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Marburg Ein Preis, der zu Marburg passt
Marburg Ein Preis, der zu Marburg passt
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10:01 29.04.2019
Laudatorin Gesine Schwan (im roten Blazer) und die Vertreter der Lutherstädte verleihen die Urkunde für „Das unerschrockene Wort“ an Seyran Ates in der Lutherischen Pfarrkirche Marburg. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Autorin, Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates (56) setzt sich, so formulierte es Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies während der feierlichen Preisübergabe am Samstag, unermüdlich für das Recht von Frauen ein, für das Recht von Homosexuellen, für das Recht von Kindern und Schutzbedürftigen.

Das ist, so sagt Seyran Ates, auch in Deutschland nicht immer einfach und keine Selbstverständlichkeit. Sie selbst muss seit einem Anschlag 2006 von der Polizei rund um die Uhr geschützt werden – auch vor und während der Feierstunde in der Lutherischen Pfarrkirche. „Wenn ich mich beklage über einen politischen Islam, wenn ich mich fürchte vor rechtsradikalen Deutschen, dann aus denselben Gründen,“ sagt Ates. Diese Extremisten hätten dieselben Wertvorstellungen, betonte die 56-Jährige.

Sie selbst träumt von einer Freiheit, in der sich alle an gesellschaftlichen Prozessen beteiligen und arbeitet an der Gründung einer internationalen Universität für einen zeitgemäßen Islam. Dazu gehört auch eine sexuelle Revolution im Islam. „Ich sehe in dem Thema der selbstbestimmten Sexualität die größte Kluft zwischen der sogenannten islamischen und sogenannten westlichen Welt“, betonte Ates in Marburg.

Ates stellte auch in der Lutherischen Pfarrkirche ihre Lust am Widerspruch unter Beweis. Sie kritisierte scharf eine Solidaritätsgeste nach dem Anschlag auf eine Moschee im neuseeländischen Christchurch, als die Frauen sich bei Trauerkundgebungen Kopftücher umbanden – für Ates ein Symbol des traditionellen, konservativen Islam, zu dem die sexuelle Unterdrückung der Frau gehöre. „Integration gelingt nicht, wenn wir nicht genau hinschauen“, sagte sie.

In der von ihr initiierten Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin beten Männer und Frauen gemeinsam, beten Frauen mit und ohne Kopftuch gemeinsam. Außerdem setzt sich die Moschee für Homosexuelle und andere sexuelle Minderheiten ein. Die Moschee ist wahrscheinlich die einzige, berichtete Ates, in der ein weiblicher Muezzin zum Freitagsgebet ruft. Sie selbst bezeichnet sich als „gläubige Muslima, die ihre Religion von innen heraus reformieren will, statt sich gegen sie zu wenden. Das ist im besten Sinne Luthers“.

Hintergrund

Der Preis für „Das unerschrockene Wort“ wird alle zwei Jahre von den 16 Lutherstädten vergeben. Geehrt werden Menschen, die sich in Wort und Tat für die Gesellschaft, Gemeinde, den Staat bedeutsame Aussagen gemacht und gegenüber Widerständen vertreten“ haben. Preisträger sind unter anderem Hans Küng und Richard Schröder.

Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies glaubt, dass der Preis „Das unerschrockene Wort“ nicht nur zu Ates passe, sondern auch zu Marburg – „der Stadt, in der sich mehr als ein Zehntel der Bevölkerung zur ‚Wir sind mehr‘-Demonstration gegen Rassismus, gegen Intoleranz, gegen das Gewaltmonopol des Staates und für Freiheit einfindet.“

Ates nahm den Preis „mit großer Freude und Demut“ entgegen, „wohlwissend, dass ich nur ein winzig kleiner Teil einer großen Bewegung bin, die in den nächsten Jahrzehnten die gesamte Welt zum Positiven verändern wird.“ Man könne diese Bewegung als die Friedensbewegung der Religionen bezeichnen. Der heiß ersehnte Weltfriede könne nur dann erlangt werden, „wenn wir es schaffen, Frieden zwischen den Religionen, einschließlich der Weltanschauungsideologien herzustellen“.

Als Laudatorin trat Gesine Schwan auf

Gesine Schwan, frühere Rektorin der Europa-Universität in Frankfurt/Oder und prominente Sozialdemokratin, bezeichnete Seyran Ates als „Pionierin der täglichen Integrationsarbeit“.

„Das Zusammenleben in kultureller und religiöser Vielfalt gelingt nicht von allein“, sagte Schwan und bescheinigte der Preisträgerin: „Sie schlagen Verständigungsbrücken in die kulturelle Vielfalt“. Schwan beschäftigte sich mit der Frage, wie sich Toleranz gegenüber der Intoleranz verhalten soll. Sie zu bekämpfen sei schwierig, weil man sie nicht ausrotten könne. „Es geht zudem nicht um physische Vernichtung.“ Aber die Intoleranten für die Toleranz zu gewinnen sei schwierig, weil dies zu Blauäugigkeit führen könne. „Wir brauchen Widerstand gegen Alles, was den Islam zum Islamismus macht“, versuchte Schwan eine Definition, die sich in diesem Zusammenhang gegen die „Blauäugigkeit in Teilen der Linken“ wandte. „Wir brauchen mehr Trans-Kulturalismuas statt den Multi-Kulturalismus“, fordert Schwan, statt geschlossener gesellschaftlicher Systeme oder Religionen brauche es mehr Offenheit und Verständnis. „Dafür setzen Sie sich jeden Tag ein“, lobte Schwan Ates. Ates wolle die Religion nicht abschaffen, sondern sie von innen reformieren.

Streitbarkeit und Konfliktfreudigkeit seien Tugenden, mit der Seyran Ates für eine Reform des Islam eintrete. „Konflikt und Streit spielen eine unverzichtbare Rolle bei der Entwicklung einer freien Gesellschaft, wenn sie gewaltfrei und konstruktiv ausgetragen werden“, so die Katholikin. Vielleicht ist es ein wenig sinnbildlich, dass sie als Katholikin von einer Lutherstadt zur Ehrung einer Muslima eingeladen worden sei.
Millionen von Menschen aus allen sozialen Schichten und allen Strömungen des Islams wünschen sich eine Modernisierung dieser Religion, sagte Seyran Ates. Sie wünschten sich, befreit zu werden von Terroristen, Erdöl-Millionären und sogenannten Autoritäten, die den Islam für ihr patriarchales Herrschaftssystem und ihre Bankkonten missbrauchten.

Die Auszeichnung „Das unerschrockene Wort“ erinnert an die Standhaftigkeit des Reformators Martin Luther, als dieser sich auf dem Reichstag zu Worms 1521 weigerte, seine Ansichten zu widerrufen und daraufhin geächtet wurde.

Auch Ates ist von einigen Strömungen geächtet, muss täglich um ihr Leben bangen und rund um die Uhr bewacht werden. Ein Stück weit betrachtet sie das sogar als ein Privileg, das Land Berlin sei auf sie zugekommen und habe gesagt: „Wir wollen, dass sie arbeiten können.“

Gesine Schwan weiß aber auch, dass Sicherheit letztendlich nicht durch Polizei allein zu erreichen ist. „Sondern wir brauchen genug Menschen, die davon absehen, Gewalt anzuwenden. Oder, anders formuliert: „Der Weg der Argumentation ist der einzig Richtige auf dem Weg zur Inklusion.“

von Till Conrad