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Marburg Neues Rollenverständnis gefordert
Marburg Neues Rollenverständnis gefordert
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00:17 15.05.2019
Sonntag ist wieder Muttertag: Die Psychologin Dr. Helga Krüger-Kirn bezweifelt, dass der Tag noch zeitgemäß ist.  Quelle: Mascha Brichta
Marburg

Die perfekte Mutter nimmt nach der Geburt ihres Kindes in bescheidenem Maße ihren Beruf wieder auf. Gleichzeitig wuppt sie mit sexy Hüftschwung den Haushalt und die Kinderbetreuung. In dieser ironisch zugespitzten Darstellung durch die Marburger Psychologin Dr. Helga Krüger-Kirn werden die immensen Herausforderungen für die Mütter in der modernen Gesellschaft deutlich.

Weiterhin gelte, dass die Mutter sich weitgehend unhinterfragt zumindest in den ersten Monaten nach der Geburt um ihr Kind kümmern müsse. Danach dürfe sie dann selbst entscheiden, ob sie wieder in die Lohnarbeit einsteigen wolle. Klar sei aber, dass der Beruf dann gesellschaftlich als Zusatz zu der Rolle als Mutter angesehen werde, betont die Forscherin.

Die zeitgenössische Rhetorik der „Alles ist machbar“-Haltung gebe vor, dass es für eine Frau ganz einfach sei, ein Kind zu bekommen und großzuziehen, dabei im Beruf erfolgreich zu sein und schön und begehrenswert zu erscheinen. Gleichzeitig sei aber die reine Muttertätigkeit in der gesellschaftlichen Skala nicht besonders hoch angesehen.

Zwar habe sich schon in den 60er-Jahren sowohl das Frauenbild als auch das Selbstbild der Frauen verändert, diagnostiziert Dr. Krüger-Kirn. Die vorher traditionelle kategorische Festlegung des weiblichen Selbstwertes auf die Mutterrolle sei damals vom Credo der Vereinbarkeit von Beruf und Familie abgelöst worden.

Spätestens seit den 90er-Jahren gebe es eine weitere Transformation des Mutterideals: Beide Vorstellungen von Mutterschaft würden in das Konzept der „Allround-Mum“ integriert. Zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen Leila Tichy und Anna Elsässer untersucht Dr. Krüger-Kirn in einer Teilstudie im Forschungsprojekt „Reverse“ anhand von Texten in Elternzeitschriften sowie mit Hilfe von Interviews mit Müttern die drei Themenschwerpunkte Mutterbilder, Elternschaft und Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Mutter-Kind-Beziehung.

Mutter als opferbereite
 Bindungsperson?

Mutterschaft habe nicht nur eine körperliche und psychische Komponente, sondern auch eine gesellschaftliche Dimension.

Unter dem Begriff Mütterlichkeit gehe es konkret um die Aufgaben bei der Versorgung der Kinder. Aus Sicht von Dr. Krüger-Kirn spielen „ideologische Zerrbilder“ des Begriffs Mutterschaft bis heute eine zentrale Rolle und werden eingewoben in bewusste und unbewusste Geschlechts-Rollenvorgaben von Generation zu Generation weitergegeben.

Um zu verdeutlichen, dass diese Ideologie des intensiven Bemutterns an spezielle, wesensbestimmende mütterliche Eigenschaften der Frau gekoppelt ist, ist es hilfreich, Mutterschaft und Mütterlichkeit begrifflich zu trennen.

Erst dann kann die funktionale Gleichsetzung von Mutterschaft und Mutterliebe in den Vordergrund rücken und deutlich machen, dass Mütterlichkeit kein Geschlecht brauche, postuliert die Marburger Forscherin im Gespräch mit der OP. Denn es sei aufgrund von neueren soziologischen und psychologischen Forschungserkenntnissen erwiesen, dass fürsorgliche Fähigkeiten und Tätigkeiten nicht an das Geschlecht gebunden sind.

Zudem wähle sich ein Kind im Familienkontext meistens unabhängig von der Funktion der Mutter seine eigene Haupt-Bezugsperson selbstständig aus. Dies müsse nicht zwangsläufig die Mutter sein, sondern es könne sich dabei auch um den Vater oder die Großeltern handeln.Die Mutter als liebende und opferbereite Bindungsperson, die ihre Individualität für die Bedürfnisse hintanstellt? Aus feministischer Betrachtungsweise bedürfe dieses traditionelle Rollenverständnis einer gewissen Korrektur, meint Krüger-Kirn.

Fragezeichen hinter
 Muttertag mit Zuckerguss

Grundsätzlich regt sie an, dass Mütter und Väter zu einem partnerschaftlichen Umgang bei der Kinderbetreuung kommen, der auch eine Arbeitsteilung bei den Aufgaben beinhalte.

Und was bleibt bei all den Diskussionen um Mutterschaft und Mütterlichkeit noch übrig als eine Bedeutung des Muttertags, der in diesem Jahr an diesem Sonntag, 12. Mai, begangen wird? Hinter die Sinnhaftigkeit des Muttertags als reiner kommerzieller Veranstaltung, die mit einer Art emotionalem Zuckerguss überzogen sei, setzt die Wissenschaftlerin jedenfalls ein dickes Fragezeichen. Ohne größer darüber nachzudenken den Müttern einfach etwas zu schenken, das sei nicht mehr zielführend oder zeitgemäß.

Stattdessen plädiert Krüger-Kirn aber nicht gleich für eine komplette Abschaffung des Muttertags als Institution, sondern eher für eine Anpassung des thematischen Programms hin zu mehr Gedanken über das Rollenverständnis von Eltern sowie über neue Zuschreibungen für Mutterschaft und Vaterschaft.

Folgerichtig plädiert die Psychologin in diesem Zusammenhang zumindest für eine Ergänzung des Muttertags, etwa um einen „Equal Parent’s Day“, um so auch die veränderten Familienverhältnisse sowie den gestiegenen Rang der Väter bei der Kindererziehung zu dokumentieren und politisch anzuerkennen.

 von Manfred Hitzeroth