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Marburg „Generation Corona“ wäre eine vorschnelle Etikettierung
Marburg „Generation Corona“ wäre eine vorschnelle Etikettierung
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14:58 28.02.2021
Professor Benno Hafeneger ist Jugendforscher und emeritierter Professor der Philipps-Universität.
Professor Benno Hafeneger ist Jugendforscher und emeritierter Professor der Philipps-Universität. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Herr Professor Hafeneger, worunter leiden Kinder und Jugendliche während der Corona-Krise am meisten?

Es sind vor allem die sozialen Kontakte, die Freundschaften und Treffen, das Unter-sich-Sein, die gemeinsamen Aktivitäten in und außerhalb der Schule und Universität. Es ist vielfach ein Alltag ohne zeitliche Struktur; die Zeit kann dann auch in Langeweile und Stress zerfließen. Das Leben in den unterschiedlichen Kindheits- und Jugendphasen, das immer mit Entwicklung und Lebendigkeit verbunden ist, ist geradezu reduziert, abgebremst und vorübergehend still gestellt.

Steigender Medienkonsum

Womit verbringen Kinder und Jugendliche während des Lockdowns ihre zusätzliche Freizeit?

Die Beobachtungen zeigen vor allem dreierlei: Vor allem verbringen sie mehr zu Hause und der Medienkonsum sowie die Kommunikation und Spiele im Internet nehmen zu. Aber es gibt auch „kleine Inseln“ mit Treffen, Sport und Geselligkeit, die sich Kinder und Jugendliche selbst organisieren.

Sind die Einschnitte schon jetzt so einschneidend, dass es angebracht ist, von Kindern und Jugendlichen der Jahre 2020 und 2021 als „Generation Corona“ zu sprechen, wie es ja vielfach gemacht wird?

Das wäre eine vorschnelle Etikettierung und man sollte einer jungen Generation kein problematisches Label zuordnen. Ich würde eher von einer pragmatischen Generation sprechen, die versucht, aus der Pandemiezeit das Beste zu machen. Gleichzeitig ist aber auch davon auszugehen, dass die lange Pandemiezeit schon prägend und folgenreich im Gedächtnis bleiben wird. Die wirklichen Erinnerungsspuren, die Verarbeitung und Bedeutung der Pandemiezeit wird man erst im Nachhinein feststellen können.

Technische Ausstattung ist meistens vorhanden

Es wird immer behauptet, Kinder und Jugendliche aus schwächeren sozialen Schichten litten besonders unter der Corona-Pandemie. Können Sie das erläutern – oder ist es vielmehr so, dass die Linien nicht zwischen arm und reich, sondern zwischen Stadt und Land laufen?

Die bisherigen Studien zeigen, dass beide von Bedeutung sind. Bei günstigeren materiellen und sozialen Verhältnissen sind auch die Wohnbedingungen und Unterstützungsleistungen für Kinder und Jugendliche besser, ist die technische Ausstattung unter anderem für Homeschooling meist gut vorhanden. Ärmere Kinder und Jugendliche können hier – keine Schule, enge Wohnverhältnisse, keine technische Ausstattung – doppelte Verlierer sein. Auf dem Land können Kinder und Jugendliche von den Freizeitmöglichkeiten profitieren, sie haben ihre informellen Treffgelegenheiten, leben naturnäher und sind weniger mit dichten sozialen Kontakten des Großstadtlebens konfrontiert. Hier ist das Großstadtleben, wenn es mit engen Wohnverhältnissen verbunden ist, stressig und bietet wenig Ausweichmöglichkeiten.

Was ändert sich dauerhaft, auch nach der Pandemie, in den Schulen?

Die Lernkultur wird sich sicher verändern, sie wird mit einem neuen Mix auch digitaler werden. Gleichzeitig werden – das zeigen die Erfahrungen schon jetzt nachdrücklich – die Bedeutung der direkten pädagogischen Kommunikation und Beziehung sowie die soziale und entwicklungsfördernde Bedeutung von Schule sicher neu gewürdigt. Und vielleicht geht man auch verständnisvoller und wertschätzender miteinander um; sieht man auch vonseiten der Eltern anerkennender, welche Bedeutung die Schule und die Lehrer*innen für ihre Kinder haben.

Kreative Wege für den Kontakt

Welche Auswirkung hat die Pandemie dauerhaft für die Jugendarbeit von Vereinen? Kann es die in der bisherigen Form noch geben? Und was müssen Vereine tun, um sich für Kinder und Jugendliche attraktiv zu machen?

Auch in der Jugendarbeit und im Vereinsleben wurden in der Pandemie kreative digitale Wege und Formate entwickelt, um Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen zu halten. Aber es fehlten auch hier die wirklichen Kontakte, das sinnliche Zusammensein, die Geselligkeit, das Training und der Wettkampf. Es wird sich zeigen, ob die Kinder und Jugendlichen an die Vereine und Verbände gebunden bleiben und wiederkommen. Vielleicht müssen diese neu werben sowie attraktive Angebote und neue Zugänge zu Kindern und Jugendlichen entwickeln.

Von Till Conrad

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