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Marburg Preise kennen nur eine Richtung: Nach oben
Marburg Preise kennen nur eine Richtung: Nach oben
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13:58 14.06.2021
Dachlatten aus Holz sind am Firmensitz eines Dachdeckermeisters zu sehen. Die Rohstoffknappheit droht den Aufschwung im Handwerk zu gefährden - und die Kunden bekommen die Engpässe zunehmend zu spüren.
Dachlatten aus Holz sind am Firmensitz eines Dachdeckermeisters zu sehen. Die Rohstoffknappheit droht den Aufschwung im Handwerk zu gefährden - und die Kunden bekommen die Engpässe zunehmend zu spüren. Quelle: Rolf Vennenbernd
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Marburg

Thomas Würz, stellvertretender Obermeister der Zimmer-Innung Marburg, weiß kaum, wo ihm der Kopf steht. Bis weit in den Herbst hinein ist sein Zehn-Mann-Unternehmen Holzbau Würz in Rauschenberg ausgebucht. „Ein Tag müsste 35 Stunden haben“, sagt er. Dazu kämpft er mit stetig steigenden Preisen.

„Seit November kennen die Holzpreise nur eine Richtung – nach oben.“ Seit Dezember seien die Preise im Einkauf um 140 Prozent gestiegen. Gutes Bauholz sei noch lieferbar – „aber die Lieferzeiten werden länger und die Preise steigen“. Angebote könne er derzeit gar nicht schreiben. Die Preise seien tagesaktuell, Angebote innerhalb von Tagen überholt.

Leerer Holzmarkt

Sein Kollege, der Hinterländer Kreishandwerksmeister Fred Schneider, erklärte in einem Zeitungsinterview: „Der Preis hat sich exorbitant entwickelt.“ Er sei für Dachlatten und Bretter in den vergangenen Monaten um das Dreifache gestiegen, so der Obermeister der Dachdeckerinnung.

„Von den Zimmerern weiß ich, dass die gar kein Holz bekommen und somit gar keine Dachstühle aufstellen können“, schildert Schneider das Ausmaß des leer gefegten Holzmarktes. Und bei den Firmen stapeln sich die Aufträge. Die Lieferanten etwa von Dachlatten gingen jetzt zu Tagespreisen über – „das ist wie beim Gold“.

Andere Probleme noch vor einem Jahr

Noch vor einem Jahr hatte Deutschland eine andere Holzkrise: Stürme, Trockenheit und der Borkenkäfer setzten (und setzen noch) dem deutschen Wald enorm zu. Es gab eine Holzschwemme. Diese Krise traf vor allem die Waldbauern. Die Preise waren im Keller, das Einschlagen von Holz und der Transport aus dem Wald war oft teurer als der Erlös auf dem Markt.

Überall wurden Nasslager angelegt, um das Holz feucht zu halten, damit der wertvolle Rohstoff nicht verrottet. Für viele Autofahrer augenfällig war etwa das riesige Zwischenlager von Hessen-Forst an der Bundesstraße zwischen Marburg und Kirchhain. Das Lager ist längst weg. Und es ist nicht das einzige Holzlager in Deutschland, das verschwunden ist.

Enorme Preisanstiege, lange Lieferzeiten

Deutschland ist inzwischen von einer Holzkrise in eine neue Holzkrise geschlittert. Der deutsche Holzmarkt wurde innerhalb weniger Monate leer gefegt. Ein Grund: Der deutsche Bauboom und die hohe Nachfrage nach Bauholz aus China und den USA. Auch dort herrscht ein Bauboom und chinesische und US-amerikanische Importeure zahlten lange Zeit höhere Preise und sie nahmen alles – auch Holz, das in Deutschland nur schwer zu verkaufen wäre.

Das Fachblatt „Der Holzkurier“ stellte fest: 2020 stiegen die deutschen Nadelschnittholz-Exporte in die USA um 54 Prozent. Zudem gibt es eine massive Nachfrage im Holz- und Fertighausbau. Die Folge der Knappheit sind enorme Preisanstiege und lange Lieferzeiten in einem Ausmaß, das bis dato in Deutschland unbekannt war. „Die Preise für Rundholz sind um 400 Prozent gestiegen“, sagt Nico Oppermann, Betriebsleiter bei Holz Schmidt in Schönstadt, mit rund 90 Beschäftigten das größte Sägewerk im Landkreis.

Das Limit ist erreicht

Für ihn ist die Lage auf dem deutschen Holzmarkt ein Stück weit hausgemacht. „Wir arbeiten unter Volllast und zu 100 Prozent nur für den deutschen Markt. Wir sind am Limit“, sagte er der OP. Die Nachfrage nach Holz sei enorm. „Es ist aber derzeit noch genügend Holz da, wenn man Makel akzeptiert.“

Damit meint er etwa Verfärbungen oder Käferholz. „Die Menschen müssen umdenken, der kosmetische Teil muss bei Bauholz zurückgefahren werden. Aber die Deutschen wollen die Filetstücke.“ Also makelloses Holz. Den Chinesen und US-Amerikanern sei dies egal, solange das Holz statisch nicht beeinträchtigt sei. Aber auch Oppermann ahnt: „Es wird extrem eng werden in Zukunft. Dass der Wald so schnell stirbt, war nicht abzusehen.“ Längst schlagen Schreiner und Zimmerer Alarm. Deren Auftragsbücher sind voll: Sie bekommen kein Holz mehr. Und wenn, wird es immer teurer.

Kunde muss Holz besorgen

Christof Tzioras von der Firma Buchecker Forstwirtschaft in Ebsdorf meint: „Der Wald ist gestorben und wurde in Containern nach China verschifft.“ Er hatte gerade eine Anfrage für Dachpfetten, also stabilen, dicken Trägern für Dächer. „Aber es gibt nichts mehr“, sagte er der OP.

„Ich kann nur noch anbieten, es zuzuschneiden, wenn der Kunde das Holz besorgt.“ Ein Ende der Holzkrise ist seiner Ansicht nach „eher unwahrscheinlich, es wird eher schlimmer“. Tzioras ist sich sicher: „Die Holzpreise werden weiter steigen. Der Bedarf ist da und er ist aus unseren Wäldern nicht zu decken.“

„Die nächste Käferwelle kommt“

Gestorben ist vor allem die Fichte, lange Zeit der Brot-und-Butter-Baum der deutschen Waldwirtschaft. „In vielen Bereichen stehen kaum noch Fichten“, sagt Bernd Wegener, Leiter des Forstamtes Kirchhain. Er rechnet auch in diesem Jahr wieder mit einem starken Borkenkäferbefall. „Die nächste Käferwelle kommt“, sagt er. Derzeit werden die Brachflächen mit Hochdruck wieder aufgeforstet. Allein das Forstamt Kirchhain, das rund 17.000 Hektar Wald bewirtschaftet, hat nach Angaben Wegeners im vergangenen Jahr rund 250.000 Bäume in die Erde gebracht.

Er hofft, dass es genug regnet, damit möglichst viele Setzlinge überleben. Der deutsche Wald wird wegen des Klimawandels umgebaut. „Ziel ist ein Mischwald mit standortgerechten Bäumen“, sagt Wegener. Doch das braucht Zeit. Im Wald rechnet man zeitlich in ganz anderen Dimensionen als in unserer Just-in-time-Gesellschaft, in der alles jederzeit verfügbar sein muss – auch Dachlatten, Balken, Holzträger. 60, 80, 100, 150 oder sogar 250 Jahre sind im Waldbau die Kennzahlen für das Wachstum der Bäume, bis sie erntereif sind. Das hilft heutigen Häuslebauern und Handwerkern kaum.

Von Uwe Badouin

14.06.2021
14.06.2021