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Marburg Protest gegen „Raubbau an unseren Werten“
Marburg Protest gegen „Raubbau an unseren Werten“
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12:04 26.03.2021
Beschäftigte der Firmen am Pharma-Standort Marburg protestierten gestern gegen Stellenabbau und für Tarifverträge.
Beschäftigte der Firmen am Pharma-Standort Marburg protestierten gestern gegen Stellenabbau und für Tarifverträge. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Es war die erste Protestaktion am Marburger Pharmastandort seit rund 100 Jahren, hieß es gestern während der Demonstration mit anschließender Mahnwache, zu der die Gewerkschaft IG BCE aufgerufen hatte. Und mehr als 100 Mitarbeitende der Pharmafirmen waren dem Aufruf gefolgt: Sie zogen vom Standort Marbach durch die Ketzerbach bis in die gesperrte Deutschhausstraße – vorneweg ein Sarg mit Kränzen, der symbolisieren sollte, dass die Tarife zu Grabe getragen würden.

Der geplante Stellenabbau bei CSL Behring oder befürchtete Tarifflucht hätten große Auswirkungen – entsprechend rief Gewerkschaftssekretär Julian Fluder: „Liebes Marburg, ich hoffe, Ihr hört uns zu: Heute stehen wir 24 Stunden nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für Euch da. Denn ohne die guten Tarifarbeitsplätze da oben würde Marburg heute nicht so dastehen, wie es dasteht.“

Franklim de Oliveira, stellvertretender Vertrauensleutesprecher von CSL, brachte den Protest auf eine einfache Forderung: „Sichere Medikamente – sichere Arbeitsplätze.“ Die Beschäftigten hätten auch in der Pandemie „geliefert“ und es geschafft, „den Unternehmen den globalen Erfolg zu bringen“. Doch blieben Unsicherheit, Frust und Angst, das, was am Standort geschehe, sei „ein Angriff auf die soziale Gerechtigkeit“. Kollegen mit ihren Familien müssten nun Angst haben, und: „Mit Zeitarbeitsverträgen werden junge Menschen wie Ersatzteile ein- und ausgebaut“ – das sei eine „menschliche Katastrophe und ein Raubbau an unseren Werten“. Daher forderte er: „Kein Stellenabbau bei Rekordgewinnen."

Weinschenk: Beschäftigten leisten gute Arbeit

Anne Weinschenk, Bezirksvorsitzende der IG BCE Gießen, verdeutlichte, dass es insgesamt im Industriepark einen Wandel gegeben habe, „den wir mit großer, großer Sorge betrachten: Es wird Personal abgebaut, Betriebsteile ausgelagert – und es kaufen sich Unternehmen ein, die mit Tarifbindung noch nichts zu tun haben.“ Dagegen wolle man ein Zeichen setzen und die Stadtbevölkerung aufrütteln. Die Unternehmen „fahren satte Gewinne ein“ – und zwar, weil die Beschäftigten gute Arbeit leisteten „und das Geld für die Unternehmen verdienen“.

Die Gewerkschaft kämpfe mit den Beschäftigten „für die Tarifbindung, für Arbeitsplätze und gegen betriebsbedingte Kündigungen“, so Weinschenk. Dazu gehöre beispielsweise auch, dass der Kantinenbetreiber „endlich die Mitarbeiter fair und ordentlich nach Tarif bezahlt“.

Dr. Spies: Mangel an Respekt

Für Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) ist es „ein Mangel an Respekt vor dem Wert der Arbeit, wenn man an einem Tag Milliardengewinne verkündet und am nächsten Tag den Abbau von Arbeitsplätzen für mehr Wirtschaftlichkeit androht“. Tarifbindung sei unverzichtbar, „wir müssen da hinkommen, dass man sich vor Tarifverträgen nicht mehr drücken kann“, so Spies.

Spies’ Herausforderin um das OB-Amt, Nadine Bernshausen (Grüne), stellte klar, am Pharmastandort drohe „sich ein ungutes Virus auszubreiten“, das habe Auswirkungen „nicht nur auf die einzelnen Betroffen, sondern auf die ganze Gesellschaft. „Dieses Virus heißt Arbeitsplatzabbau trotz guter Auftrags- und Gewinnsituation, es heißt Undankbarkeit gegenüber der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort, auf deren Schultern und mit deren Können und Wissen der Erfolg der Unternehmen gesichert wird.“

Metz: Ist das die von Karl Marx beschriebene Gier?

Für Jan Schalauske (Linke) steht fest: „Es ist völlig inakzeptabel, dass die Betriebe am Standort seit Jahren fette Gewinne machen und dann mit Tarifflucht, mit Ausgliederung und mit Kündigungen und Outsourcing drohen“, das sei „nur die Spitze des Eisbergs“.

Pit Metz, DGB-Kreisvorsitzender, fragte: „Wie kann es sein, dass man Gewinne macht, nicht investiert, sondern in der Gewinnsituation Arbeitsplätze abbaut? Ist das die von Karl Marx beschriebene Gier? Ich glaube: Ja.“

Mark Müller von den Vertrauensleuten am UKGM betonte: „Wir kennen eure Ängste gut: Wir kennen die Angst vor Stellenabbau, wir kennen die Angst vor Tarifflucht – und dagegen kämpfen wir gemeinsam, das vereint uns.“

Dialog mit dem Betreibsrat

Und was sagt CSL Behring als Auslöser der Proteste? „Wir verstehen, dass die Veränderungen, die CSL weltweit und hier in Marburg vornimmt, bei unseren Mitarbeitenden Ängste und Unsicherheiten auslösen“, erläutert Geschäftsführer und Standortleiter Michael Schröder. Man befinde sich derzeit im Dialog mit dem Betriebsrat. „Diese Verhandlungen haben für uns höchste Priorität und werden mit großer Ernsthaftigkeit geführt, um Schritt für Schritt über die nächsten Monate hinweg mehr Klarheit zu erzielen“, so Schröder.

Als Unternehmen respektiere man „selbstverständlich diese Aktion als demokratisch legitimes Mittel. Für uns ist die Tarifpartnerschaft ein wesentliches Fundament unserer Arbeitsbeziehung.“ CSL bleibe dem Standort Marburg verpflichtet und investiere weiterhin – so etwa mit dem Bau des Forschungs- und Entwicklungsgebäudes, das 2022 eröffnet werden soll.

Von Andreas Schmidt

25.03.2021
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