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Marburg Auf der Spur des Synagogenbrandes
Marburg Auf der Spur des Synagogenbrandes
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08:00 09.11.2021
Diese Grafik stammt aus der „Grafic Novel“ zum Marburger Synagogenbrand-Prozess.
Diese Grafik stammt aus der „Grafic Novel“ zum Marburger Synagogenbrand-Prozess. Quelle: Screenshot: Thorsten Richter
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Marburg

Es war die Nacht vom 9. November 1938 auf den 10. November 1938, als die Marburger Synagoge in Brand gesetzt wurde und bis auf die Grundmauern abbrannte. Wie in ganz Deutschland ist es die Reichspogromnacht, in der sich der von den Nationalsozialisten generalstabsmäßig angefachte „spontane Volkszorn“ gegen die Juden entfesselt, auch in Marburg. Im gesamten Deutschen Reich brennen Synagogen, es werden Geschäfte geplündert. Tausende Juden werden angegriffen, verhaftet und ermordet.

Die juristische Aufarbeitung des Marburger Synagogenbrands geschah erst nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“. Mehrere Strafkammern des Marburger Landgerichts beschäftigten sich zwischen 1947 und 1952 mit der Frage nach den Brandstiftern. Ausführliche Daten und Fakten zu der Tat aus den Ermittlungsunterlagen und Prozessprotokollen finden sich in einer 1982 veröffentlichten Marburger Stadtschrift.

„Wir fanden die Vielstimmigkeit interessant“

Einen ganz anderen Weg der Aufarbeitung wählte der Historiker Dr. Clemens Tangerding (Universität Gießen) jetzt bei einem gemeinsamen Projekt zur Geschichte der Marburger Feuerwehr in der NS-Zeit gemeinsam mit einem Kernteam von fünf Angehörigen der Marburger Feuerwehr.

Nach der gemeinsamen Auswertung der Gerichtsakten ist eine „Grafic Novel“ – ein animiertes Video, in dem die Szenen aus den Gerichtsverhandlungen nachgestellt werden. „Bisher gab es eher den analytischen Blick in der Forschung. Wir fanden vor allem die Vielstimmigkeit interessant“, erläutert Tangerding die moderne Darstellungsform.

Die aneinandergereihten Statements aus den Kernaussagen von drei Zeugen und drei Angeklagten (siehe Bildergalerie) erzählen so die Geschichte hinter dem Synagogenbrand sehr lebendig und anschaulich. Die in grellen Farben gezeichnete Umgebung des Gerichtssaals trägt dazu bei, dass die Zuschauer in das Geschehen hineingezogen werden. Der Bauhilfsarbeiter Friedrich Groos, der im Endeffekt als einziger Angeklagter der Verurteilten wegen „aktiven Inbrandsetzens“ rechtskräftig verurteilt wurde, gab in seiner Aussage zu, dass er sich am Eindringen in die Synagoge beteiligt habe. „Der SA-Mann Paul Piscator und ich nahmen eine Leiter mit und stiegen über den Zaun der Synagoge. Ich schlug ein Fenster der Synagoge ein“. Ausdrücklich bestritt Groos jedoch, an der unmittelbaren Brandstiftung beteiligt gewesen zu sein. „Als ich in der Synagoge war, habe ich gesehen, dass es im Innenraum bereits qualmte und brannte“, gab er an. Doch wie rechtfertigte Paul Piscator, zugleich Feuerwehrmann und nach eigener Angabe Scharführer im SA-Sturm III der SA-Standarte Jäger 11 seine Mitwirkung in der Nacht? Er verwies wie Groos auf einen Befehl.

Es geht um die Geschichte eines Feuerwehrmanns

„Wir kletterten über den Zaun und stiegen durch ein Fenster der Synagoge“, berichtet Piscator. „In diesem Moment wurde mir klar, dass die Synagoge in Brand gesteckt wurde. Ich verabscheute dieses und verließ die Synagoge auf dem gleichen Wege, wie ich gekommen war.“ Am Haupteingang habe er dann den weiteren Angeklagten Hans Steih getroffen. Diesem habe Piscator erklärt, dass er selber Feuerwehrmann sei und „nichts damit zu tun haben wolle“. Es könne noch einige Stunden gedauert haben, ehe Feueralarm gegeben worden sein. „Ich bin dann mit der Feuerwehr wieder zur Bekämpfung des Brandes ausgerückt“, berichtet er.

Heinrich Werneck war damals Zugführer der Freiwilligen Feuerwehr. Als er mit seinem Zug an der Brandstelle eingetroffen sei, sei die Kuppel der Synagoge bereits heruntergebrannt gewesen. „Es war damals ein offenes Geheimnis, dass die Synagoge von der SA in Brand gesetzt wurde“, sagte der Feuerwehrmann.

Nur wegen Aufforderung zur Brandstiftung wurde letztlich der als Rädelsführer angeklagte SA-Mann Hans Steih verurteilt. Im Prozess versuchte er, sich selbst von der Verantwortung freizusprechen. „Es ist unwahr, dass ich mich bei Zusammenkünften mit SA-Kameraden gerühmt hätte, die Streichhölzer noch bei mir zu führen, mit denen ich die Synagoge angezündet hätte“, gab er an.

  • Die unter der Leitung von Tangerding erarbeitete Ausstellung „Als die Feuerwehrautos tannengrün wurden: Die Feuerwehr Marburg in der NS-Zeit“ wird am heutigen Dienstag (9. November) im unteren Saal des Marburger Rathauses eröffnet. Neben der „Grafic Novel“ steht unter anderem die Geschichte des jüdischen Feuerwehrmanns Elias Goldschmidt im Mittelpunkt, der 1938 nach Palästina auswanderte.

Von Manfred Hitzeroth

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