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Marburg Geburtstagsfeier im „eigenen“ Hörsaal
Marburg Geburtstagsfeier im „eigenen“ Hörsaal
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15:59 28.02.2020
Professor Siegfried Großmann feiert am Freitag, 28. Februar, seinen 90. Geburtstag. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Es wird an diesem Freitag eine besondere Geburtstagsfeier geben: In den alten Hörsaal im Fachbereich Physik, in dem Professor Siegfried Großmann jahrzehntelang gelehrt hat, kommen zahlreiche Schüler und Weggefährten aus seiner akademischen Laufbahn.

Mehr als 50 ehemalige ­Doktoranden und Mitarbeiter haben sich zu einer Tagung zu Ehren ihres ehemaligen Professors in Marburg angesagt. „Ich freue mich auf ein Wiedersehen“, sagt Professor Siegfried Großmann.

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Der theoretische Physiker ist mittlerweile ein klassisches Marburger Urgestein, obwohl der gebürtige Ostpreuße andererseits auch ein waschechter Berliner ist. Er ist in Berlin aufgewachsen und zur Schule gegangen und hat dort drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch ein Lehrerstudium begonnen, woran sich noch ein Mathematik- und Physikstudium an der Freien Universität Berlin anschloss.

Seit 56 Jahren lebt er in Marburg

Schließlich bot ihm Professor Günther Ludwig eine Assistentenstelle an der Universität an, und danach ging alles sehr schnell: Nach ­einer kurzen Zwischen­station in München wurde Großmann im Jahr 1964 als außerordentlicher Professor an der Marburger Universität berufen. 1968 trat Großmann in Marburg eine ordentliche Professur für theoretische Physik an.

Mittlerweile lebt er also seit 56 Jahren in Marburg. Denn trotz zahlreicher Rufe an andere Lehrstühle an bedeutenden Hochschulstandorten wie Heidel­berg, Göttingen, Ulm oder Dresden blieb Großmann bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1998 mit 68 Jahren an der „Alma ­mater Philippina“. Der Grund: der Familienrat legte ­immer sein Veto ein, wenn es um den Wegzug des vielbegehrten Wissenschaftlers in eine ­andere Stadt ging. „Meinen drei Kindern hat es hier gut gefallen“, erläutert Großmann im Gespräch mit der OP.

Laudator: Er dringt zum Kern der Dinge vor

Und auch nach seiner Versetzung in den Ruhestand blieb der Emeritus aktiv. Bis vor wenigen Jahren publizierte der mittlerweile 90-Jährige regelmäßig Arbeiten auf seinen Fachgebieten und war Teilnehmer an Seminaren. „Er war ein überragender Lehrer und Didaktiker. Er hat extrem viel geleistet für den Fachbereich Physik in Marburg und die Physik in Deutschland generell“: Dies sagt der amtierende Physik-Dekan Professor Martin Koch, der selbst 1986 und 1987 Vorlesungen bei Großmann hörte. „Wir haben als Studenten mit leuchtenden Augen in den Bänken gesessen und seinen unglaublich klaren Ausführungen gelauscht“, resümiert Koch.

„Wer mit Siegfried Großmann eine physikalische Frage diskutiert – am liebsten mit einem Stück Kreide in der Hand an der Tafel stehend –, wird beeindruckt sein von der Sicherheit, mit der es ihm immer wieder gelingt, Unwesentliches gleichsam abzuschälen und zum eigentlichen Kern der Dinge vorzustoßen, und wird die ­Freude spüren, die es ihm bereitet, ­einen Zusammenhang wirklich zu durchdringen“: So beschrieben Martin Holthaus, Bruno Eckhardt und Detlef Lohse in einem Artikel zum 80 Geburtstag die besondere Qualität des Hochschullehrers Großmann.

Großmann Verfechter des „Tafel-Dialogs“

Großmann war einer der Mitbegründer der Chaostheorie. Und auch in der weiteren Forschung hat Großmann seine Spuren hinterlassen: So entwickelte er zusammen mit seinem Kollegen Professor Detlef Lohse die zu Beginn des Jahrtausends veröffentlichte Großmann-Lohse-Theorie in der Strömungsphysik. Dabei ging es um die quantitative Beschreibung von Transport-Phänomenen bei Strömungen, beispielsweise wenn in einem Kochtopf heißes Wasser nach oben steigt und dort kälter wird. Das Besondere an der Theorie: Die Strömung wurde in Randbereiche und Inneres unterteilt.

Auch wenn Großmann sich heutzutage über viele Fachfortschritte im Internet informiert, so ist er doch immer noch ein vehementer Verfechter des „Tafel-Dialogs“ mit den Kollegen. So darf auch in seinem immer noch im Physik-Gebäude befindlichen Büro eine große Wandtafel nicht fehlen, auf der zahlreiche Formeln und Diagramme zu sehen sind.

Große Verdienste für die Lehrerausbildung

Ein wenig traurig ist Großmann darüber, dass in dem früher von ihm und seinen Kollegen genutzten Seminarraum alle Tafeln abgebaut wurden. Doch er weiß wohl, dass die neue Zeit auch an seinem Fach, der theoretischen Physik, nicht vorbeigegangen ist.

Zahlreiche Ehrungen ­finden sich in seinem ­Lebenslauf. Als langjähriger Herausgeber der „Physikalischen Blätter“ und des „Physik Journals“ sowie als Kurator des Internetportals „Welt der Physik“.wurde er 2011 beispielsweise mit einer Ehrennadel 
geehrt. „Mit seinen Beiträgen hat er sich große Verdienste für die Lehrerausbildung im Fach Physik und für die Vermittlung physikalischer Zusammenhänge ­erworben“, hieß es in der 
Urkunde.

Von 1990 bis 1992 war Großmann Vorsitzender der Kommission Grundlagenforschung des Bundesministeriums für Forschung und Technologie. Als Ombudsmann für die Deutsche Forschungsgemeinschaft beschäftigte er sich besonders mit wissenschaftlichem Fehlverhalten, und auch an der Uni Marburg war er Vorsitzender der ­Ethik-Kommission.

von Manfred Hitzeroth