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Marburg Der Schnaps erkennt die Traurigkeit
Marburg Der Schnaps erkennt die Traurigkeit
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10:19 29.09.2020
Christian Simon im Glitzerfummel. Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Der Tag, an dem Anna Morawetz ihr Maturazeugnis in den Händen hielt, muss gut zwei Jahrzehnte zurückliegen. Das lässt durchaus die Vermutung zu, dass ihr Stück „Der Schnaps erkennt die Traurigkeit“ autobiografische Züge trägt. Doch die Wienerin beteuert, ihr erstes Schauspiel habe nichts mit der eigenen Vita zu tun, sondern sei das Ergebnis eines künstlerischen Denkprozesses. Immerhin, auch ihre drei Protagonistinnen und Protagonisten haben die Schulzeit 20 Jahre hinter sich und werden beim Klassentreffen aufeinander losgelassen.

Fast jeder kennt das: Kaum etwas ist zwängiger und peinlicher als die Begegnung mit Mitschülern von einst. Schon beim anfänglichen Smalltalk wird taxiert, verglichen, übereinander hergezogen und angegeben. Saskia Boden-Dilling, Anna-Sophie Fritz und Christian Simon sind nicht das, was man als alte Freunde bezeichnen würde: Die beiden Frauen bezicken sich wie einst in der großen Pause, der Mann hält seine Mackerallüren für Abgeklärtheit – gut, dass Regisseurin Anna Laner und die für Bühne und Kostüm verantwortliche Elke Lauer auch ihn in einen Glitzerfummel gesteckt haben.

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Kaum Platz für Humor oder Ironie

Eine fehlt im Rund des Klassentreffens: U. heißt sie, und zunächst darf noch gemutmaßt werden, dass U. einfach keine Zeit hatte: „Wer einen Termin einhält, gerät in Verdacht, nicht genug zu tun zu haben“, sagen sich die drei, doch ihnen schwant, dass die Abwesenheit andere Gründe haben könnte. Erst einmal arbeitet sich das Trio an den Themen ab, die im zweiten Lebensdrittel von Bedeutung sind: Job, Auto, Eigenheim, Ehe, Kinder, Hunde. Alles genauso wie bei der Elterngeneration, dabei wollte man doch alles ganz anders machen.

Kaum Platz für humoristische oder ironische Brechungen hat Anna Morawetz ihrem Text zugestanden, das Älterwerden findet auf der Tasch-Bühne als finstere Dystopie statt.

Die Autorin hat spannende Sprechchor-Szenen entwickelt, die Boden-Dilling, Fritz und Simon im höchsten Maß rhythmisch wie inhaltlich fordern – während der Premiere brauchten die drei ein wenig Anlaufzeit, bis die Synchronisation stimmig war. Das Publikum ist gleichermaßen gefordert, denn es hat seine Aufmerksamkeit nicht nur auf das Ensemble, sondern auch auf Audio- und Videoeinspielungen zu richten, die zum einen zeitgeschichtliche Hintergründe einordnen und zum anderen Andeutungen über den mutmaßlichen Tod der abwesenden U. liefern.

Damit verlangt Anna Morawetz den Zuschauenden höchste Konzentration ab, zumal sie die Sprache ihrer Charaktere immer wieder auf die Aneinanderreihung von Schlüsselwörtern existenzieller Plattitüden reduziert. Diese Botschaften zu dechiffrieren, ist Aufgabe des Publikums. Warum das funktioniert? Weil jeder – gleich, aus welcher Perspektive – das Gefühl kennt, den langen, komplizierten Lebenszeitraum zwischen Jugend und Alter sinnvoll und zufriedenstellend zu gestalten.

„Ein Glas auf die Angst, zwei Gläser auf den Mut“: Im letzten Drittel des 90 Minuten langen Einakters eskaliert die Stimmung. Gesagt ist ohnehin alles, U. ist immer noch nicht da, also bleibt kaum mehr, als sich in die Besinnungslosigkeit zu saufen.

Totentanz mit Katergarantie

Aus den Holzwürfeln des Bühnenbildes wird ein Kreuz, ein Sarg („Es gab eine Beerdigung“), ein letztes Mal noch räsoniert man darüber, was U. alles mit ihrem Leben gemacht hätte. Dann wird es laut, ein Abgesang auf das Leben, montiert aus Popzitatfetzen, unterlegt mit anschwellender Technomusik – wenn nichts mehr hilft, hilft nur noch Tanzen, auch wenn’s ein Totentanz mit anschließender Katergarantie ist. Live is Life, lalalalala – na, da war sie dann doch noch, die ironische Brechung. Das Premierenpublikum honorierte Stoff, Inszenierung und schauspielerische Leistung mit anhaltendem Applaus, den Autorinnennamen Anna Morawetz sollte man sich merken.

Die nächste Vorstellung von „Der Schnaps erkennt die Traurigkeit“ findet am Mittwoch, 30. September“, ab 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof statt.

von Carsten Beckmann