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Marburg Preisschock an der Ladesäule
Marburg Preisschock an der Ladesäule
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11:57 20.10.2020
Zum 15. Oktober wurden die Preise an E-Ladesäulen der Stadtwerke Marburg erhöht. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Erst vor knapp drei Wochen haben Stadtspitze und Stadtwerke Marburg eine neue „Stromtankstelle“, also eine Säule mit zwei Ladepunkten, am Technologie- und Tagungszentrum Marburg eröffnet.

Damit gibt es nun im Landkreis 46 Ladepunkte der Stadtwerke, verteilt auf 23 Säulen. Insgesamt haben die Stadtwerke das Monopol an Ladesäulen im Altkreis Marburg – nur vereinzelt gibt es Ladesäulen anderer Anbieter, hauptsächlich von Unternehmen wie Autohäusern und Supermärkten an ihren Geschäftsräumen geschaffen.

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Und nun der Schock für alle Nutzer der Stadtwerke-Säulen: Zum 15. Oktober wurden die Preise je geladener Kilowattstunde von 27 Cent auf 44 Cent erhöht – also um knapp 70 Prozent.

Denn: Die Abrechnung erledigt ein Dienstleister für die Stadtwerke, das Berliner Unternehmen „Plugsurfing“, das sich laut eigenen Angaben als „führender E-Mobility-Anbieter in Europa“ sieht. Da es an Ladesäulen – anders als an konventionellen Tankstellen – je nach Betreiber unterschiedliche Preise und Abrechnungsmodelle gibt, hat „Plugsurfing“ vor knapp zwei Wochen eine bundesweit einheitliche Preisstruktur angekündigt: An Normal-Ladesäulen fallen demnach 44 Cent je Kilowattstunde an, an Schnelllade-Säulen 54 Cent je Kilowattstunde.

„Plugsurfing“ will „bestmöglichen Dienstleistungen“ bieten

Bei den Stadtwerken selbst stand auch noch nach der Einführung des neuen Preisgefüges am 15. Oktober der veraltete Preis auf den Internetseiten, war am Montag, 19. Oktober, jedoch aktuell. Am Montag war auf der Übersichtskarte der Stromtankstellen gar zu lesen, Kunden könnten an den Ladepunkten kostenlos Strom beziehen – das sei jedoch ein „Versehen und bereits seit Juli 2017 nicht mehr der Fall“, wie Stadtwerke-Pressesprecherin Sarah Möller auf OP-Anfrage mitteilt.

Doch wer legt den Preis an den Ladesäulen fest? „Plugsurfing“ schreibt dazu auf seiner Webseite: „Unser Ziel ist es, den Preis für die Aufladung von Elektroautos so klar und transparent wie möglich zu machen, und dazu nehmen wir einen durchschnittlichen Ladepreis von Ladestationen im ganzen Land.“ Man arbeite kontinuierlich mit den Partnern der Ladestationsbetreiber zusammen, um den Kunden „die bestmöglichen Lade-Erfahrungen und Dienstleistungen zu bieten“.

Stadtwerke wollen Preishoheit behalten

Das sehen die Stadtwerke Marburg gerade ganz anders – Stadtwerke-Geschäftsführer Holger Armbrüster sei „stinksauer“, wie Sarah Möller erläutert. „Wir haben von der Preiserhöhung zur selben Zeit erfahren, wie auch die Kunden“, so Möller. Heißt: Am 8. Oktober wurden die Stadtwerke – so, wie auch alle „Plugsurfing“-Kunden – von dem veränderten Preismodell informiert. Somit sei lediglich eine Woche Vorlauf geblieben. „Wir lassen den Sachverhalt gerade juristisch prüfen und schauen auch, was wir kurzfristig machen können“, erläutert Sarah Möller. Fest stehe: Man werde sich einen anderen Partner für die Abrechnung suchen.

Prinzipiell sei man bisher sehr zufrieden mit „Plugsurfing“ gewesen – „denn wir hatten ja auch die Preishoheit und konnten so unseren Beitrag zur Unterstützung der Elektromobilität leisten“, sagt Sarah Möller. „Jetzt werden wir den Vertrag auf jeden Fall kündigen, weil die neuen Preise nicht in unserem Sinne sind.“ Preishoheit bedeute in diesem Zusammenhang, „dass wir den Preis je Kilowattstunde festgelegt haben – der hat sich in der Regel an unserem Premium-Strompreis orientiert“, so Möller. „Plugsurfing“ bekomme einen entsprechenden Anteil. „Und diese Preishoheit muss auf jeden Fall bei uns bleiben“, so Möller.

Durchblick für Kunden schwer zu behalten

Doch warum der immense Preissprung? Hintergrund dürfte sein, dass der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) nach eigenen Angaben drei Lade-Anbieter wegen Verstößen gegen die Preisangabenverordnung mit einer intransparenten Preisgestaltung abgemahnt hat – einer davon „Plugsurfing".

Denn: Vor dem 15. Oktober hatte „Plugsurfing“ unterschiedliche Preise je Ladesäule, die teilweise noch mit einer zeitbasierten Komponente kombiniert waren. Somit sei es für den Kunden nur schwer zu wissen, was er an einer Ladesäule zahlen müsse. „Plugsurfing“ gab die geforderte Unterlassungserklärung nicht ab. Deshalb habe der VZBV Klage beim Landgericht Berlin eingereicht (Az. 16 O 352/20). Experten vermuten, mit der neuen, einheitlichen Preisstruktur habe man auf die Vorwürfe reagiert.

Ein Trost für die Kunden, die an den Säulen der Stadtwerke Marburg laden müssen, ist das jedoch nicht – sie müssen in den sauren Apfel beißen und die 44 Cent je Kilowattstunde an den Säulen der Stadtwerke bezahlen. Denn: „Wir suchen nach einer schnellen Lösung – wissen aber derzeit noch nicht, wie sie aussieht“, so Sarah Möller. Zu kurzfristig sei man vor vollendete Tatsachen gestellt worden.

Abmahnungen gegen Preischaos

Der Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV) hat drei Betreiber von Ladestationen für E-Autos wegen intransparenter Preisgestaltung abgemahnt: Kunden wissen oft nicht, wie viel sie für eine Kilowattstunde Strom an der Ladesäule zahlen müssen oder werden ohne erkennbaren Grund mit drastischen Preiserhöhungen konfrontiert.

Abgemahnt wurden die Digital Charging Solutions GmbH, die Plugsurfing GmbH und ein weiterer Anbieter. Gleichzeitig begrüßt der VZBV die Pläne der Bundesregierung, die das Bezahlen an der Ladesäule einfacher machen sollen. „Die Zukunft der Elektromobilität hängt nicht nur vom Ausbau der Ladestationen, sondern auch von fairen und transparenten Tarifen ab“, sagt Kerstin Hoppe, Rechtsreferentin beim VZBV.

„Davon kann derzeit oft noch keine Rede sein. Statt verbrauchsabhängig nach der gelieferten Energiemenge müssen Kunden teilweise nach Ladezeit bezahlen. Immer wieder müssen Kunden zudem aufgrund ihres Ladeverhaltens hohe Preise zahlen – ohne dass erkennbar ist, warum.“

Der VZBV sieht im verbraucherfreundlichen Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Mobilität einen wichtigen Baustein für wirksamen Klimaschutz. Die Verbraucherschützer begrüßen deshalb den Plan des Bundeswirtschaftsministeriums, wonach Ladesäulenbetreiber die Bezahlung mit Debit- und Kreditkarte anbieten müssen. ,„Das Laden eines E-Autos muss so einfach und komfortabel wie möglich sein, um Verbrauchern den Umstieg auf Elektromobilität zu erleichtern“, sagt Marion Jungbluth, Teamleiterin Mobilität und Reisen beim VZBV.

Um für mehr Preistransparenz an der Ladesäule zu sorgen, fordert der VZBV zudem eine standardisierte Schnittstelle für die Datenübermittlung. Dies müsse für alle öffentlichen Ladesäulen wie an Supermärkten, Tankstellen oder Parkplätzen gelten und Standortinformationen, dynamische Daten wie den Belegungsstatus sowie Preisinformationen beinhalten.

Von Andreas Schmidt

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