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Marburg Politiker geißeln Drohnen-Forschung in Marburg
Marburg Politiker geißeln Drohnen-Forschung in Marburg
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21:38 31.01.2014
„Es ist unsere gottverdammte Pflicht, die in Krisenregionen entsendeten Soldaten mit der besten Technik auszustatten“, sagt CDU-Mann Roger Pfalz. „Den Drohnenkrieg darf man nicht so verherrlichen“, entgegnet Grünen-Bürgermeister Franz Kahle. Die Enthüllungen über mögliche Rüstungsforschung an der Philipps-Universität beschäftigt die Kommunalpolitik.  Archivfoto
„Es ist unsere gottverdammte Pflicht, die in Krisenregionen entsendeten Soldaten mit der besten Technik auszustatten“, sagt CDU-Mann Roger Pfalz. „Den Drohnenkrieg darf man nicht so verherrlichen“, entgegnet Grünen-Bürgermeister Franz Kahle. Die Enthüllungen über mögliche Rüstungsforschung an der Philipps-Universität beschäftigt die Kommunalpolitik. Quelle: Leslie Pratt
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Marburg

"Solange der Bundestag deutsche Soldaten in Krisenregionen entsendet, haben wir die gottverdammte Pflicht, die Soldaten mit der besten Ausrüstung auszustatten, um deren Leben zu schützen“, sagte Roger Pfalz (CDU) während der gestrigen Sitzung des Stadtparlaments. Wenn es eben die Amerikaner seien, die das ermöglichen, in dem sie für die Forschung etwa an der Marburger Uni zahlen, „müssen wir das nicht tun, da sage ich danke!“ Er würde daher „sogar lieber eine Rüstungsforschungspflicht als ein Verbot einführen“ um den Soldaten das zu ermöglichen, was Verteidigungsministerium und Bundesregierung offenbar nicht schaffen: die beste Militärtechnik auf neuestem Stand zu besorgen, sagte Pfalz schon im Hauptausschuss.

Konter von Bürgermeister Franz Kahle (Grüne): „Den Drohnenkrieg darf man nicht so verherrlichen!“. Selbst offizielle Stellen würden die Zahl der Toten auf Hunderte Zivilisten beziffern. „Man kann sogar nachlesen, wie viele Hochzeitsgesellschaften versehentlich getötet wurden“, sagt er. Das für die Angreifer risikolose Töten dürfe eine gesellschaftlich verantwortungsvolle Universität nicht unterstützen - ebenso wenig solle das die Politik.

Wir müssen Kriege nicht ermöglichen

Aber: „Die Uni braucht Drittmittel, Geld von außerhalb“, sagte Andrea Suntheim-Pichler (Bürger für Marburg). Bei Forschungsaufträgen wie dem umstrittenen Heuschrecken-Projekt müsse aber „mehr Transparenz hergestellt“ werden. Die Geschichte zeige jedoch, dass der zivile Sektor immer wieder von militärischer Forschung profitiert habe. Ähnlich argumentiert Sebastian Schartner (FDP). „Wo will man die Grenze ziehen, was militärischen Zwecken und was zivilen dient? Denn auch Dinge, die nicht für den Krieg gedacht waren, können dafür missbraucht werden“, sagt er. Er verweist auf den Schweden Alfred Nobel und dessen Erfindung des Dynamit. Die Finanzierung der Erfindung und Verbesserung von Defensiv- statt Offensivwaffen solle man nicht pauschal verurteilen.

„Wir müssen vielleicht Kriege hinnehmen, aber wir müssen nicht alles mitmachen, um sie zu ermöglichen“, sagt Steffen Rink (SPD). Es gehe darum, eine Forschungsethik zu entwickeln, die Uni von Seiten der Politik darin zu unterstützen. „Hier hat sich ein Forscher aktiv um einen Auftrag bemüht, dessen militärischer Zweck ganz klar war. Das können wir nicht tolerieren, da wird es moralisch, grundsätzlich“, ergänzt Rink. „Zwischen Missbrauch von Forschung und einer Auftragsarbeit der US-Luftwaffe gibt es einen großen Unterschied. Dass so eine interessengeleitete Drittmittelvergabe geschehen kann, ist Resultat der Unterfinanzierung der Hochschulen“, sagt Jan Schalauske (Linke), der den Kritik-Antrag in Ausschüsse und Parlament einbrachte. „Wir müssen auf jeden Fall aufpassen, was an Aufträgen angenommen wird“, sagt Kahle.

US-Luftwaffe zahlte für Projekt 143 000 Euro

Das Wissenschaftler-Team um den Biologen Professor Uwe Homberg erforschte von 2008 bis 2011 im Auftrag der US-Luftwaffe die nächtliche Orientierung von Wüstenheuschrecken. Das Ziel: Eine bessere Steuerung von Kampfdrohnen. 143 600 Euro kassierte die Uni für das Projekt. Homberg räumt gegenüber der OP ein: „Dass das auch einen militärischen Nutzen haben könnte, dessen muss sich jeder Forscher bewusst sein.“ Er sei jedoch sicher, dass die Ergebnisse seiner Forschungen nicht dazu beitragen können, dass Menschen noch effektiver getötet werden können. Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause distanziert sich von dem Projekt, sie hätte Homberg davon abgeraten, wenn sie gefragt worden wäre.

Nach den Enthüllungen ist an der Uni eine Debatte um die Einführung einer Zivilklausel entbrannt. Dieser Kodex fordert Forscher auf, Forschungsmittel und Forschungsthemen abzulehnen, die Rüstungszwecken dienen können. Eine Kommission des Uni-Senats erarbeitet aktuell Varianten für eine sogenannte intentionsleitende Klausel, eine Absichtserklärung.

Der Linken-Antrag wurde - in einer veränderten Variante - von der Parlaments-mehrheit angenommen.

von Björn Wisker

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