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Marburg Polizistin soll Geldstrafe zahlen
Marburg Polizistin soll Geldstrafe zahlen
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10:00 25.04.2022
Eine Polizeibeamtin trägt ihre Dienstwaffe am Gürtel. (Symbolfoto)
Eine Polizeibeamtin trägt ihre Dienstwaffe am Gürtel. (Symbolfoto) Quelle: Arne Dedert/dpa
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Marburg

Wegen Körperverletzung im Amt in Tateinheit mit Nötigung ist eine Polizistin zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Das Marburger Amtsgericht sah es als erwiesen an, dass die Beamtin einem Betrunkenen in Polizeigewahrsam zwei Faustschläge und einen Kniestoß in den Bauch versetzt hatte. Die Polizeioberkommissarin, die sich in 22 Dienstjahren bisher nichts hatte zuschulden kommen lassen, hatte vor Gericht verzweifelt ihre Unschuld beteuert. „Ich bin mein Leben lang Polizeibeamtin und bin angehalten, die Wahrheit zu sagen“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Was mir hier vorgeworfen wird, die zwei Faustschläge – das habe ich nicht gemacht!“

Strafrichter Brandenfels stellte daraufhin klar: „Es geht nicht darum, dass sie eine schlechte Polizeibeamtin wären.“ Vor ihrem Beruf habe er höchsten Respekt. Allerdings glaubte er der Aussage eines Polizeianwärters, der als Zeuge schilderte, dass die Polizistin am 6. Oktober 2020 aus seiner Sicht unnötige Gewalt gegen den betrunkenen Mann angewandt habe. Nach Überzeugung des Gerichts war die Angeklagte gestresst und genervt.

Betrunkener stand wieder auf

Denn die Situation am Einsatztag war in mehrfacher Hinsicht angespannt. Die Polizistin und ein Kollege brachten im Streifenwagen einen stark betrunkenen Mann, der am Rudolphsplatz Passanten angepöbelt hatte, zur Ausnüchterung zur Polizeistation in Cappel. Allerdings waren an diesem Tag wegen der Proteste gegen die A49 alle Gewahrsamszellen belegt. Die Polizistin und ihr Kollege – sowie zeitweise der Polizeianwärter – mussten mit dem Betrunkenen längere Zeit im Foyer der Polizeistation warten, sollten ihn dann nach Biedenkopf bringen und kehrten schließlich doch nach Cappel zurück, als eine Zelle freigeworden war.

Der Betrunkene, der laut Atemalkoholtest 3,1 Promille hatte, hatte nach übereinstimmender Schilderung starke Stimmungsschwankungen. Er beleidigte die Polizisten, stand in der Polizeistation immer wieder auf und versuchte schließlich, seine hinterm Rücken gefesselten Hände nach vorne zu bringen. Offenbar fand die Polizistin aber schon am Rudolphsplatz den Betrunkenen bedrohlicher als ihr Kollege, der früher in Frankfurt speziell für ähnliche Fälle zuständig war.

Auch der damalige Polizeianwärter, der im Foyer der Polizeistation gemeinsam mit der Angeklagten auf den Betrunkenen aufpasste, fand dessen Verhalten nach eigener Aussage zwar „nervig“, aber „zu keinem Zeitpunkt bedrohlich oder aggressiv“. „Wenn ich gesagt habe, er soll sich hinsetzen, oder leichten Druck auf seine Schulter gegeben habe, hat das immer ausgereicht“, erklärte er. Die Angeklagte habe dem Mann, als dieser zum wiederholten Mal aufstand, zwei Faustschläge in die Magengrube versetzt, später noch einen Kniestoß. Er habe daraufhin ein „schmerzverzerrtes Gesicht“ des Betrunkenen beobachtet. Die Angeklagte sagte hingegen, sie habe Angst gehabt, dass der Mann sie oder den Praktikanten angreift. Deshalb habe sie ihr Knie gegen den Mann gedrückt, damit dieser sich wieder hinsetzt.

Geschädigter: Ich wurde gut behandelt

Ins Rollen gekommen war das Verfahren, nachdem ein weiterer Kollege den Dienstgruppenleiter informiert hatte. Den mutmaßlich Geschädigten konnte das Gericht nicht befragen, da er inzwischen im Ausland lebt. Der Polizei hatte er – befragt zu der ihm vorgeworfenen Beleidigung – gesagt: „An dem Tag war ich so besoffen, dass ich mich an überhaupt nichts mehr erinnern kann. Ich wurde aber von der Polizei gut behandelt.“ Verteidiger Ramazan Schmidt begründete unter anderem damit seine Forderung nach Freispruch: „Wir haben weder am Tattag noch später vom angeblich Geschädigten etwas gehört, was die Angeklagte belasten kann.“

Staatsanwalt Timo Ide argumentierte dagegen, dass mit Faustschlägen und einem Kniestoß in die Magengrube zwangsläufig heftige Schmerzen einhergingen. Dieser Auffassung folgte Richter Brandenfels, der die Angeklagte von zwei weiteren ihr vorgeworfenen Nötigungen des betrunkenen Mannes freisprach. Er hielt eine Gesamt-Freiheitsstrafe von fünf Monaten für angemessen, die er in eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 100 Euro umwandelte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Bei einer rechtskräftigen Verurteilung drohen der Polizistin auch disziplinarrechtliche Konsequenzen.

Von Stefan Dietrich

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