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Marburg Die Suche nach dem schönen Leben
Marburg Die Suche nach dem schönen Leben
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19:00 26.12.2019
Nach fast 20 Jahren in Obdachlosigkeit nun in einer eigenen Mietwohnung: Scholli. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Da hockt er nun, Arme auf der Fensterbank lehnend und die Augen ins Freie schweifen lassend. Der Blick aus dem Fenster seines Wohnzimmers ist für ihn auch ein Blick zurück, zurück in eine Zeit – eine lange Zeit – in der er all das nicht hatte: Einen Schluck Cola im Glas, Salzstangen auf dem Esstisch, eine Stereoanlage, überhaupt eine Wohnung. Scholli, so sein Spitzname, ist fast 20 Jahre lang obdachlos gewesen.

Mehr als fünf Jahre lang lebte der 51-Jährige gar auf der Straße, es war die ganz harte Tour. Mit „Erlebnissen, die du nicht haben willst“, wie er an diesem klirrend kalten Wintertag kurz vor Heiligabend im OP-Gespräch sagt. Etwa das Gefühl, in Gemeinschaftsunterkünften stets mit „einem offenen Auge“ im Bett zu liegen, faktisch kaum zu schlafen, aus Angst, die wenigen Habseligkeiten geklaut zu bekommen.

Scholli ist der erste Obdachlose, der über das städtische ­Sozialprojekt „Probewohnen“ in Marburg eine Mietwohnung bekommen hat, also nicht mehr – wie aktuell 34 andere Menschen – in Gemeinschaftsunterkünften oder gar auf der Straße lebt. „Ich wusste, dass es mit meinem Leben mal weitergehen muss. Aber es war ein großer Schritt, eine große Umstellung“, sagt er.

Hintergrund

Für das Projekt „Probewohnen“ mietet die Stadtverwaltung Wohnungen an und stellt sie Menschen zur Verfügung, die aktuell in Obdachlosenunterkünften untergebracht sind. Private Angebote für Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen? Kontakt: soziales@marburg-stadt.de

In der ersten Nacht in der Wohnung, die irgendwo im Norden der Stadt zu finden ist, sei er alle fünf Minuten aufgewacht. „Ich habe gar nicht verstehen können, wo ich eigentlich bin und habe immer wieder den Wohnungsschlüssel in die Hand genommen, ihn angeschaut und im Türschloss rumgedreht. Dann war es real und kein Traum.“

Scholli ist der erste von insgesamt fünf Auserwählten, denen in Marburg der Sprung von der Obdachlosigkeit in ein bürgerliches Leben gelingen soll. Sie sollen eine Weile in einer Wohnung – momentan haben Gewobau, GWH und Wohnstadt je eine zur Verfügung gestellt – leben, die Selbstständigkeit in den vier Wänden ausprobieren, Privatheit spüren, sich einleben, Nachbarn kennenlernen und dann, wenn sie und das Umfeld sich wohlfühlen, einen regulären Mietvertrag unterschreiben.

In der Stadtverwaltung ist vor allem Monique Meier, Sozialplanerin für das Projekt verantwortlich. Letztlich entscheidet sie, wer geeignet für das Probewohnen ist, wem der „enorm große Schritt“ in ein bürgerliches Leben zuzutrauen ist. Drogenabhängige, Menschen mit psychischen Problemen scheiden demnach aus – sie hätten andere Bedürfnisse, für sie sei der große Schritt eben noch zu groß.

Noch ist es Meier und ihren Kollegen zwar nicht gelungen, auch Privatvermieter ins Projekt zu integrieren. „Die Vorbehalte sind groß. Aber hier ist eine Möglichkeit, einem Menschen eine Chance auf ein neues Leben zu geben“, sagt sie. Zumal sie in ein dichtes Betreuungsnetz eingebettet sind. Denn: Scholli und alle anderen, die perspektivisch eine feste eigene Bleibe finden sollen, werden nicht nur von der Stadt, sondern auch von Sozialarbeiter Kenneth Verhaal betreut.

"eine neue Normalität gestalten"

„Erst mal gilt es, Existenzschwierigkeiten zu überwinden, einen Alltag, eine neue Normalität zu gestalten. Dann gilt es, irgendwann herauszufinden, was Scholli und andere im Leben noch machen möchten: Von Geldfragen bis hin zu möglichem ehrenamtlichem Engagement. Wir wollen, dass sie sich das Leben schön machen“, sagt Verhaal.

So, wie Scholli sich vor Jahrzehnten an die mitunter rauen Sitten, an den Umgang, die Regeln in einem Umfeld von Obdachlosen zwischen Mittelhessen und Nordseeküste anpassen musste, so gewöhnt er sich seit Sommer dieses Jahres langsam an ein geregelteres Leben. Er tastet sich an die Nachbarn heran, sucht den Kontakt und fühlt sich akzeptiert. „Ein schönes Gefühl.“

Die Türe schließen können, für sich, privat und unbeobachtet sein zu können – dieses Gefühl ist für ihn seit dem Einzug sowohl die größte Umstellung als auch das größte Geschenk gewesen. „Es gibt jetzt keinen Terz mehr, von all dem Lärm und Getobe in irgendwelchen Unterkünften habe ich genug“, sagt er.

„Ich nehme mir nichts vor, ich lasse die Dinge auf mich zukommen, genieße mal die Entspannung.“ Aber eine Sache hat er sich vorgenommen: In seiner ersten Wohnung nach Jahrzehnten heute seinen ersten Weihnachtsbaum seit Jahrzehnten zu schmücken.

von Björn Wisker