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Marburg Populismus und Pandemie
Marburg Populismus und Pandemie
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07:58 28.04.2021
Der ehemalige US-Präsident Donald Trump steht umgeben von Army-Kadetten vor einem Footballspiel. Trump habe sich als eine Art Held inszeniert, der in der Corona-Krise einfache Lösungen versprochen habe. Damit habe er das Land auch mit seinem „Wir gegen die anderen“-Gefühl in zwei Lager gespalten, sagt die Amerikanistik-Professorin Carmen Birkle.  Foto: Adam Hunger/AP/dpa
Der ehemalige US-Präsident Donald Trump steht umgeben von Army-Kadetten vor einem Footballspiel. Trump habe sich als eine Art Held inszeniert, der in der Corona-Krise einfache Lösungen versprochen habe. Damit habe er das Land auch mit seinem „Wir gegen die anderen“-Gefühl in zwei Lager gespalten, sagt die Amerikanistik-Professorin Carmen Birkle.  Quelle: Adam Hunger/AP/dpa
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Im Mittelpunkt des von dem „Projekt Uni MR 2027“ der Uni Marburg initiierten und von OP-Redakteur Carsten Beckmann moderierten „Online-Round-Table-Gesprächs“ stand allerdings die Frage, inwieweit die Auswirkungen der Pandemie die Bürger näher an populistische Antworten herantreibt.

Dass auch die griechische Philosophie zu diesem Thema Einsichten vermitteln könnte, deutete Uni-Vizepräsident Professor Michael Bölker in seinem Grußwort an. So erinnerte er an die Prometheus-Sage und die damit zusammenhängende Frage nach der fehlenden politischen Weisheit für das Zusammenleben. Ebenso erwähnte er die vom Prometheus-Bruder Epimetheus erschaffene Pandora, aus deren geöffneter Büchse dann „alle Pandemien und Übel entweichen“. Schließlich bleibe nur die Hoffnung zurück. Und laut dem Philosophen Friedrich Nietzsche lasse wiederum die Hoffnung uns die anderen Übel ertragen. Bölker ermunterte die aus fünf Professoren der Universität bestehende Diskussion ausdrücklich, das Denken kreiseln zu lassen.

Nicht-Regierungsparteien gewinnen an Attraktivität

Doch die Runde beschäftigte sich anschließend doch eher weniger mit philosophischen Höhenflügen und Gedankenflügen als vielmehr mit praktischen politischen Lösungsansätzen in der derzeitigen globalen Gesundheitskrise. So betonte die Politikwissenschaftlerin Professorin Ursula Birsl, dass es in der Pandemie zwei grundlegende Möglichkeiten des Reagierens für die Politik gebe: So werde das Regierungshandeln in Deutschland von einem eher technokratisch-rationalen Ansatz beherrscht, so dass es die von den Querdenkern verkörperten populistischen Strömungen schwerer hätten. Im Gegensatz dazu hätten die Regierungen in den Ländern wie Brasilien und Indien oder in den USA in der Trump-Ära eher populistisch-erratische Ansätze vertreten, mit der Corona-Krise umzugehen. Dies fordere zumindest in Indien und Brasilien sehr viele Menschenleben. 

„Wir haben in Deutschland noch keinen Donald Trump“, betonte die Amerikanistik-Professorin Carmen Birkle. Trump habe sich als eine Art Held inszeniert, der in der Corona-Krise einfache Lösungen versprochen habe. Damit habe er das Land auch mit seinem „Wir gegen die anderen“-Gefühl  in zwei Lager gespalten. In Deutschland gebe es zu einer solchen Herangehensweise höchstens Ansätze in den sozialen Medien, und Sprüche von Politikern wie AfD-Chef Alexander Gauland würden die Radikalisierung vorantreiben.

Der Soziologe Professor Martin Schröder machte deutlich, dass ungeachtet einer weit verbreiteten Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit dem Handeln der Regierungsparteien in der Pandemie die Menschen nicht stärker AfD wählen würden. Aber es sei schon so, dass alle Nicht-Regierungsparteien an Attraktivität gewönnen. Die Unzufriedenheit mit der Politik sei auch so erklärbar, dass sie vor allem eine Unzufriedenheit mit der allgemeinen Lage in der Corona-Krise zeige. Denn die Politiker der Regierungsparteien würden als für die Probleme zuständig angesehen.

Auf jeden Fall sei der Grad der allgemeinen Zufriedenheit der Menschen auf einer viele Faktoren auswertenden soziologischen Werteskala derzeit deutlich gesunken; von einem Wert von 7,4 auf einer bis 10 reichenden Skala herunter auf 6,1. Vergleichsweise sei das doppelt so schlecht in Sachen Zufriedenheit wie bei Reaktionen von Menschen nach einer Trennung von dem Partner oder im Fall von Arbeitslosigkeit. „Man kann verstehen, dass die Menschen nach Halt suchen“, machte Schröder deutlich. 

Das einzige Trostpflaster, das der Soziologe anzubieten hatte, sind die allgemeinen Erfahrungswerte aus der soziologischen Forschung, wonach auch nach solch einer alle Lebensbereiche durchdringenden Gesamtkrise die Lebenszufriedenheit der Menschen wieder auf die vorherigen Ausgangswerte zurückkehren werde. „Man erholt sich von allem“, betonte der Soziologe. 

Welche Auswirkungen die Pandemie derzeit auf alle Bürger hat, verdeutlichte auch der Sozialpsychologe Professor Christopher Cohrs. „Wir können uns nicht mehr frei entscheiden, viele Dinge zu tun, die vorher selbstverständlich waren“, betonte Cohrs. Vermehrte Ungewissheit, ein Verlust an Orientierung sowie an Kontrolle über den eigenen Alltag seien damit vor allem verbunden. Die rechtlichen Einschränkungen und Verbote untergraben laut Cohrs auch vermehrt das unabhängige, eigene Denken. In solch einer Situation könne es passieren, dass bestimmte populistische Argumente attraktiver würden, die einen Ausweg aus den Beeinträchtigungen versprächen. In dieser Hinsicht sei der Populismus aber eine Art Wunschdenken.

Die Erziehungswissenschaftlerin Professorin Susanne Maurer sieht in der Corona-Pandemie im aktuellen Aufmerksamkeit erzeugenden „Drama- und Katastrophenmodus“ eine gefährliche Entwicklung. Stattdessen plädierte sie für mehr dezentrale und kreative Lösungsansätze. Für die Reflexion des Zusammenleben werde derzeit dringend die brachliegende Sparte der Kultur benötigt. Auch unter den durch die Kontakteinschränkungen beschränkten Möglichkeiten seien wir immer wieder aufs Neue herausgefordert, Handlungs- und Denkfähigkeit zu entwickeln und am Differenzierungsvermögen zu arbeiten.

Von Manfred Hitzeroth

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