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Marburg Pollermützen sorgen für Kontraste
Marburg Pollermützen sorgen für Kontraste
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11:57 30.04.2021
Dörte Severin (links) und Christine Schneider häkeln die ersten rot-weiß-gestreiften Pollermützen. Die Aktion läuft offiziell vom 1. bis 11. Juni.
Dörte Severin (links) und Christine Schneider häkeln die ersten rot-weiß-gestreiften Pollermützen. Die Aktion läuft offiziell vom 1. bis 11. Juni. Quelle: Foto: Ina Tannert
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Marburg

Leise klicken die Häkelnadeln zwischen den flinken Fingern, immer mehr knallrote Wollfäden reihen sich Masche um Masche aneinander. Das wollige Werk wächst zusehends, bald ist die nächste „Pollermütze“ fertig.

Die rot-weiß-gestreifte Wollhaube entsteht gerade im Wohnzimmer von Dörte Severin aus Marburg, die sich fleißig dem Häkeln widmet. Neben ihr sitzt Freundin Christine Schneider an ihrem eigenen Werkstück, das langsam ebenfalls Mützen-Form annimmt. Ihre Finger tasten prüfend an einer Masche entlang, die 65-Jährige nickt zufrieden. Sie ist von Geburt an blind, ihre Augen braucht sie auch nicht bei der Häkelarbeit, die geht mit viel Gefühl vonstatten. Und das hat sie schon als Kind im Handarbeitsunterricht gelernt.

Neben ihnen auf dem Tisch liegen zwischen Kaffeetassen und Wollknäuel weitere, bereits fertige Stücke. Auf den ersten Blick wirken die wie der untere Teil einer überdimensionalen Wollsocke, für einen Riesenfuß sind sie aber nicht gedacht. Beide Damen haben nicht nur sichtlich Spaß am wiederentdeckten Hobby, sondern auch eine Mission – sie häkeln für die Pollermützen-Aktion am Sehbehindertentag im Juni: Zehn Tage lang – vom 1. bis 11. Juni – sollen Poller an Straßen in der ganzen Republik eine knallig rot-weiße Mütze aufgesetzt bekommen. Auch im heimischen Landkreis.

Denn: Für viele Menschen mit Seheinschränkung sind die oft grauen Poller ein Problem im Alltag, für sie oft nicht erkennbar und damit gleich in doppelter Weise Barrieren. Das trifft ebenso auf ältere oder gehbehinderte Menschen zu. Auch weiße Poller können gerade bei starker Sonneneinstrahlung schnell übersehen werden.

Am liebsten mit Bommel

Unfälle passieren häufig, weil kontrastarme Hindernisse sich visuell nicht vom Hintergrund abheben, erklärt Bettina Hartmann vom Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen (BSBH). Dieser hatte zu der Pollermützen-Aktion aufgerufen und lädt jeden ein, mitzuhäkeln oder zu stricken, so dass möglichst viele Stücke zusammenkommen.

Die farbigen Mützen landen in rund vier Wochen auf den Pollern und weisen dann darauf hin, dass diese – kontrastreich verpackt – besser von sehbehinderten Menschen wahrgenommen werden können. Die entsprechende Anleitung für die Mützen gibt es gratis und schon jetzt haben Hersteller und Geschäfte jede Menge weiße und rote Knäuel für die Aktion gespendet, die an die Teilnehmer verteilt werden.

„Baumwolle finde ich am besten“, verrät Dörte Severin, die verschiedene Materialien ausprobiert hat. „Ich habe nur wenig Strick-Erfahrung und mich aufs Häkeln verlegt, da muss man nicht die Maschen aufreihen und das geht mit meinen Augen besser.“ Die 66-jährige ehemalige Blista-Lehrerin ist sehbehindert, erkennt ihre Umgebung nur noch eingeschränkt als kleinen Punkt in ihrem Sehfeld. Den nutzt sie aber beim Häkeln, „das hilft schon, man muss aber nicht hinsehen, es geht auch so“, erzählt sie lachend.

Christine Schneider kann das bestätigen, „ich zähle die Reihen einfach durch fühlen“. Das trauen sich Sehbehinderte nicht immer zu, weiß die ehrenamtliche Beraterin von Blickpunkt Auge am Standort Stadtallendorf. Sie berät regelmäßig Betroffene wie Angehörige rund um das Thema Sehverlust, hört häufig die Sorge, dass sich viele bei zunehmender Erblindung die Arbeit mit den Händen nicht mehr zutrauen. „Auf das Fühlen muss man sich einlassen können, man muss erst lernen, das umsetzen.“ Sie rät dazu, auf die anderen Sinne zu vertrauen und sich zu trauen, „es ist schwer am Anfang, aber irgendwann geht es automatisch“.

Und so eine Pollermütze herzustellen sei sowieso kein Hexenwerk, die beiden Frauen haben mit ihren ersten Stücken auch schon die Probe aufs Exempel gemacht und einem Poller aufgestülpt. „Es hat gut gepasst und war stramm genug, die Mütze soll ja nicht wegfliegen.“ Aber eins fehlt dann doch: „Eine Bommel wäre noch schön“, findet Dörte Severin. Die könnte ja vielleicht in Zusammenarbeit mit einem Kindergarten entstehen und die Pollermützen noch ergänzen, so die Idee.

Davon unabhängig häkeln die beiden Frauen einfach weiter, wollen bis Juni noch so einige Stücke schaffen und freuen sich über jeden, der mitmacht, ob sehend oder sehbehindert ist unerheblich. Je mehr mitmachen, desto besser und bunter dürfte sich die Initiative am Aktionstag präsentieren. Das Ziel dahinter sei „eine barrierefreie Umwelt“, betont Hartmann. Der Verband will erreichen, dass Poller – auch ohne bunte Mützen – rechtlich bindend in kontrastreichen Farben gestaltet werden, „rot und weiß ist als Warnung am besten geeignet, das sieht jeder einfach besser“.

Von Ina Tannert