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Marburg „Pollesch“ feiert Premiere am Landestheater
Marburg „Pollesch“ feiert Premiere am Landestheater
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13:00 05.10.2021
„Pollesch wäre das nicht passiert“ wurde am Samstag am Landestheater uraufgeführt.
„Pollesch wäre das nicht passiert“ wurde am Samstag am Landestheater uraufgeführt. Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Immerhin sein Name hat es nun aber auf die Bühne des Theaters am Schwanhof geschafft. Und vielleicht hätte ihm „Pollesch wäre das nicht passiert“ sogar gefallen. Immerhin spielen schöne Menschen in schöner Kulisse zum Soundtrack von Queen ein Stück der Marburger Stadtschreiberin Anah Filou, das die Zuschauerinnen und Zuschauer über die vollen achtzig Minuten fordert.

Der Autorin zufolge ist das Stück eine Komödie, eine Tragödie, eine Revue und ein Lehrstück über das Verstehen. Die ganz in strahlendem Pink gestaltete Bühne bietet die nüchterne Kulisse für die vier Figuren, und es wird nicht ganz klar, was diese eigentlich darstellt. Bahnhof, Theaterbühne, irgendetwas dazwischen? Herr Wuttke (Zenzi Huber) jedenfalls ist hier Fahrkartenverkäufer. Und das ist er sehr gerne und er nimmt seine Aufgabe sehr genau. Obwohl er früher einmal Schauspieler war. Beim Fernsehen und auch am Theater in Berlin. Als Experte für Bewegung aller Art verhandelt er zu Beginn mit „Ich Selbst“ (Marie Wolf), einer unbedarften Reisenden, die möglichst preiswert und ohne „Authentifizierungsausweis zur Vergültigung Ihres Spartickets“ oder Kreditkarte mit der Bahn von Konstanz nach Kiel reisen möchte.

Und schon beginnen die sprachlichen Verwirrungen. „Ja, aha. Was?“ „Authentifizierungsausweis.“ „Genau.“ „Genau.“ „Nein, was?“ „Authentifizierungsausweis.“ Aha.

Der Wunsch nach Bewegung ist groß, doch die (sprachlichen) Hürden sind manchmal noch höher. Besonders, wenn Dinge wie Authentifizierung, Vergültigung oder Beförderungskeit verhandelt werden müssen. Aber eine Bahncard fünfundzwanzig-fünfzig-einhundert muss man sich verdienen, da ist Herr Wuttke sehr penibel. Und gerät nun plötzlich in Verdacht, Bewegung zu verhindern.

Anna (Mia Wiederstein) taucht auf und möchte auch ein Ticket kaufen. Nach Andorra la Vella! Man mag sich nebenbei gar nicht vorstellen, was das mit der Bahn wohl bedeutet. Dass sie am Ende ganz woanders ankommen wird – egal.

Anna wird zur Agentin und Applausbeauftragten und sucht nach Zusammenhangsoptionen. Die findet sie im Theater selbst, nämlich den Versammlungszusammenhang mit dem Publikum, dem geliebten Nebel, in Konstanz am Bahnsteig und hier auf der Bühne. Und zwischendurch hat ​immer mal wieder Queen (Saska Boden-Dilling) einen bombastischen Auftritt zum Soundtrack der gleichnamigen Rockband. Gemeinsam und jede für sich suchen die vier hinreißend gezeichneten Figuren nach ihren Berechtigungen. Sie wollen ja verstehen und verstanden werden. Beinahe möchte man auf die Bühne springen und sie schütteln und aufwecken und zur Besinnung bringen.

Schließlich stranden sie alle vier am Bahnsteig im Theater am Schwanhof. Das ist dann doch „a kind of magic“. So könnte man immerhin das Fazit ziehen, dass „Ich verstehe nur Bahnhof“ auch eine ganz andere Bedeutung haben kann. Oder?

Pollesch, übrigens ein großer Dramatiker und Regisseur, derzeit Intendant der Berliner Volksbühne, mitunter ein wenig eigen und nicht unumstritten, wäre das wirklich nicht passiert. Vielleicht aber auch doch. Nicht?

Von Volker Kubisch

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