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Marburg Praxen befürchten Chaos durch E-Rezept
Marburg Praxen befürchten Chaos durch E-Rezept
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12:00 11.01.2022
Auf einem Smartphone ist die geöffnete App „Das E-Rezept“ zu sehen. Die bundesweite Einführung des E-Rezepts wurde verschoben. Ärzte kritisieren Fehler im System
Auf einem Smartphone ist die geöffnete App „Das E-Rezept“ zu sehen. Die bundesweite Einführung des E-Rezepts wurde verschoben. Ärzte kritisieren Fehler im System Quelle: Mohssen Assanimoghaddam
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Marburg

Ab diesem Jahr sollte eigentlich das elektronische Rezept zum Standard in Arztpraxen, Apotheken und Kliniken für alle gesetzlich Versicherten werden. Es sollte ein Riesenschritt in Richtung digitales Gesundheitssystem sein, aber es gibt weiter Stolpersteine. Das Gesundheitsministerium rückt nun vorerst davon ab, die Digitalverschreibung zur Pflicht zu machen.

Die Testphase wird weitergeführt, soll aber danach, zu einem noch unbestimmten Zeitpunkt, Standard werden. Das E-Rezept nutzen können bislang nur Praxen und Apotheken, die dazu technisch auch in der Lage sind. Und auch nur dann, wenn die Hard- und Software mitspielt.

Mit dem QR-Code in die Apotheke

Dabei klingt alles so einfach wie praktisch: Ein Rezept wird digital in der Praxis ausgestellt, das Patienten nach dem Scannen der Gesundheitskarte in Form eines QR-Codes erhalten. Den gibt es über die App „E-Rezept“ oder in ausgedruckter Form. Mit dem Code als Nachweis kann dann in der Apotheke das Medikament abgeholt werden.

Kern der Digitalverschreibung ist die dazugehörige App, über die das Medikament im Prinzip papierlos oder auch vorab bestellt werden kann. Zumindest kommt dies auf gesetzlich Versicherte zu, für Privatversicherte gilt das Digitalrezept nicht. Auch die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung soll künftig, in einem Jahr verpflichtend, digital durch die Praxis an die Krankenkasse übermittelt werden.

Das System läuft verschlüsselt über die Telematikinfrastruktur (TI) des Gesundheitsbereichs, auf diese zentrale Plattform haben alle beteiligten Akteure Zugriff. Die bundesweite Testphase kam erst Anfang Dezember und lief stockend – lediglich 42 E-Rezepte konnten ausgestellt und erfolgreich abgerechnet werden, moniert der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Auch Ärzteverbände wie die Kassenzahnärztliche Vereinigung Hessen kritisierten die bis vor Kurzem noch angedachte Pflicht-Einführung des E-Rezepts ab Januar als übereilt und warnten vor einer Blockade im Arbeitsalltag der Praxen. Die fürchtet auch Dr. Ortwin Schuchardt, Pressesprecher der heimischen Ärztegenossenschaft Prima: „Ich versuche seit einem halben Jahr, meine Praxis auszurüsten, es hakt aber noch immer“, bemängelt der Allgemeinmediziner.

Probleme bei Software, Updates und Verbindung

Probleme gebe es etwa bei der Software, Updates oder bei der Verbindung zum zentralen Server des App-Betreibers, der gematik GmbH. Ebenso bei den neuen Terminals, über die sich Ärzte wie Patienten identifizieren und mit demselben Server verbinden müssen. So wie auch die gewünschte Apotheke oder die Krankenkasse.

„Wenn das alles funktioniert, ist es ja gut“, sagt Schuchardt. Wenn es an einer Stelle hakt, stockt das ganze System, im Moment sei das Konzept noch weit entfernt von der versprochenen Vereinfachung für Arzt- und Apothekengänge. Neben den aufgerüsteten Praxen verlangt das neue System auch von Patienten einiges an Vorbereitung: Allen voran die Möglichkeit und die Bereitschaft, dafür das Smartphone zu nutzen und sich bei der App über die elektronische Gesundheitskarte auch zu registrieren. Um auf das eigene Rezept, das auf einem zentralen Server liegt, überhaupt zugreifen zu können, ist das Voraussetzung. Wer das nicht möchte oder nicht die technischen Voraussetzungen hat, kann diese Funktion nicht nutzen und muss auf den ausgedruckten Code und damit weiterhin auf Papier zurückgreifen. Zudem sei auch noch unklar, wie das künftige Verfahren bei Besuchen in Pflege- und Altenheimen angewandt werden soll, generell bei Patienten, die nicht in die Praxis kommen können.

Wenig Verständnis habe er auch für die Vorgaben zur digitalen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, alleine da im Moment nicht sichergestellt sei, dass diese auch jede Krankenkasse erreicht. Bisher konnte der Arbeitnehmer selber die Bescheinigung bereits digital bei den meisten Kassen einreichen – oft per Foto via Handy. Das solle künftig nicht mehr möglich sein, denn der Arzt sei nun für die digitale Übermittlung zuständig. Damit werde ein bereits funktionierendes System ausgebremst, „der Effekt ist gleich Null, das ist deutsche Digitalisierung“, moniert Schuchardt.

Im Moment betrachtet er die verpflichtende Einführung des neuen Systems als verfrüht, es brauche nun viel mehr Testläufe. Ein Schritt zu mehr Digitalisierung sei wünschenswert, „aber nicht so, nicht mit der Brechstange – wir müssen doch Menschen versorgen.“

Von Ina Tannert

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