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Marburg Mit einem Bett zum Praktikum
Marburg Mit einem Bett zum Praktikum
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19:58 14.08.2020
Elias Hühn hat einen Gendefekt und kann nur über einen Sprachcomputer kommunizieren. Er träumte von einem Praktikum und Siemens Healtcare erfüllte ihm diesen. Quelle: Foto: Katja Hühn
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Marburg

„Ich bin sehr traurig und enttäuscht darüber, wie schwierig es doch in der heutigen Gesellschaft ist, mit so einer Behinderung, wie ich sie habe, zu leben“, hatte Elias Hühn in seinem Artikel in der OP geschrieben.

Der 18-Jährige hatte vor über einem Jahr im Rahmen von „Schüler lesen die OP“ über seinen Alltag, über Barrieren und Träume geschrieben. Der Kirchhainer hat einen Gendefekt. Durch die spinale Muskelatrophie Typ 1 ist er an einen großen Rollstuhl gefesselt, der beispielsweise nicht in alle Aufzüge passt. Und Elias Hühn kann nicht selbst sprechen, kommuniziert über einen Computer, da er permanent beatmet werden muss.

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„Zum Beispiel suche ich schon seit längerem vergeblich einen Praktikumsplatz“, schrieb er damals von seinen Träumen. Immer wieder wurden seine Bewerbungen in der Vergangenheit abgelehnt. Oft mit der Begründung, dass die Unternehmen personell und zeitlich nicht in der Lage wären, sich um ihn zu kümmern. Dabei kann er problemlos selbstständig mit seinem Computer Texte schreiben oder kopieren, im Internet recherchieren, E-Mails schreiben.

Mitarbeiter von Siemens Healthineers wurden durch den OP-Artikel auf Elias’ Wunsch aufmerksam. Und dann nahm die Wunscherfüllung seinen Lauf.

„Elias ist ein intelligenter junger Mann“, sagt Annika Weber von Siemens im OP-Gespräch. „Sicher sind seine körperlichen Einschränkungen enorm, aber wir sind hier am Standort barrierefrei und wollten ihm die Möglichkeit eines Praktikums gerne geben“, so die Pressesprecherin des Unternehmens, die aber gleich zugab, dass sie als erstes die Türen ausgemessen hatte, um sicher zu stellen, dass der Rollstuhl auch durchpasst. Dann startete sie Anfragen bei den Kollegen verschiedener Abteilungen, wer sich an dem Praktikumstag von Elias beteiligen möchte. „Sie waren sofort Feuer und Flamme. Ich konnte mich vor Angeboten kaum retten“, berichtete Annika Weber.

Zusammen mit seiner Krankenschwester Lisa Hessler stand Elias Hühn wenige Wochen später vor den Toren am Görzhäuser Hof.

„Alle Mitarbeiter waren sehr freundlich. Sie haben mir zu jeder Abteilung etwas erklärt. So habe ich erfahren, dass 240 000 Menschen durch ein klinisches Gerät von Siemens Healthineers behandelt werden“, schrieb Elias anschließend in seiner Praktikumsarbeit.

Denn von jeder Abteilung bekam er kleine Aufgaben gestellt, die er entweder am selben Tag oder später erledigen musste.

„Finanzen war nicht so sein Ding“, verriet Elias’ Mutter Katja Hühn am OP-Telefon lachend. „Aber die Marketing-Abteilung fand er sehr interessant. Und auch, dass es eine Behindertenvertretung im Unternehmen gibt.“

Das bestätigte auch Annika Weber, die ihm einiges aus ihrer täglichen Arbeit als Pressesprecherin erzählte. Nämlich auch, dass man sehr gut englisch sprechen muss und wie kleine Filme gedreht werden. Ihre Aufgabe für den Erich-Kästner-Schüler war es, dass er einen Artikel über diesen Tag schreiben sollte. Darin schrieb er: „Am spannendsten und interessantesten fand ich, wie das Blut untersucht wird und wie es entsteht. Ich hatte einen sehr schönen und interessanten Praktikumstag.“ Für den bekam er übrigens auch eine richtige Bescheinigung, die er bei der Schule einreichen konnte.

„Elias hat so viele Fragen gestellt“, erinnert sich Annika Weber. Dadurch, dass er seinen Sprach-Computer nur mit seinem linken Daumen über einen Näherungssensor ansteuern kann, hat es oft etwas länger gedauert. „Aber das war auch für uns eine völlig neue Erfahrung und absolut bereichernd – für alle Kollegen“ resümierte sie im OP-Gespräch. Für alle war klar: Das werden wir wiederholen und wieder jemandem mit Einschränkungen die Möglichkeit eines Praktikums geben.

Und Elias? Der hofft, dass sein Beispiel Schule macht und auch andere Unternehmen sich öffnen. Am liebsten das Theater oder das Kino. Denn von einem Einblick dort träumt er schon sehr lange.

Von Katja Peters

14.08.2020
14.08.2020