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Marburg Bunkern für den Notfall
Marburg Bunkern für den Notfall
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13:00 07.05.2022
Fachleute raten, sich für Notfälle einige Vorräte anzulegen - unter anderem sollte Wasser dabei sein.
Fachleute raten, sich für Notfälle einige Vorräte anzulegen - unter anderem sollte Wasser dabei sein. Quelle: Jens Büttner/dpa
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Vorräte bunkern für schlechte Zeiten? Das machten bisher nur „Hamsterer“ und „Prepper“, und sie wurden dafür kritisiert und angefeindet. Doch jetzt rät selbst Bundesinnenministerin Nancy Faeser zur Vorsorge für den Krisenfall – freilich ohne dabei offen über die Gefahr eines Krieges zu sprechen: „Denken Sie zum Beispiel an Cyberattacken auf kritische Infrastruktur“, sagte die SPD-Politikerin dem „Handelsblatt“. „Wenn tatsächlich mal länger der Strom ausfällt oder das tägliche Leben auf andere Art und Weise eingeschränkt wird, dann ist es auf jeden Fall sinnvoll, einen Notvorrat zu Hause zu haben.“

Die Ministerin betonte zugleich die Bedeutung des Zivilschutzes, dem sie „hohe Priorität“ einräume. „Wir müssen hier auf die Höhe der Zeit kommen, um die vielfältigen Krisen – Pandemien, Klimafolgen, Kriegsgefahren – zu bewältigen.“ Auf die Höhe der Zeit kommen, das heißt übersetzt so viel wie: Man ist momentan nicht auf der Höhe der Zeit.

In den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten wurden zum Beispiel immer mehr Schutzräume für Krisensituationen abgerissen, zurückgebaut oder verkauft – es war eben eine Zeit des relativen Friedens, zumindest in Europa, und wirkliche Bedrohungsszenarien schien es nicht zu geben. Jetzt aber müsse geprüft werden, welche Schutzvorkehrungen notwendig seien, sagt die Bundesinnenministerin.

Essen und Trinken für zehn Tage

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gibt für das Anlegen von Notvorräten folgende Tipps: Versuchen Sie, diesen Zeitraum mit Ihrem Vorrat abzudecken. Das sollte in der Regel ausreichen, um auch in schwierigeren Lagen die Zeit zu überbrücken, bis staatliche Hilfe eintrifft oder die Notsituation ausgestanden ist. Natürlich können Sie auch für einen längeren oder kürzeren Zeitraum bevorraten, das ist Ihre Entscheidung. Grundsätzlich gilt: Auch nur ein bisschen Vorrat, zum Beispiel für drei Tage, ist besser als kein Vorrat.

2 Liter Flüssigkeit pro Person und Tag. Ein Mensch kann unter Umständen drei Wochen ohne Nahrung auskommen, aber nur vier Tage ohne Flüssigkeit. Ein Getränkevorrat ist daher wichtig, auch wenn es selten ist, dass das Leitungswasser ausfällt. Für einen 10-Tages-Vorrat sollten Sie 20 Liter pro Person kalkulieren. Darin ist auch bereits ein Flüssigkeitsanteil zum Kochen vorgesehen (0,5 Liter pro Tag). Ein gewisser Anteil des Vorrats sollte daher auch aus (Mineral-)Wasser bestehen. Aber auch Fruchtsäfte oder länger lagerfähige Getränke können dazugerechnet werden.

2 200 kcal pro Person und Tag. Damit ist im Regelfall der Gesamtenergiebedarf eines Erwachsenen abgedeckt. Klingt abstrakt? In unserer Checkliste finden Sie Lebensmittelgruppen mit Mengenangaben, die Ihnen helfen sollen, Ihren Lebensmittelvorrat ausgewogen zu gestalten. Größere Mengen eines einzelnen Produktes als Vorrat anzulegen, ist nicht empfehlenswert. Konkrete Beispieltabellen, auch für einen vegetarischen Vorrat, finden Sie auf dem Ernährungsvorsorge-Portal der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Dort finden Sie auch einen Vorratskalkulator, mit dem Sie den Bedarf für sich und Ihre Familie bequem berechnen können.

Weitere Notfalltipps gibt es beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: www.bbk.bund.de

und bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung: www.ble.de

Die entsprechenden Zahlen aus dem zuständigen Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sind ernüchternd: Noch ganze 599 Schutzräume sind dort bundesweit registriert. Zudem gebe es welche, die heute anders genutzt würden oder in einem so schlechten Zustand sind, dass sie die Bezeichnung Schutzraum schlicht nicht verdienen. „Es ist sinnvoll, wenn wir einige davon reaktivieren“, sagte Faeser. Das dürfte leichter gesagt als getan sein, glaubt der Krisen- und Katastrophenforscher Henning Goersch. Im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte er: „Meistens ist auch den staatlichen Einrichtungen nicht bekannt, in welchem Zustand sie sich befinden. Als wirkliche Bunker sind nur die wenigsten noch nutzbar.“ Abgekürzt könne man sagen: Es gibt keine Bunker in Deutschland. Goersch weiter: „Daher gilt: Wird Luftalarm ausgelöst, sollte man Schutz suchen, zum Beispiel in Kellern mit am besten mehreren Ausgängen, und die Städte schnellstmöglich verlassen.“

Der Professor für Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management nennt im RND-Gespräch auch Tipps für das Anlegen von Notvorräten: „Meiner Ansicht nach sollten vor allem lang haltbare Hochkalorienlebensmittel eingelagert werden. Das sind zum Beispiel Zucker, Honig, Schokolade sowie Nudeln, Reis und getrocknete Hülsenfrüchte.“

Vorteil aus Sicht des Katastrophenforschers: „Diese Lebensmittel können bei dunkler, trockener und nicht zu warmer Lagerung quasi nicht verderben.“ Man sollte allerdings gelegentlich nachsehen, ob sich Schädlinge eingenistet haben. „Aber wenn man diese Lebensmittel in einer großen Kunststoffkiste luftdicht verpackt, ist eine Lagerung auch weit über das Mindesthaltbarkeitsdatum für fünf Jahre oder länger möglich.“ Ganz wichtiger Tipp für den Krisenfall: „Für die Zubereitung bedarf es bei einigen dieser Lebensmittel allerdings noch eines Campingkochers und Gaskartuschen beziehungsweise Spiritus.“

Hausapotheke: Das sollte auch in Nicht-Krisenzeiten jeder vorrätig haben

Die aktuelle Diskussion über Sinn und Unsinn des Anlegens von Notvorräten veranlasst viele Menschen in diesen Tagen dazu, einen aufmerksamen Blick in Keller, Speisekammer, Kühlschrank und Gefriertruhe zu werfen. Die bange Frage: Wie gut bin ich darauf vorbereitet, wenn ich – aus welchem Grund auch immer – für mehrere Tage meine eigenen vier Wände nicht verlassen kann? Diese Frage beschränkt sich nicht allein auf Lebensmittel – das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe appelliert auch an Bürgerinnen und Bürger, zum Beispiel eine komplett ausgestattete Hausapotheke vorzuhalten.
Was „komplett“ letzten Endes bedeutet, hängt natürlich davon ab, welche Medikamente individuell benötigt werden. Doch es gibt auch eine „Standardausrüstung“, die in keinem Haushalt fehlen sollte. Dazu zählen neben den persönlichen, vom Arzt verschriebenen Medikamenten folgende Dinge:

  • Schmerz- und fiebersenkende Mittel
  • Mittel gegen Erkältungskrankheiten
  • Mittel gegen Durchfall, Übelkeit, Erbrechen
  • Mittel gegen Insektenstiche und Sonnenbrand
  • Elektrolyte zum Ausgleich bei Durchfallerkrankungen
  • Fieberthermometer
  • Splitterpinzette
  • Hautdesinfektionsmittel
  • Wunddesinfektionsmittel
  • Einweghandschuhe
  • Atemschutzmaske
  • Verbandsmaterial
  • Dazu alles, was ein DIN-13164-Verbandskasten (Autoverbandskasten) enthält:
    • Mull-Kompresse, Verbandschere, Pflaster und Binden, Dreiecktuch

Weiter empfiehlt die Katastrophenhilfe, einen Notfallrucksack vorzubereiten. Darin sollten persönliche Medikamente und Erste-Hilfe-Material ebenso wenig fehlen wie ein batterie- oder kurbelbetriebenes Radio und eine Mappe mit wichtigen Dokumenten. Verpflegung für zwei Tage in staubdichter Verpackung wird empfohlen, eine Wasserflasche, Essgeschirr und -besteck sowie Taschenlampe, Schlafsack oder Decke. Kleidung für ein paar Tage sowie eine Kopfbedeckung und Handschuhe, Hygieneartikel sowie Schutzmaske gehören ebenfalls hinein. Ein lange Liste, die sich in einem Ausflugs-Daypack kaum unterbringen lassen dürfte.

Von Carsten Beckmann und Talisa Moser

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