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Marburg Herdenimmunität ist „gefährliche Option“
Marburg Herdenimmunität ist „gefährliche Option“
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09:52 24.10.2020
Ein Helfer hat einen Abstrich bei einem Patienten genommen. Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa
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Marburg

Die Zahlen der Corona-Infektionen steigen kontinuierlich an, der Landkreis befindet sich in der fünften von fünf Warnstufen. Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer am UKGM Marburg, erläutert für die OP wichtige Fragen.

Wenn sich jetzt so viele Menschen mit dem Coronavirus anstecken, wie sieht es dann mit der Herdenimmunität aus?

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Das Konzept mit der natürlichen Induktion, die Pandemie zum Stillstand zu bringen, ist bisher noch in keinem Land der Welt geschafft worden, auch nicht in Schweden.

Es ist auch ein extrem hohes Risiko, die Infektion „einfach so laufen zu lassen“, quer durch die gesamte Bevölkerung hindurch, denn der Anteil der Bevölkerung mit einem hohen Risiko – bedingt durch die Altersstruktur und der anderen Begleiterkrankungen – ist nirgends in der Bevölkerung eine Randgruppe. In Europa wird dieser Anteil der Risikopopulation auf ein Drittel bis ein Viertel geschätzt. Dies würde bedeuten, dass man einen erheblichen Teil der Bevölkerung einem erheblichen Risiko bei dieser Strategie aussetzen würde.

Die Analyse der bisher veröffentlichten Daten zeigt, dass bis jetzt eher weniger als zehn Prozent der Menschen mit SARS-CoV-2 in Kontakt gekommen sind. Nur bei schweren, lokalen Ausbrüchen ist die Rate höher. Die Herdenimmunität wird erreicht, wenn etwa 40 bis 70 Prozent sich infiziert haben.

Fazit: Auf die Herdenimmunität durch natürliche Infektion zu setzen, ist in unseren Breiten gefährlich!

Wie entwickelt sich die Immunantwort nach einer SARS-CoV-2-Infektion?

Da gibt es einmal die Antikörperantwort. Es werden unterschiedliche Antikörper gegen verschiedene Regionen des Virus gebildet. Die entscheidende Antikörper-Waffe sind dabei sogenannte „neutralisierende Antikörper“. Die Höhe der Antikörperantwort scheint dabei mit der Schwere der durchgemachten Covid-19-Erkrankung zusammenzuhängen. Was umgekehrt heißt, dass Patienten, die asymptomatisch oder nur mit milden Symptomen eine Infektion durchgemacht haben, weniger Antikörper bilden.

Und dann verschwinden viele dieser Antikörper schon nach drei bis sechs Monaten wieder, was die Frage aufwirft, ob dann eine Reinfektion möglich wäre.

Solche Reinfektionen sind bisher nur vereinzelt beschrieben worden. Hierzu kann man abschließend noch ein Fazit ziehen.

Neben den Antikörpern spielen T-Lymphozyten eine wichtige Rolle in der Immunantwort. Hier wurde kürzlich beschrieben, dass viele Menschen sogenannte „kreuzreagierende T-Zellen“ haben, weil sie sich mit anderen Viren aus der Corona-Familie früher einmal infiziert haben. Denn: Viele Corona-Viren verursachen harmlose, banale Erkältungskrankheiten und sind weit verbreitet.

Aber auch hier muss man leider etwas Wasser in den Wein der Hoffnung gießen, da nämlich in der Schleimhaut, wo diese potenziellen kreuzreagierenden T-Zellen gebraucht werden, kaum Zellen anzutreffen sind. Daher besteht kaum Hoffnung, dass dieses T-Zellgedächtnis die Ausbreitung des Virus unterdrücken würde.

Es ist sogar so, dass das Virus offensichtlich selber dazu beiträgt, die Antikörperantwort beim Wirt zu unterdrücken. Dies hat man bei Patienten, die übermäßig starke Entzündungszeichen aufweisen, gefunden. Bei diesen Menschen ist die Herstellung der Antikörper-produzierenden T-Zellen unterdrückt. Somit liegt im Wesentlichen nach wie vor die Hoffnung auf der Immunität durch die Impfung.

Was sagen die vielen Testungen aus, die gegenwärtig propagiert werden?

Bei den Testungen sind folgende Typen zu unterscheiden:

Die PCR-Testung

Hierbei wird das genetische Material des Virus nachgewiesen. Dieses ist ein hoch-sensitives Verfahren. Schon niedrige Kopien von Virus-Genom können detektiert werden.

Problematisch in der Interpretation der Ergebnisse ist, dass der Nachweis der Virusnukleinsäure nicht unbedingt bedeutet, dass diese von vermehrungsfähigen Viren stammen. Auch muss berücksichtigt werden, dass nicht alle PCR-Tests hoch-spezifisch und selektiv für das SARS-CoV-2-Virus sind, sondern manche PCR-Tests auch Virus-Genom von anderen Coronaviren messen. Da stellt sich dann die Frage der Spezifität.

Die Antigen-Tests

Dieses ist ein neuer Typ von verfügbaren Testungen. Dabei wird auch das Virus direkt nachgewiesen, allerdings nicht das genetische Material, sondern bestimmte Eiweißmoleküle. Auch für die Antigen-Teste braucht man einen Nasen-Rachen-Abstrich – wie auch bei PCR.

Der Vorteil der Antigen-Teste ist ihre große Verfügbarkeit. Sie können also eine Lücke schließen, wenn nicht genügend PCR-Testungen durchgeführt werden können. Sie sind auch preisgünstiger – und in der Schnelltest-Variante liefern sie das Ergebnis innerhalb weniger Minuten.

Der Nachteil ist, dass sie nicht ganz so sensitiv sind, wie der PCR-Test. Erste Hinweise deuten allerdings darauf hin, dass mit den Antigen-Tests der infektiöse Patient nachgewiesen werden kann, aber nicht notwendigerweise der infizierte, der nur wenige geringe PCR-detektierbare Virusgenom-Kopien auf seinen Schleimhäuten hat. Aber das würde reichen, um diejenigen zu erkennen, die als infektiöse Menschen in die Quarantäne geschickt werden müssen.

Damit könnte man in der Tat die Testfrequenzen deutlich erhöhen und damit mehr Infizierte erkennen und konsequent so die Verbreitung des Virus radikal eindämmen. Dies wäre möglich, ohne die Gesamtbevölkerung in den Lockdown zu schicken.

Die Antikörper-Tests

Bei diesen Tests wird die Antikörper-Immunantwort des Patienten nachgewiesen. Ob man daraus allerdings ableiten kann, dass man vor einer Reinfektion mit dem Coronavirus geschützt ist, ist zweifelhaft. Die Antikörper-Testungen sind gut geeignet, um in großen Populationen, wie etwa bei Mitarbeiter-Reihenuntersuchungen bei uns am Klinikum, zu testen, wie viele Menschen denn möglicherweise schon einmal das Virus gehabt haben.

Wie sieht es mit den Testkapazitäten aus?

Derzeit führen rund 200 Labore in Deutschland Testungen durch (PCR-, Antigen- und Antikörper-Testungen). Dem RKI wurde jüngst berichtet, dass 1,2 Millionen Testungen pro Woche vorgenommen worden sind. Das ist dreimal so viel, wie seit dem Sommer. Damit wird deutlich mehr getestet, als noch vor einem halben Jahr, während der ersten Welle der Pandemie.

Und wo mehr getestet wird, fallen auch mehr positive Ergebnisse an, werden also auch mehr Infizierte identifiziert.

Umgekehrt bedeutet dies: Dort, wo wenig getestet wird – und das betrifft immer noch viele Länder, auch auf der nördlichen Hemisphäre – werden auch nur wenige Infektionen detektiert und damit berichtet. Deswegen hat die EU jetzt auch beschlossen, im Rahmen ihres neuen „Ampelsystems“ mit einfließen zu lassen, wie hoch die Testrate in der jeweiligen Region ist.

Gleichzeitig beobachtet man aber auch einen beschleunigten Anstieg der Übertragung in der Bevölkerung. Dies spiegelt sich auch in der erhöhten Rate positiver Testergebnisse wider. Waren vor einem halben Jahr noch 0,7 Prozent der Testergebnisse positiv, sind es inzwischen mehr als 2 Prozent – und das eben auch noch bei dreifach erhöhter Testzahl.

Wie kann sich der Einzelne am besten schützen?

Das folgende dreistufige Vorgehen könnte jedem von uns jeden Tag helfen, sich und andere zu schützen:

Stufe 1:

Sowie Beschwerden auftreten, sollte eine der verfügbaren Online-Fragebögen eingesetzt werden. Damit kann man tagesaktuell sein eigenes Risiko, an einer Coronavirus-Infektion erkrankt zu sein, beziffern. Ein solches Werkzeug ist etwa die frei verfügbare und anonymisiert durchführbare Technologie von Professor Martin Hirsch aus dem UKGM unter covid-online.de.

Stufe 2:

Wenn ein erhöhtes Risiko angezeigt wird, sollte sofort ein Antigen-Test durchgeführt werden. Antigen-Teste sind in den Apotheken verfügbar. Sie sind deutlich preisgünstiger, als die PCR-Teste und das Ergebnis liegt beim Schnelltest innerhalb von Minuten vor.

Stufe 3:

Ist der Schnelltest positiv, so muss das Ergebnis mittels PCR bestätigt werden. Beim negativen Ergebnis besteht eine hohe Sicherheit, nicht infektiös zu sein und man kann sein normales Leben weiterführen.

Wenn wir diese Vorgehensweise konsequent und flächendeckend einsetzen würden, würden wir sehr schnell die Risikopatienten und die Infizierten identifizieren können, bevor sie viele Menschen anstecken. Die Betroffenen können individuell in Quarantäne gehen bzw. werden konsequent und professionell behandelt, ohne dass andere dabei gefährdet werden.

Eine solche Strategie kann dazu führen, einen Lockdown zu vermeiden. Und gleichzeitig wird die Möglichkeit offeriert, ein einigermaßen normales Leben, unter Einhaltung uns ja jetzt vertrauten Abstands-, Händedesinfektions- und Lüftungsregeln, zu ermöglichen.

Von unseren Redakteuren

27.10.2020
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