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Marburg Renz: „Ein freier Test pro Woche reicht nicht aus“
Marburg Renz: „Ein freier Test pro Woche reicht nicht aus“
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10:37 12.03.2021
Professor Harald Renz beantwortet Fragen zu Impfungen, Schnell- und Selbsttests.
Professor Harald Renz beantwortet Fragen zu Impfungen, Schnell- und Selbsttests. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Testen und Impfen – das ist die Strategie, um die Corona-Infektionszahlen zu senken. Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer am UKGM Marburg, beantwortet drängende Fragen rund um das Thema.

Warum ist der AstraZeneca-Impfstoff jetzt auch für Ältere empfohlen?

Die ganze Geschichte rund um den AstraZeneca-Impfstoff ist leider eine einzige Kommunikationspanne! Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat Ende vergangenen Jahres Daten evaluiert, die eine Zwischenauswertung der Studien zum Stand Anfang November beinhalteten. In den damals verfügbaren Daten sah es in der Tat so aus, dass kein überzeugender Effekt in der Altersgruppe der über 65-Jährigen bei diesem Impfstoff nachgewiesen werden konnte.

Die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat den Impfstoff allerdings auf der Datenlage von Anfang Dezember. Zu diesem Zeitpunkt waren deutlich mehr ältere Menschen mit dem Impfstoff versorgt worden und es zeigten sich auch in der Altersgruppe über 65 Jahre signifikante Effekte. Auf dieser Basis hat die EMA dann den Impfstoff zugelassen, die Stiko hatte die Einschränkungen jedoch auf Basis der vorläufigeren Daten empfohlen.

Da war man eher auf der zurückhaltenden Linie, wurde aber dann durch die weiteren Entwicklungen überrollt. Die Einschätzung des Stiko hat dann ganz wesentlich zu dem negativen Presseecho beigetragen, verstärkt durch Berichte aus Südafrika. Heute wissen wir, dass auch bei einer Infektion mit der Mutante der AstraZeneca-Impfstoff schwere Verläufe in einem hohen Prozentsatz verhindert.

Renz: Alle Alten- und Pfelegheime sind geimpft

Haben die Impfungen schon Erfolge gezeigt?

In unserer Region sind ja mittlerweile alle Alten- und Pflegeheime durchgeimpft. Und zwar schon in der ersten Impfwelle gleich vor Weihnachten und Anfang 2021.

Derzeit sehen wir bei den stationären Aufnahmen eigentlich keine Patienten mehr aus Alten- und Pflegeheimen. Erstmals ist auch bei den Infektionen die Gruppe der über 80-Jährigen nicht mehr die größte Altersgruppe bei den Neuinfektionen. Dies kann sicherlich als ein erster kleiner Erfolg der Impfungen in dieser Altersgruppe gewertet werden. Mit vorsichtigem Optimismus, denke ich, sind wir auf einem guten Weg.

Renz: Sorge, dass Inzidenzlage leicht ansteigt

Welche Rolle spielen die Mutationen im Impfgeschehen?

Es erfüllt uns mit großer Sorge, dass im Moment die Inzidenzlage stagniert oder sogar wieder leicht ansteigt. Dies ist im Wesentlichen den Mutationen geschuldet. Sie fressen den positiven Effekt des Lockdowns im Prinzip auf. Würde beispielsweise der R-Wert durch den Lockdown von, sagen wir, 1,0 auf 0,7 sinken, so ist der R-Wert bei den Mutationen um 0,3 angestiegen.

Also genau das, was wir mit dem Lockdown bewirken, neutralisieren die Mutationen wieder. Dies ist natürlich eine etwas vereinfachte Gleichung, aber unterm Strich entspricht es den Effekten. Die Mutationen machen mittlerweile den größten Teil der Neuinfektionen auch in unserer Region aus.

Renz: Testen ist wichtig

Wie kommen wir da raus?

Neben dem Impfen ist der zweite wichtige Weg das Testen, Testen, Testen. Worüber wir schon das ganze Jahr über immer wieder berichtet haben.

Schnelltests als „Suchtest

Welche Rolle spielen die Schnelltests?

Ihnen kommt jetzt eine ganz besondere Bedeutung zu. Mit ihnen haben wir einen „Suchtest“ an der Hand, mit dem wir einen ersten Verdacht bezüglich einer Coronavirus-Infektion stellen können.

Dabei gilt es zu beachten, dass der Schnelltest nur eine „Momentaufnahme“ darstellt und nur dann positiv ist, wenn wirklich eine hohe Virusmenge vorliegt. Mit dem Schnelltest erfassen wir also die Spitze des Eisbergs, was aber immerhin schon mal ein ganz wichtiger Baustein in der Beherrschung des Infektionsgeschehens darstellt.

Ein negativer Schnelltest heute sagt noch lange nicht, dass ich morgen oder übermorgen negativ bin, und dann einkaufen gehen kann. Eigentlich gilt das Schnelltestergebnis nur für den Tag, an dem der Schnelltest durchgeführt wurde.

Deswegen ist auch ein freies Testen einmal pro Woche für jeden viel zu wenig! Es gibt mittlerweile im deutschsprachigen Raum etliche Beispiele dafür, wie gut man das Infektionsgeschehen beherrschen kann, wenn man mehr als einmal die Woche – besser zweimal, noch besser noch häufiger – testen würde. Hierzu zählen Regionen in Österreich und der Schweiz, die uns das jetzt vormachen – und zwar sehr erfolgreich, sogar in Skigebieten.

Deswegen mein Appell an die Verantwortlichen: Rollen Sie die Schnelltestungen aus und professionalisieren Sie die Durchführung der Schnelltests. Will sagen – die Schnelltests gehören in professionelle Fachhände, in Testzentren.

Personal dafür kann man schnell schulen, damit alles richtig und sorgfältig durchgeführt wird. Dann hat das Ergebnis des Schnelltests auch eine hohe Aussagekraft und Sicherheit. Das Personal sollte dann aber auch im Schnellsystem andere trainieren, etwa in Schulen Kitas, Unis, Firmen oder Behörden. Allerdings ist der Schnelltest nur ein Suchtest und muss dann durch eine PCR-Testung bestätigt werden.

Renz: Selbsttests besser als keine Tests

Was halten Sie von Selbsttestungen?

Sie sind besser als keine Testungen, aber bei weitem nicht so gut, wie die vom Fachpersonal durchgeführten Schnelltests. Das Testergebnis ist natürlich nur so gut, wie die Probe, die ich draufgebe. Und da geht das Problem schon los, es gibt Schnelltests oder sind in Vorbereitung mit Nasensekret, Speichelschwämmchen, Spüllösungen und mehr. Man muss sich die Gebrauchsanweisungen genau durchlesen und sich exakt an die Herstellervorgaben halten.

Und: Wir wissen überhaupt nicht, wie viele Schnelltests wirklich durchgeführt werden, wie die Ergebnisse sind. Es gibt ja keine Meldepflicht, wir appellieren hier ja lediglich an das Verantwortungsbewusstsein eines jeden Einzelnen.

Renz: Positiven Schnelltest durch PCR-Test überprüfen

Was soll ich machen, wenn ich eine positiven Schnelltest habe?

Ich muss das Ergebnis bestätigen lassen durch eine PCR-Testung. Es wird leider viele falsch-positive Schelltestergebnisse geben, aber auch viele falsch-negative. Will sagen – uns werden Corona-infizierte Menschen durch das Raster fallen, weil Selbsttestungen bei weitem nicht so gut sind in Bezug auf ihre Aussagekraft, wie die Schnellteste durchgeführt vom Fachpersonal.

Renz: Lösung ist schneller Aufbau von Testzentren

Was wäre die Lösung?

Der ganz rasche Aufbau von Testzentren, der freie Zugang zu Testzentren mehrmals pro Woche für jeden, die Durchführung von Testungen am Arbeitsplatz in den Unternehmungen, in Schulen, Kitas und an der Universität, und zwar durch trainiertes Personal. Die Stadt Marburg hat gerade schon 100 Helfer über das DRK als Tester trainiert. Nur muss das Ganze jetzt sehr schnell gehen und konsequent durchgeführt werden.

Renz: Tests alleine reichen nicht aus

Reicht das Testen alleine aus?

Nein, natürlich nicht. Wir brauchen einen Weg, wie die Testergebnisse dokumentiert werden, so dass man mit seinem Handy das Testergebnis vorzeigen kann, wenn man zum Einkaufen gehen möchte, ins Restaurant, ins Kino und so weiter. Wenn ich dann zeigen kann, dass mein Test, den ich heute durchgeführt habe, negativ ist, dann bin ich heute auf der relativ sicheren Seite.

Eine solche digitale Unterstützung, Hand in Hand mit dem Ausbau der Teststrategie, das wäre die Lösung, mit der wir sehr, sehr schnell nicht nur die Infektionszahlen drücken können, sondern der Bevölkerung wirklich einen Weg aufzeigen könnten, wie man jetzt sukzessive öffnen kann.

Immer kontrolliert natürlich, denn die stagnierenden und sogar wieder leicht ansteigenden Infektionszahlen beweisen ja, dass wir noch nicht auf dem richtigen Weg sind derzeit und auch noch nicht die richtigen Instrumente mobilisiert und aktiviert haben, die es braucht, um das Geschehen zu beherrschen. Denn das Virus mit seinen Varianten wird uns noch lange begleiten.

Von unseren Redakteuren