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Marburg Plakette für die „Nette Toilette“
Marburg Plakette für die „Nette Toilette“
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09:00 08.10.2021
Hans-Werner Biehn (Prostata-Selbsthilfegruppe) freut sich über die „Nette Toilette“ in der Gaststätte „Frau Friedrich“.
Hans-Werner Biehn (Prostata-Selbsthilfegruppe) freut sich über die „Nette Toilette“ in der Gaststätte „Frau Friedrich“. Quelle: Foto: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Doch unterwegs stellt das mangels eines „stillen Örtchens“ mitunter eine ziemlich große Schwierigkeit dar. Das Projekt „Nette Toilette“ soll dem Abhilfe schaffen und ein flächendeckendes Netz öffentlich zugänglicher Toiletten in der Stadt Marburg aufbauen. Dafür sollen Toiletten in teilnehmenden Gastronomiebetrieben und öffentlichen Gebäuden kostenlos zur Verfügung gestellt werden „Das ist ein Stück Freiheit“, sagt Hans-Werner Biehn (Prostata-Selbsthilfegruppe), als er die Toilette in der Gaststätte „Frau Friedrich“ inspiziert, die sich als einer von drei Gastronomiebetrieben dem städtischen Projekt „Nette Toilette“ angeschlossen hat.

In dem gestern offiziell gestarteten Pilotprojekt soll in Marburg ein möglichst flächendeckendes öffentlich zugängliches Netz an Toiletten auch in Gaststätten geschaffen werden. Der Anstoß dazu kam von der Selbsthilfegruppe im Jahr 2018. Nach der Zustimmung im Stadtparlament kam noch eine coronabedingte Pause dazwischen, doch jetzt soll es auch in Marburg losgehen mit der Idee, die schon in 270 weiteren Städten und Gemeinden in Marburg umgesetzt wird.

Susanne Hofmann vom Fachdienst Gesunde Stadt erläutert: „Einige Mitmenschen sind durch gesundheitliche Beeinträchtigungen unbedingt auf ein dichtes Netz an Toiletten angewiesen. Aber auch Touristen oder Konsumenten sowie alle Bewohner Marburgs profitieren von einem flächendeckenden Netz öffentlich zugänglicher Toiletten.“

Ein Drittel der Bevölkerung leidet an Inkontinenz

Und so funktioniert das Ganze: Der Fachdienst „Gesunde Stadt“ spricht in Kooperation mit dem „Referat für Stadt-, Regional- und Wirtschaftsentwicklung“ Gastronomiebetreiber der Stadt an, ob sie ihre Toiletten öffentlich zur Verfügung stellen. Alle Menschen können diese zum Lokal gehörenden Toiletten dann kostenlos nutzen, ohne etwas in dem Lokal zu konsumieren. Zusätzlich sollen auch Hygienebehälter aufgestellt werden, die oftmals auf den Toiletten für Männern fehlen.

„Viele Männer meiner Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe haben Kontinenz-Probleme“, erläutert Hans-Werner Biehn. So manch einer habe sich aus Furcht vor einem Missgeschick nur noch selten in die Öffentlichkeit getraut. Biehn ist selber an Prostatakrebs erkrankt und kann aus leidvoller Erfahrung davon berichten, wie wichtig eine schnell erreichbare Toilette für ihn ist, wenn er sich in der Öffentlichkeit bewegt. Denn es sei für Erwachsene schon sehr peinlich, wenn ein auch sichtbares Missgeschick passiere, weil eine Toilette nicht schnell genug erreicht werden konnte.

„Wir sind nicht die Einzigen“, machte Biehn deutlich. Rund ein Drittel der Bevölkerung leide an Inkontinenz-Problemen, sagte der Vertreter der Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe. Auch Frauen, die bereits zweimal schwanger gewesen seien, gehörten beispielsweise zu den Risikogruppen.

Biehn hofft, „dass wir mit unseren Familien viel besser und ohne Ängste gemeinsam am öffentlichen Leben in Marburg teilnehmen“.

Auch Anna Kaczmarek-Kolb von der städtischen Wirtschaftsförderung begrüßt das Projekt, das ebenso den Gastronomiebetreibenden Vorteile bringe: „Die Gastronomie kann neue Kundschaft gewinnen und erhält eine kleine finanzielle Unterstützung für den Unterhalt der Toiletten durch die Stadt.“ Konkret gibt es für jede Gaststätte zunächst einmal für zwölf Monate jeweils 60 Euro. Das Gesamtprojekt hat zunächst im städtischen Haushalt ein Budget von 20 000 Euro pro Jahr. Wenn sich die Idee als erfolgreich erweise, solle die Umsetzung aber nicht an mangelnden Finanzmitteln scheitern, erläuterte OB Spies.

Als erste drei Gastronomiebetriebe nehmen das „Café Großartig“ in der Oberstadt, „Memos Döner & Pizzahaus“ am Richtsberg und das Café „Frau Friedrich“ im Südviertel am Projekt teil. Alle teilnehmenden Gastronomiebetriebe sind zukünftig anhand eines Aufklebers im Eingangsbereich erkennbar. Johanna Krüger von „Frau Friedrich“ machte deutlich, dass in ihrer Gaststätte sogar schon bisher das Konzept verfolgt worden sei, auch Passanten oder Besucher des nahe gelegenen Friedrichsplatzes kostenlos auf die Toilette zu lassen. Bisher habe sie damit keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Perspektivisch sollen in Marburg weitere Gastronomiebetriebe an dem Projekt „Nette Toilette“ teilnehmen – Interessenten können sich gerne bei der Stadt Marburg an nette-toilette@ marburg-stadt.de. melden. Zudem werden auch öffentliche Gebäude an dem Gesamtprojekt beteiligt.

Von Manfred Hitzeroth