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Marburg "Bis zur Rente schafft das hier keiner"
Marburg "Bis zur Rente schafft das hier keiner"
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07:55 23.01.2020
Pflegekräfte am UKGM fühlen sich mit ihrer Überlastung nicht ernst genommen – das Thema ruft auch heimische Politiker erneut auf den Plan.
Pflegekräfte am UKGM fühlen sich mit ihrer Überlastung nicht ernst genommen – das Thema ruft auch heimische Politiker erneut auf den Plan. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Das Uni-Klinikum verweist darauf, dass die personellen Mindeststandards eingehalten werden – allerdings beziehen sich diese im Fall des Krankenhauses auf Monatsmittelwerte. Heißt: Wenn zwei Wochen lang alle Mitarbeiter auf einer Station da sind und in den nächsten zwei Wochen eine Minimalbesetzung gefahren wird, gleicht sich das statistisch aus, gilt das als Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben.

Und genau das kritisiert ein Pfleger, der anonym bleiben will, im OP-Gespräch: „Die Standards müssen täglich stimmen und nicht nur mathematisch im Monatsmittel.“ Der Klinikums-Kurs müsse dahin gehen, dass „nicht nur das Minimum dessen gemacht wird, was erlaubt ist“. Denn so wie jetzt sei es für Kranke oder Verletzte „reines Glücksspiel“: Wenn es auf einer Station gerade keine Krankheitswelle, Urlaube oder andere Ausfallgründe gebe, habe­ ein Patient Glück, könne angemessen versorgt werden. Sobald aber auch nur ein kleiner Teil der Pfleger fehle, wirke sich das auf die Versorgung der Patienten – auch auf Intensivstationen – negativ aus.

Der Pflegenotstand bedeute, dass es „erhebliche Einbußen auf Seiten derer, die die Arbeit verrichten“, gebe. Er konkretisiert: Nur weil die Pflegekräfte­ auf den Lahnbergen immer ­wieder Pausen auslassen, sie alle Handgriffe am Patienten schneller machen, von Zimmer zu Zimmer hasten, mitunter gar auf hygienische Vorgaben wie Minuten raubende Kittel-Wechsel verzichten, gebe es nur punktuell schwierige Situationen für die Patienten.

In sozialen Berufen gehe es um Menschen, und die lasse man nicht im Stich. Aber genau diese innere Haltung sei von der UKGM-Leitung bei der Personalausstattung und den Rahmenbedingungen am Marburger Standort eingeplant. „Die soziale Ader der Beschäftigten wird ausgenutzt, mit dem Mangel geplant“, sagt der UKGM-­Insider.

Das Einreichen von Überlastungsanzeigen werde klinikintern weder untersagt noch gefördert. Und die Anzeigen dienten ohnehin mehr dem Selbstschutz denn als Hilferuf: Unterliefen einem Pfleger trotz gewissenhafter Arbeit Fehler, weil die Belastung zu hoch sei, und er melde das nicht, sei er derjenige „der als Erstes den Kopf hinhält“. Begehen würde den Fehler der einzelne Mitarbeiter – Schuld trage aber die Klinikstruktur.

Da von den Entscheidungsträgern auf höherer Ebene nahezu keiner Überlastungsanzeige nachgegangen werde und sich an der Situation auf den Stationen trotz der vielen Klagen und Fallbeispiele nichts ändere, mache sich „enorme Frustration“ breit. Denn: „Das UKGM nimmt uns auf den unteren Ebenen nicht ernst.“

Die Mitarbeiter seien trotz widriger Bedingungen immer bemüht, den Patienten zu helfen, manchmal gebe es faktisch keine Ruhepausen, „vor allem im Nachtdienst“. Nur dem Eigen-­Engagement vieler Mitarbeiter, nicht der Struktur des UKGM, sei es zu verdanken, dass es für Patienten „eher selten bedrohlich“ werde. Und für den Pfleger steht fest: „Bis zur Rente schafft das bei dem Pensum hier wohl keiner.“

Die Situation am UKGM ruft auch erneut die Politik auf den Plan. Für die Marburger SPD stellt die stellvertretende Vorsitzende Anna-Lena Stenzel fest: „Wir bleiben dabei: Die Privatisierung des UKGM war, ist und bleibt ein Fehler! Die neuesten Berichte über die Personalsituation am UKGM besorgen uns sehr.“ Wer bei der Pflege spare, „spart direkt an der Versorgung von Menschen in Not.“ Die ­Berichte würden zeigen, dass Beschäftigte und Patienten die Verlierer der Privatisierung seien. Die Zahl an Überlastungsanzeigen, die Unterbesetzung, sobald Krankheitsmeldungen vorlägen, und die daraus folgende Gefährdung der Versorgung der Patienten „sind eine weitere Eskalationsstufe. Es liegt an der schwarz-grünen Landesregierung, endlich zu handeln! Es muss vollständige Transparenz zur Personallage und zur Einhaltung der Personalmindeststandards geschaffen werden“, so Stenzel.

„Wir fordern eine Entprivatisierung des UKGM, höhere ­tariflich vereinbarte Löhne und einen besseren Personalschlüssel, vor allem im Bereich der Pflege und Intensivpflege“, so Stenzel.
„Das von Marburger Sozialdemokraten entwickelte Konzept der gesetzlichen Personalstandards in der Pflege für mehr Qualität und Sicherheit für Patienten und bessere Arbeitsbedingungen muss endlich umgesetzt werden“, fordert Stenzel. Zudem müsse es bessere Ausbildungsbedingungen durch einen verbesserten Personalschlüssel und eine freie Urlaubsplanung der Azubis geben. Und: Forschung sowie Ausbildung zukünftiger Ärzte dürfe nicht durch Unterfinanzierung und wirtschaftliche Erwägungen beeinträchtigt werden. Pflegekräfte verdienten „Wertschätzung, angemessene­ Löhne und Arbeitsbedingungen, die eine korrekte Ausübung der Behandlungen ermöglichen, ohne Pausenregeln zu missachten und das Personal gesundheitlich zu gefährden“.

Jan Schalauske, stellvertretender Vorsitzender der Linken im Hessischen Landtag und Marburger Abgeordneter, sagt: „Die Arbeitsverdichtung und Arbeitsbelastungen im UKGM sind nicht länger akzeptabel. Hier ist die Politik gefordert, im Sinne von Beschäftigten und Patienten für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen und klare­ Vorgaben bei der Personalbemessung zu machen.“ Seit Jahren werde Schwarz-Grün seiner Verantwortung für die Beschäftigten, die Gesundheitsversorgung sowie für Lehre und Forschung nicht gerecht. „Die aktuellen Berichte machen erneut deutlich, dass Krankenhäuser nicht in die Hände von Aktiengesellschaften, sondern in öffentliches Eigentum gehören“, so Schalauske.

Der auf Betreiben von Ex-Ministerpräsident Roland Koch erfolgte Verkauf des Universitätsklinikums an die Rhön-AG sei ein großer Fehler gewesen. Es sei schon damals absehbar gewesen, dass in einem privatisierten Klinikum die Beschäftigten auch die Rendite für die Aktionäre erwirtschaften müssten. „Die Linke erwartet von der schwarz-grünen Landesregierung, sich dem Thema ‚Pflegenotstand am UKGM‘ endlich zu stellen und ihren Einfluss gegenüber der Rhön-AG geltend zu machen, um Personalnot und Arbeitsüberlastungen zu beheben. Dazu gehört es auch, dass die UKGM-Geschäftsleitung sicherstellen muss, dass allen Überlastungsanzeigen vollumfänglich nachgegangen wird“, verdeutlicht Schalauske.

von Björn Wisker und Andreas Schmidt