo, wie viele Intensivbetten zur Verfügung stehen, und Patienten können entsprechend versorgt werden.

Wir haben in dieser Phase auch feststellen dürfen, dass wir ausreichend Intensivkapazitäten in Deutschland haben, wenn es uns gelingt, eine solche Pandemie „in die Länge zu ziehen“ und ihr den steilen Anstieg und den Gipfel zu nehmen. Am Anfang war dies alles mit großen Unsicherheiten verbunden, weil keiner wusste, mit wie vielen Patienten wir rechnen müssen.

Zum großen Glück ist aber nirgendwo – auch nicht in den Hotspot-Regionen im Süden und Westen – das System überlastet worden.

Damit haben wir die zweite Phase der Pandemie jetzt erreicht. Immer noch kommt es zum Anstieg an Neuinfektionen, immer noch bewegen wir uns auf einem Plateau, sind also bei Weitem noch nicht „über den Berg“.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Gleichzeitig erkennen wir aber, dass die Verbreitung der Neuinfektionen regional in der Bundesrepublik, aber auch in Hessen ganz unterschiedlich ist. Und genau auf diese regionale Sichtweise kommt es jetzt an. Die Regionen sind heruntergebrochen auf die Landkreisebene, und dort sind an vorderster Front die Gesundheitsämter tätig, so auch unser Gesundheitsamt im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Hier gilt es also jetzt vor Ort tagesgenau und wochenaktuell zu schauen, wo wir in Bezug auf neu infizierte Patienten stehen. Und dann wissen wir eben, dass bei einer bestimmten Anzahl von Neuinfektionen auch wieder mit Patienten zu rechnen ist, die ins Krankenhaus oder gar auf die Intensivstation aufgenommen werden müssen.

Dies alles gilt es jetzt regional im Blick zu halten, und wenn die Zahlen bei uns wieder deutlich ansteigen, dann muss entsprechend regional reagiert werden. Es macht auf lange Sicht keinen Sinn, einen Landkreis in Sachsen-Anhalt unter Lockdown zu stellen, wenn bei uns die Zahlen ansteigen. Wenn bei uns die Zahlen ansteigen, müssen wir hier vor Ort reagieren, und dies dann sehr schnell.

Auch deswegen gilt: Wir haben es in unserer Region selbst in der Hand; wenn wir uns hier richtig und verantwortungsvoll verhalten, dann haben wir eine hohe Chance, dass wir in unserem Landkreis gut auch über die zweite Phase der Pandemie hinwegkommen. Das ist nicht selbstverständlich und muss von uns allen hart erarbeitet werden.

Was gibt es Neues zu Covid-19-Erkrankungen?

Umso mehr Patienten an Covid-19 erkranken, umso mehr Erfahrungsberichte wir aus anderen Regionen erhalten, wie z. B. jüngst aus den USA, umso besser lernen wir dieses sehr vielschichtige Bild der SARS-CoV-2 Infektion kennen. Dieses Coronavirus ist nicht nur ein Virus, welches die Lunge und die Atemwege befällt, sondern mittlerweile kann davon gesprochen werden, dass SARS-CoV-2 eine „Systemerkrankung“ auslöst.

Die Krankheitsbilder dieser Infektion sind extrem vielschichtig. In jüngster Zeit wird deutlich, dass die Blutgefäße hierbei eine ganz wichtige Rolle spielen. Ob dies daran liegt, dass das Virus die Innenwände der Blutgefäße direkt infiziert, oder ob die Störungen an den Blutgefäßen indirekt durch die Viruserkrankung an anderen Orten bedingt sind, ist nach wie vor noch relativ offen.

Aber eines ist klar: Durchblutungsstörungen finden sich bei einer stattlichen Zahl von Patienten. Neben Schlaganfällen gibt es auch Berichte über Thrombosen, Lungenembolien, insbesondere bei Intensivpatienten.

Dies kann bis hin zu Schlaganfällen führen, wie sie bei jungen Erwachsenen in den USA berichtet worden sind, aber auch in Deutschland aufgetreten sind. Patienten mit Coronavirus-bedingter Lungenentzündung haben häufig auch Durchfall, und im Stuhl dieser Patienten findet sich ebenfalls Virus. Sogar ist die Virusausscheidung bei solchen Patienten über den Stuhl noch länger als über die Atemwege. Auch Leberschäden werden bei Covid-19 Patienten berichtet.

Eine weitere wichtige Frage: Wie sieht es in der Schwangerschaft aus, was passiert bei Neugeborenen?

Kann das Coronavirus während der Schwangerschaft oder während der Geburt übertragen werden? Eine solche vertikale Übertragung von Mutter auf Kind ist in einer größeren Studie untersucht worden, und es fanden sich dort keine Hinweise. Allerdings gibt es auch Einzelfallberichte, wo eine solche Übertragung nahegelegt wurde.

Wie lange wird das Virus ausgeschieden? Wie lange kann das Virus noch infizieren?

Diese Fragen sind besonders wichtig, gerade jetzt wo wir den Lockdown zurückfahren und das gesellschaftliche Leben wieder schrittweise normalisieren. Sehr gute Untersuchungen haben gezeigt, dass das Virus auf metallischen und Plastikoberflächen bis zu 72 Stunden überleben kann (und damit je nach Viruspartikelkonzentration auch noch infektiös sein kann). Hingegen ist es auf Papier nach 24 Stunden nicht mehr nachweisbar und infektiös.

Dies sind ganz wichtige Erkenntnisse, die gerade jetzt von Bedeutung sind, wenn wir uns einmal überlegen, was wir alles so in Geschäften und dann wahrscheinlich auch bald in Biergärten, Restaurant und Bars mit unseren Händen anfassen und berühren.

Wir wissen nicht, wer jüngst vor uns an dem Tisch gesessen hat oder die Produkte in den Regalen des Supermarktes oder des Baumarktzentrums angefasst hat. Werden die Oberflächen, wenn wir das Restaurant, die Bar verlassen haben, dann gründlich gereinigt und vielleicht auch desinfiziert? Wir können das nur hoffen, sicher sind wir uns da nicht immer.

Also auch hier wieder: Wir haben es selber in der Hand. Es liegt an uns!

Wie sieht es in anderen Regionen der Welt aus?

Ich möchte heute einmal den Blick nach Afrika lenken. Afrika ist auch in dieser Pandemie der bisher „vergessene Kontinent“, und zwar insbesondere die Region in Subsahara-Afrika.Wie der eine oder andere vielleicht weiß, haben wir sehr enge Kontakte nach Subsahara Afrika, und zwar speziell nach Tansania.

Aus intensivem Austausch, zuletzt nach einer Skype-Konferenz Ende letzter Woche, wissen wir aber, dass dort wirklich die Pandemie richtig am Anrollen ist. Und natürlich ist das Gesundheitssystem in dieser Region der Welt überhaupt nicht auf so eine Pandemie vorbereitet. Ein Lockdown und Social Distancing, wie bei uns, oder gar Masken tragen, Hände waschen und Händedesinfektion für alle und immer, davon ist die Region Subsahara Afrika, in der mehrere Milliarden Menschen leben, weit entfernt.

Die gesellschaftlichen und sozialen Besonderheiten sind gerade dadurch charakterisiert, dass man sehr mobil ist, Körperkontakt spielt eine wichtige Rolle, die Menschen müssen jeden Tag zur Arbeit und können nicht einfach zu Hause im „Homeoffice“ sein. Bei einem Lockdown würde sofort die Arbeitslosigkeit massiv nach oben schnellen, noch viel mehr als das, was wir gerade in den USA erleben. Was noch hinzukommt, ist, dass es so gut wie keine Testungen gibt.

In ganz Tansania gibt es eine einzige Klinik, wo Testungen durchgeführt werden können, das ist in der Hauptstadt. Abstriche werden aus dem Norden in die Hauptstadt geschickt und kommen dort Tage später an, die Ergebnisse noch später zurück, und dann ist der Patient entweder bereits verstorben, oder aber er hat das Krankenhaus dann glücklicherweise schon wieder verlassen, wenn die Patienten es überhaupt zu einem Arzt schaffen.

Durch Krankheiten wie die durch Mückenstiche übertragbare Malaria sind viele Menschen in Afrika geschwächt, sodass Corona leichtes Spiel hat. Archivfoto: Stephen Morrison/EPA FILE/dpa

Für den Norden mit 17 Millionen Einwohnern gibt es einige wenige Intensivbetten, das sind unglaubliche Zustände, die wir uns hier gar nicht vorstellen können. Von einer High-End-Medizin mit Intensivbetten und Beatmungsmedizin ist man meilenweit entfernt. Dort könnten zum Beispiel die Beatmungsmaschinen, die Professor Martin Koch mit seinem Team in der Physik entwickelt haben, optimal zum Einsatz kommen.

Von Vorteil ist in Subsahara-Afrika vielleicht das sehr niedrige Durchschnittsalter der Bevölkerung. Die Bevölkerung ist jung, aber von Nachteil ist sicherlich die weite Verbreitung oder Infektionserkrankungen, wie Malaria, Tuberkulose und Aids, die viele Menschen von vornherein schon immungeschwächt erscheinen lassen und von daher besonders anfällig sind für die Coronavirus-Infektion. Weiterhin ist von Nachteil die Familiengröße. Die Familien mit vielen Kindern leben generationsübergreifend zusammen. Von Social Distance ist man dort sehr weit entfernt.

Dann hat die Corona-Krise auch noch weitere Auswirkungen auf die Region. Eigentlich war für 2020 eine massive Ausweitung der Malariabekämpfung mit entsprechenden modernen Pestiziden geplant. Das Gleiche gilt auch für die Unterdrückung der massiven Heuschreckenplage, die weiter nördlich tobt (Kenia, Äthiopien etc.). All das kann im Moment nicht durchgeführt werden, weil durch die Reduktion des Schiffs- und Flugverkehrs einfach die Pestizide nicht mehr geliefert werden können. Deswegen gehen seriöse Berechnungen des Imperial College in London von einer Verdopplung der Malaria-bedingten Todesfälle in 2020 und 2021 aus. Dies wird die gesamte Region noch weiter zurückwerfen.

Wir werden jedenfalls von unserer Seite aus die Region jetzt verstärkt ins Auge fassen, und es erscheint dringend nötig, Hilfsmaßnahmen zu organisieren. Jede Unterstützung ist an dieser Stelle willkommen!

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