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Marburg Pflegekräfte klagen an
Marburg Pflegekräfte klagen an
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09:59 22.01.2020
Das Thema Überlastung spielt beim Personal des UKGM weiter eine große Rolle. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Eine Pflegekraft, die anonym bleiben möchte, bringt im OP-Gespräch die permanente Überlastung am UKGM auf den Punkt: „Wenn ich in einer­ Tempo-100-Zone 119 fahre, dann ist das noch ok, dann geht das gerade noch ohne Punkte­ und mir nur an den eigenen Geldbeutel. Das kann ich aber nicht mit einer Personalplanung machen – die darf nicht immer am Limit sein.“

Damit meint er: Es gibt zwar seit vergangenem Jahr für Stationen so genannte­ Personaluntergrenzen – doch diese werden nur im Monatsmittelwert gemessen, und nicht am Tagesbetrieb festgemacht.

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Der OP liegen zahlreiche weitere Mitteilungen von Pflege­kräften mit ähnlichem Tenor vor: Zu viel Arbeit für zu wenig Personal – zu Lasten der jährlich rund 230.000 Patienten. Die Zahl der Überlastungsanzeigen – also Meldungen über Missstände, die die Pflegekräfte während ihrer Dienstzeit erfahren haben – hat im vergangenen Jahr zugenommen.

Betriebsrat fordert Konsequenzen

Und zwar erneut: Waren es 2016 noch 125 dieser Überlastungsanzeigen, so hat sich deren Zahl im vergangenen Jahr mit 326 Anzeigen nahezu verdreifacht. Der OP liegen Auszüge von gravierenden Fällen vor – Fälle, bei denen Patienten leiden mussten, weil nicht genügend Personal auf der Station vorhanden war, um sich um die Belange der ihnen anvertrauten Patienten zu kümmern.

Für Wolfgang Demper, ­Betriebsratsvorsitzender am UKGM Marburg, sind diese Fälle symptomatisch für das, was „schon seit Jahren ein dringendes Thema ist: Wir brauchen mehr Pflegekräfte“. Für Demper steht fest: „Wenn ich als ­Geschäftsführung eine Überlastungsanzeige lese und sehe, dass darin von Patientengefährdung gesprochen wird oder Arbeitszeitverstöße sichtbar werden, dann muss ich doch reagieren“, findet er. Das könne er jedoch nicht erkennen – dabei biete jede dieser Anzeigen doch auch die Chance, „dass man aus ihnen lernt und schaut, wo es vielleicht strukturelle oder organisatorische Probleme gibt – und daraus lernt“, so Demper.

Viele Abschlussprotokolle fehlen

Jeder dieser Überlastungsanzeigen muss am UKGM verpflichtend nachgegangen werden – und das in zwei Schritten: Zu jeder Anzeige muss die Pflegedienstleitung eine Stellungnahme schreiben – das ist im vergangenen Jahr in immerhin 208 der 326 Fälle geschehen. Und: Zu jeder Überlastungsanzeige muss auch die Pflege­direktion ein Abschlussproto­koll erstellen.

Das geschah von 2016 bis ­August 2019 kein einziges Mal. „Erst im letzten Quartal gab es insgesamt zehn Abschlussprotokolle“, so Demper – der mutmaßt, dass dies eventuell auch „mit der Berichterstattung über den Pflegenotstand“ zu tun haben könnte.

Mitarbeiter können 
ihre Pausen nicht nehmen

Für ihn und seine Stellvertreterin Erika Hallenberger ist unverständlich, warum man in Marburg nicht so vorgehe, wie man es in Gießen offenbar seit einiger Zeit tue: „Dort finden regelmäßig Gespräche statt, in denen man die Überlastungsanzeigen durchgeht und dann überlegt, wie die Abhilfe aussehen könnte.“

Hallenberger verdeutlicht: „Es kommt auch häufig zu Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz – weil etwa Pausen nicht genommen werden konnten. Uns gegenüber heißt es dann, das seien Akutsituationen.“ Doch feststehe auch: Wenn es permanent zu solchen Akutsituationen komme, „dann muss ich entweder einen vernünftigen Pool aufbauen, damit ich gleich einen Ersatz habe – oder statte die Stationen so aus, dass mir nicht gleich der ganze Laden um die Ohren fliegt, wenn mal jemand krank wird.“

Von 2016 bis Ende 2019 hat sich die Zahl der jährlichen Überlastungsanzeigen von 125 auf 326 nahezu verdreifacht.

Das UKGM sagt, dass die Überlastungsanzeigen „regelhaft und kontinuierlich in jedem Einzelfall bearbeitet“ würden, man gehe jedem Vorgang nach. „Richtig ist allerdings auch, dass nach erfolgter Aufarbeitung und Stellungnahme durch den direkten Vorgesetzten in der Vergangenheit zu oft von der Erstellung von ,Abschlussberichten‘ abgesehen wurde“, teilte­ das Klinikum auf OP-Anfrage mit.

„Dies wird in Zukunft abgestellt werden“, heißt es. Gleichwohl halte man alle Mitarbeiter dazu an, „bei entsprechenden Wahrnehmungen“ die Anzeigen zu schreiben – „damit wir sicherstellen können, dass keine grundsätzlichen organisatorischen Schwachstellen weiter bestehen. Allerdings entstehen die meisten der Überlastungssituationen aufgrund von kurzfristigen Krankheitsausfällen, die bei ungeplanter Häufung von schweren Erkrankungsfällen unserer Patienten nicht immer unmittelbar vermieden werden können“, so das UKGM.

Pflegepool soll kurzfristige Ausfälle kompensieren

Man habe beispielsweise einen Pflegepool eingerichtet, um kurzfristige Ausfälle zu kompensieren. Auch die temporäre­ Schließung von Betten finde statt, wenn dies aufgrund der Personalsituation notwendig ist. Zudem konnte man in Marburg „eine hohe Zahl von Auszubildenden übernehmen und Mitarbeiter einstellen, so dass bei nahezu gleichbleibenden Patientenzahlen die Anzahl an Pflegenden gestiegen ist“, heißt es vonseiten des Klinikums.

Dass die Zahl der Überlastungsanzeigen gestiegen sei, führe man unter anderem darauf zurück, „dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Instrument entsprechend unserer Bitte aktiv nutzen mögen“, meint das UKGM. In Bezug auf den Pflegedienst sei die Zahl in den vergangenen Jahren aber „nachweislich zurückgegangen“, wie das UKGM schreibt.

Vorwurf: Absage an qualifizierte Bewerber

Danach ergäben sich bei mehr als 46.900 Schichten pro Jahr auf den Stationen „nur 211 Überlastungsanzeigen (0,45 Prozent) in 2019. Diese Zahl hat sich im Vergleich zum Vorjahr um über 20 Prozent reduziert“, heißt es weiter. Der dargestellte Anstieg „auf eine Häufung von Überlastungsanzeigen kann im Wesentlichen auf den Bereich des medizinisch-technischen Dienstes­ aufgrund einer personellen ­Sondersituation zurückgeführt werden“, so das Klinikum.

Gibt es also nur eine „gefühlte­ Überlastung“ am UKGM? Das kann der Betriebsrat so nicht stehenlassen – jede Überlastungsanzeige sei eine zu viel. Im vergangenen Herbst habe­ die Geschäftsführung auch gegenüber der OP argumentiert, dass der Markt ja quasi von Pflegekräften leergefegt sei.

„Uns sind aber Fälle bekannt, dass sich qualifizierte Krankenschwestern mit Erfahrung beworben haben – denen wurde abgesagt“, so der Betriebsrat. Eine Intensivkrankenschwester habe sich im November für die Kinderintensivstation beworben, mit dem Zusatz, dass sie sofort beginnen könne – ihr sei immerhin für diesen März zugesagt worden. „Und das, obwohl wir dort schon seit Monaten Betten geschlossen haben und dringend Personal bräuchten“, so Erika Hallenberger.

von Andreas Schmidt 
und Björn Wisker

Überlastungsanzeigen im Wortlaut

28. November 2019: „Arbeit, Organisation, Versorgung von Notfällen ist mit einer examinierten Pflegekraft unmöglich und gefährdet Patienten und Mitarbeiter.“

30. November 2019: „Zwei Pflegekräfte für 30 Patienten, OP-Fahrten, Patienten sind gefährdet, da es zeitlich nicht möglich war, sich um alle Patienten adäquat zu kümmern.“

3. Dezember 2019: „Schmerzpatienten mussten lange auf ihre Medikamente warten.“

4. Dezember 2019: „Meine Kollegin und ich waren allein für 35 Patienten im Spätdienst verantwortlich. Von den Patienten waren vier PKMS-Gebiet zuzuordnen und weitere neun mit erheblichem Pflegeaufwand versehen. Eine adäquate Patientenversorgung gab es hier nicht mehr, wir achteten nur darauf, dass Patienten nicht zwangsweise mehrere Stunden in ihren eigenen Fäkalien liegen mussten.“

5. Dezember 2019: „Patient musste aufgrund Kontrastmitteleinnahme im CT massive Mengen Stuhlgang absetzen (im Bett von Kopf bis Fuß). Stuhlgang war bei Ankunft auf Station bereits festgetrocknet, musste lange Zeit geduscht werden.“

13. Dezember 2019: „Erhöhter Arbeitsaufwand durch Blutungen. Mit zwei Vollkräften am Nachmittag keine Sicherstellung der Pflege möglich.“

17. Dezember 2019: „Spätdienst ist mit zwei examinierten Gesundheits- und Krankenpflegern bei einer vollen Patientenbelegung von 38 Betten.“

20. Dezember 2019: „Seit März mit zu vielen 24-Stunden-Diensten, wir verletzten das Arbeitsschutzgesetz mit dem Wissen unserer Leitung unseres Chefs. Mit der Begründung, dass die Notfallversorgung gewährleistet werden muss.“

4. Januar 2020: „Durch die aktuelle Stationsbelegung mit vielen pflegeaufwendigen Patienten ist die spezielle und zum Teil auch die Grundpflege des einzelnen Patienten nicht mehr gewährleistet.“

Gehälter 
am Klinikum steigen

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