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Marburg Schutz vor schweren Verläufen
Marburg Schutz vor schweren Verläufen
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08:00 14.03.2022
Eine Labormitarbeiterin füllt zur Vorbereitung von Corona-PCR-Tests eine Testflüssigkeit in eine Trägerplatte.
Eine Labormitarbeiterin füllt zur Vorbereitung von Corona-PCR-Tests eine Testflüssigkeit in eine Trägerplatte. Quelle: Henning Kaiser/dpa
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Marburg

Die OP holte erneut Expertenmeinungen zu aktuellen Fragen rund um die Corona-Pandemie ein. Professor Stephan Becker ist Direktor des Instituts für Virologie an der Marburger Philipps-Universität. Professor Harald Renz ist Direktor des Instituts für Labormedizin am Universitätsklinikum Marburg.

Müssen wir uns auf die nächste Welle einstellen – oder ist sie da?

Becker: Die täglichen Inzidenzzahlen weisen darauf hin, dass wir zumindest eine Verlängerung der Omikronwelle erleben. Leider gibt es mehrere eng verwandte Omikronvarianten (BA1, BA2 und BA3) und gerade scheint sich vermehrt die Untervariante BA2 durchzusetzen und sorgt für mehr Infektionen.

Sollten sich geboosterte Menschen vorsichtshalber die nächste Auffrischung holen?

Becker: Wir haben im Moment keine Impfungen, die speziell gegen die Omikron-Varianten schützen. Aber wir wissen, dass die Impfungen zumindest die schwereren Verläufe der Omikron-Infektion verhindern können. Das gilt für geimpfte und noch mehr für geboosterte Personen. Menschen, die ein hohes Risiko haben, schwer an Coronavirus-Infektionen zu erkranken, weil sie Vorerkrankungen haben oder in fortgeschrittenem Alter sind, können sich ein weiteres Mal impfen lassen.

Professor Stephan Becker

Renz: Es kann gar nicht oft genug betont werden: Die Impfung schützt nicht so sehr vor Infektion, sondern vor schweren Verläufen. Das haben wir jetzt zum Beispiel auch in der Omikron-Welle eindrücklich sehen können. Selbst wenn der Anteil an schweren Verläufen gering ist (bei Omikron um die 0,5 Prozent der Infizierten, die einen Krankenhausaufenthalt/Intensivstation benötigen), führt allein schon die Anzahl an Infizierten dazu, dass das Gesundheitssystem stark belastet wird. Die Impfung hat eine doppelte Aufgabe: Zum einen schützt sie die Geimpften selbst, zum anderen trägt sie dazu bei, dass eine möglichst große Gruppe in der Bevölkerung ausreichenden Immunschutz aufweist. Herdenimmunität haben wir wahrscheinlich in unserer Bevölkerung immer noch nicht. Dann kommt noch hinzu, dass der Impfschutz (und auch die natürliche Immunantwort nach einer durchgemachten Infektion) nicht von Dauer ist, sondern über Monate hinweg betrachtet abnimmt. Grob gesagt kann man davon ausgehen, dass es gut ist, nach spätestens vier bis sechs Monaten eine Auffrischung zu bekommen (nach erfolgreicher Grundimmunisierung beziehungsweise Boosterung). Auf jeden Fall ist angeraten, mit einem Immunschutz in den Herbst/Winter zu gehen.

Wie gefährlich ist es, trotz steigender Zahlen jetzt Lockerungen herbeizuführen?

Becker: Wahrscheinlich wird die Zahl der Neuinfektionen weiter steigen, wenn noch weitere Lockerungen kommen. Es ist deshalb nötig, für sich selbst genau zu schauen, wie man sich vor einer Infektion schützen kann, auch wenn keine allgemeinen Regeln mehr gelten. Das bedeutet konkret, Situationen vermeiden, in denen man sich nicht durch Masken schützen kann. Masken zu tragen, wenn man eng mit Menschen in Innenräumen zusammen ist, von denen man nicht weiß, ob sie negativ getestet sind. Generell Abstand halten. Und, natürlich, sich impfen lassen und, wenn empfohlen, auch Auffrischungsimpfungen mitzunehmen.

Renz: Das Virus ist nicht verschwunden aus der Gesamtbevölkerung. Wenn wir jetzt also lockern, also wieder enger beieinander sind, weniger Abstand halten und auch die Maskenpflicht nachlässt, dann erklärt dies, warum ein so hochansteckendes Virus sich wieder schneller verbreiten kann und zu einem Anstieg der Infektionszahlen führt. Das haben wir eindrücklich beim Karneval gesehen. In Köln sind die Infektionszahlen nach dem Karneval quasi verdoppelt, mehrere hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kölner Uni-Klinik waren erkrankt und konnten nicht zum Dienst gehen, die Uni-Klinik war am Anschlag. Die gute Nachricht bei Omikron ist, dass es überwiegend leichte Verläufe gibt. Die schlechte Nachricht ist, dass auch jetzt wieder vulnerable Gruppen besonders in Mitleidenschaft gezogen werden. Wir sehen einen deutlichen Anstieg an Infektionszahlen in Alten- und Pflegeheimen und auch bei anderen Menschen, die einen schlechteren Immunschutz haben.

Immer öfter heißt es: Corona ist die neue Grippe. Die alte Grippe verschwand regelmäßig im Frühjahr, aber das scheint bei Corona nicht der Fall zu sein. Was halten Sie von dem Influenza-Covid-Vergleich?

Professor Harald Renz:

Becker: Ich denke, dass uns die hoffentlich bald etwas wärmeren Temperaturen auch einen Rückgang der Infektionszahlen bescheren. Der Vergleich zwischen Corona und Influenza hilft insofern, weil man daran gut versteht, wie sich eine Atemwegsinfektion verhält, die schon lange in menschlichen Gesellschaften zirkuliert, wie Influenza und eine neue Erkrankung, die sich noch an den Menschen anpasst, wie SARS-CoV-2. SARS-CoV-2 verändert sich im Rahmen der Anpassung an uns Menschen im Moment noch sehr schnell. Die neuen Varianten sind schneller und entkommen teilweise unserem durch die Impfung eigentlich gut vorbereiteten Immunsystem.

Renz: Beim Influenzavirus handelt es sich ebenfalls um ein Virus, das immer weiter mutiert (wie im Prinzip alle anderen Viren auch) und auch beim Grippevirus können wir beobachten, dass es mal Winter mit hohen Infektionszahlen gibt und andere Winter mit niedrigen Infektionszahlen; Jahre mit einem schweren Verlauf, Jahre mit einem leichteren. Das Coronavirus ist rund um den Globus in verschiedenen Varianten unterwegs. Es wird sicherlich auch wieder weitere Varianten geben, so wie wir das in Südafrika mit der Omikron-Variante erlebt haben. Denken wir noch einmal zurück: Es hat vom Auftreten des Omikron-Virus in Südafrika ungefähr zwei Monate gedauert, bis es in der Nordhalbkugel eingeschlagen hat. Insofern wird es jetzt wichtig sein, weltweit engmaschig zu monitorieren und zu sequenzieren und zu schauen, welche Varianten jetzt für Infektionsausbrüche in anderen Ländern verantwortlich sein werden.

Welche Schutzmaßnahmen raten Sie besonders Gefährdeten, etwa Schwerkranken oder Menschen, deren Immunsystem herabgesetzt ist?

Renz: Um diese Bevölkerungsgruppen müssen wir uns kümmern. Es sind nicht nur die Bewohner in Alten- und Pflegeheimen, sondern auch die vielen Menschen, die chronische Grunderkrankungen haben, die direkt oder indirekt auch das Abwehrsystem schwächen. Dazu gehören Übergewichtige genauso wie Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenerkrankungen und Erkrankungen an anderen inneren Organen wie Nieren und Leber und natürlich Tumorpatienten.

Was raten Sie

Die OP hat die beiden Corona-Experten auch gefragt, wie sie sich selbst derzeit verhalten. Gehen Sie auf Veranstaltungen in Innenräumen, tragen Sie weiterhin auch dort Maske, wo es nicht zwingend vorgeschrieben ist, sollte man sich weiterhin regelmäßig testen?

Professor Stephan Becker: Ich bin weiterhin vorsichtig und überlege genau, welches Risiko ich eingehen will. Ich trage eine Maske, wenn ich in einer Traube von Menschen stehe und auch, wenn ich in Räumen mit vielen Personen zusammen bin, deren Impfstatus und Infektionsstatus ich nicht einschätzen kann. Ich gehe ins Kino und in Konzerte, wenn ich weiß, dass die Veranstalter sich Gedanken gemacht haben, wie man das Coronarisiko reduzieren kann. Man sollte sich weiterhin testen, wenn man grippeähnliche Symptome hat, oder mit Menschen zusammen war, von denen sich in Nachhinein herausstellt, dass sie Coronavirus infiziert waren. Das gilt besonders dann, wenn man sich mit Menschen treffen will, für die die Coronainfektion ein großes Risiko darstellt.

Professor Harald Renz: Die Pandemiebekämpfung beruht im Wesentlichen auf drei Säulen: Die Impfung, die Hygienemaßnahmen und das Testen. Alle drei Säulen zusammengenommen machen erst ein rundes Bild. Deswegen ist es gefährlich, jetzt eine der drei Komponenten (oder gar mehrere dieser drei) aus dem Gesamtkonzept herauszunehmen und zu denken, es würde auch ohne gehen. In Bezug auf die Hygienemaßnahmen ist es sicherlich vertretbar, jetzt in Richtung Frühjahr und Sommer die Abstandsregeln ein wenig zu lockern, aber zum Beispiel die Maskenpflicht beizubehalten. Langsam, sukzessive wieder größere Veranstaltungen zuzulassen, aber nicht nach dem Motto „von null auf hundert“, sondern sukzessives Herantasten wäre gut.

Von Carsten Beckmann und Till Conrad

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