Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Ein Mahner und Mediator
Marburg Ein Mahner und Mediator
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:00 05.06.2021
Propst Helmut Wöllenstein geht in den Ruhestand.
Propst Helmut Wöllenstein geht in den Ruhestand. Quelle: Foto: Manfred Hitzeroth
Anzeige
Marburg

Seit zwölf Jahren ist Helmut Wöllenstein als Propst eine Art Regionalbischof der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Dass er später einmal eine Kirchenlaufbahn einschlagen würde, wurde dem heute 65-Jährigen zwar nicht an der Wiege gesungen. Aber Wöllenstein wuchs „in einem kirchlich interessanten Spielfeld“ auf, wie er jetzt im Gespräch mit der OP anlässlich seiner bevorstehenden Verabschiedung in den Ruhestand erzählt. Denn das Wohnzimmer seiner Familie im nordhessischen Dorf Ippinghausen wurde sonntags zur Freikirche, in der Prediger zum Gottesdienst kamen. Das lag daran, dass sein Vater Bürgermeister in dem kleinen Dorf war und den Wohnraum für Gottesdienste zur Verfügung stellte.

Nach dem Theologiestudium in Bethel und Göttingen startete Wöllenstein 1982 bereits mit 26 Jahren als Dorfpfarrer an der Diemel kurz hinter der Landesgrenze zu Hessen in Nordrhein-Westfalen. „Dort gab es ein klassisch kirchliches und gut funktionierendes Gemeindeleben“, erinnert sich Wöllenstein. Es schlossen sich jeweils nach rund drei Jahren zwei weitere Stellen als Dorfpfarrer in Nordhessen an, bevor er „der Liebe wegen“ nach Bad Hersfeld ging. Dort teilte er sich mit seiner späteren Frau Andrea Wöllenstein anderthalb Stellen in einer Pfarrei mit eher städtischem Charakter.

Besonders interessant für den an Kunst und Kultur interessierten Pfarrer war die enge Verbindung der Gemeinde zu den Bad Hersfelder Festspielen. Seine Liebe zu Bildbänden zu klassischer und moderner Kunst pflegt Helmut Wöllenstein heute noch. Er produziert auch selbst als Holzschnitzer in seiner Hobby-Holzwerkstatt kleinere Möbel und Kunstwerke aus Holz.

Über den Wildunger Altar des Conrad von Soest verfasste er 1998 selbst ein reich bebildertes Buch, in dem er auch die kunsthistorische Geschichte dieses Altars darstellte. Doch auch zu einem richtigen Bestseller brachte es Helmut Wöllenstein: der nicht mehr als zwei Seiten umfassende Text ist in 17 Sprachen übersetzt, wurde im Bundestag vorgelesen und wird auch heute noch vielfach im Internet zitiert.

Die Rede ist vom „Märchen vom Auszug aller Ausländer“, das Wöllenstein ursprünglich im Dezember 1991 als „Wort zum Morgen“ für den Hessischen Hörfunk geschrieben hatte. Es ist eine kurz vor Weihnachten spielende moderne Fabel, in der ausländerfeindliche Gewaltanschläge unter anderem auf „südländische Läden“ dazu führen, dass alle Ausländer aus Deutschland über die Landesgrenzen fliehen. Aber auch alle ausländischen Waren von Kaffee und Bananen über Öl, Aluminium und Kupfer bis hin zu japanischen Autos verlassen das Land.

Die letzte Text-Passage im Originalton Wöllenstein: Nur Maria, Josef und das Kind waren geblieben. Drei Juden. Ausgerechnet. „Wir bleiben“, sagte Maria, „wenn wir aus diesem Lande gehen – wer will ihnen dann noch den Weg zurück zeigen, den Weg zurück zu Vernunft und Menschlichkeit?” Geschrieben hatte Wöllenstein seinen publikumswirksamen Text im Anschluss an eine alternative Hafenrundfahrt in Hamburg auf der Spur der Herkunft der Bananen sowie im Lichte der ausländerfeindlichen Anschläge von Solingen und Mölln 1991 kurz nach der deutsch-deutschen Wende. Bereits ein Jahr zuvor war er auf eine Stelle als Pfarrer-Fortbildungsleiter der Landeskirche am Predigerseminar in Hofgeismar gewechselt.

Mit seiner Geschichte traf Wöllenstein nicht nur einen Nerv der Zeit, sondern ihm gelang auch eine allgemeingültige Parabel. Auch wenn der besondere Erfolg dieses Textes für ihn ein Unikat blieb, blieb das gesellschaftspolitische Engagement Wöllensteins Markenzeichen. Dieses pflegte er nach seiner Zeit als Kurpfarrer in Bad Wildungen von 1997 bis 2004 besonders in den Jahren danach in Marburg: zunächst von 2004 bis 2009 als Dekan des Kirchenkreises Marburg und danach bis heute auch als Propst des Sprengels Marburg.

„Kirche muss sich einmischen und Position beziehen und erkennbar sein. Sie muss politisch sein, aber nicht besserwisserisch“, meint Wöllenstein. Der Einsatz auf der Seite der Schwachen und Benachteiligten sei dabei unabdingbar. Nicht selten sei das Finden einer Position aber auch eine Gratwanderung – ob es nun um das facettenreiche Thema Sterbehilfe gehe oder um die umwelt- und verkehrspolitische Auseinandersetzung um die A 49 im vergangenen Jahr, bei der Wöllenstein mehrfach beide Parteien zu Gewaltverzicht aufrief.

Das Schlichten in innerkirchlichen Streitigkeiten war in den zurückliegenden zwölf Jahren neben der Rolle als wacher Mahner in der Öffentlichkeit eine der Hauptaufgaben des Propstes, der als Ansprechpartner für 300 Pfarrer unter anderem in den Regionen Marburg-Biedenkopf, Schwalm-Eder und rund um Kirchhain fungierte.

Der Abschied von der Propst-Stelle bedeutet für den Vater von zwei Söhnen und einer Tochter und seine noch als Pfarrerin tätige Ehefrau auch den Abschied von der offiziellen Kirchenwohnung am Ortenberg mit malerischem Blick aufs Schloss.

Der Umzug in ein Häuschen in der Badestube steht kurz bevor. Am 24. Juni steht aber erst noch der Abschiedsgottesdienst für Propst Wöllenstein an – in der Elisabethkirche, wo er auch als Pfarrer tätig war. Das aus einem Bibelvers stammende Motto lautet: „... und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (Lukas 1,79b). Coronabedingt ist es ein Gottesdienst nur für geladene Gäste. Er wird allerdings live auf ekkw.de übertragen.

Von Manfred Hitzeroth

Marburg Que(e)r durchs Land - Ein Zeichen für Diversität
05.06.2021
Marburg Tag der Organspende - Ein Neustart ins Leben
05.06.2021