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Marburg Pflegekräfte: „Die Lage ist dramatisch“
Marburg Pflegekräfte: „Die Lage ist dramatisch“
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11:51 25.11.2021
Dirk Bamberger, CDU-Landtagsabgeordneter.
Dirk Bamberger, CDU-Landtagsabgeordneter. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Nein, die Ereignisse am UKGM mit Massenkündigungen und von Ärzten und Pflegekräften gleichermaßen angeprangerten Arbeitsbedingungen seien nicht alleine ausschlaggebend für den Marburger CDU-Landtagsabgeordneten Dirk Bamberger gewesen, eine Podiumsdiskussion rund um den Pflegenotstand zu initiieren.

Vielmehr habe er während seiner Sommertour zahlreiche Pflegeeinrichtungen besucht, „an das dort Erfahrene und die vielen Gespräche will ich anknüpfen“, sagte er. Dennoch hatte sich Bamberger – entgegen der Parteilinie – schon vor Wochen öffentlich dazu geäußert, dass das Uni-Klinikum zurück in die Öffentliche Hand gehöre (die OP berichtete), denn die Bedingungen dort hätten sich verschlechtert, er habe das Gefühl, Asklepios wolle das UKGM „bewusst gegen die Wand fahren“, hatte Bamberger gesagt.

Anja Katzmarzik (stellvertretende Pflegedienstleiterin im Diakonie-Krankenhaus Wehrda)
Dr. Ralf-Norbert Bartelt (Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion Hessen)
Iris Richter-Plewka (Oberin DRK-Schwesternschaft Marburg)
Martina Heuser (Geschäftsführerin Focustom Pro Medicus)

Viele „haben es körperlich und psychisch nicht geschafft“

Entsprechend hoch war der Zuspruch: Gut 30 Gäste waren ins Bauerbacher Bürgerhaus gekommen – mehr, als es zunächst Anmeldungen gegeben hatte.

Dr. Ralf-Norbert Bartelt, Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, verdeutlichte, wie problematisch die Pflegesituation sich darstellt: „Wir haben während der Pandemie rund ein Viertel der Pflegekräfte verloren, weil sie es körperlich und psychisch nicht geschafft haben. Die Lage ist dramatisch und wurde durch die Corona-Krise noch verstärkt.“ Ein Punkt, die Situation zu verbessern, sei die Krankenhausfinanzierung – die Zuschüsse des Landes an die Träger, die als Pauschalen gezahlt würden, seien zu gering. In der Konsequenz würden die Gelder für den laufenden Betrieb – also von den Krankenkassen – teilweise dafür genutzt, „um den Investitionsstau abzubauen“.

Bamberger verdeutlichte, dass nach Hochrechnungen des Statistischen Bundesamts im Jahr 2025 „etwa 112 000 Pflegekräfte fehlen“ – Abhilfe beim Pflegenotstand will beispielsweise die DRK-Schwesternschaft schaffen, die gemeinsam mit Integral das Pflegequalifikationszentrum im Auftrag des Landes betreibt. Dort werden ausländische Pflegefachkräfte fit für den deutschen Arbeitsmarkt gemacht – die Anerkennung der ausländischen Berufsabschlüsse ist dabei eine große Hürde. Oberin Iris Richter-Plewka verdeutlicht: „Das ist aber nicht das Allheilmittel und wird die Pflege alleine nicht retten.“ Vielmehr seien die Kräfte aus dem Ausland „ein guter Beitrag – aber sie sind nur eine Säule, wir müssen an allen Stellschrauben drehen“, so ihr Vorschlag mit Blick auf die Entbürokratisierung und die Auflösung der starren Fachkraftquote.

Helferausbildung kann entscheidend sein

„Letzteres birgt Chancen. Denn wir brauchen mehr Helferinnen und Helfer, nicht nur in der Altenpflege, sondern vor allem auch in Kliniken. Die Helferausbildung muss reformiert werden.“ Entscheidend sei der Personalmix aus Fachpersonal und den Helferberufen. „Wir müssen klarmachen, welche Berufsmöglichkeiten die Pflege bietet – mit jeglicher Qualifikation.“

Das weiß auch Martina Heuser. Ihr Unternehmen ist in der Qualifizierung und Ausbildung von Pflegekräften und Akademikern aktiv. Für sie ist die Professionalisierung der Berufspraktika ein weiterer Schlüssel, um wieder mehr Auszubildende für den Beruf zu begeistern. Außerdem brachte sie das neue Berufsbild des „Medizinalbegleiters“ ins Gespräch.

Anja Katzmarzik vom Diakonie-Krankenhaus Wehrda sieht in der täglichen Praxis, dass die Pflegenden auch deshalb so überlastet seien, weil sie sehr viel Bürokratie zu erledigen hätten. In Wehrda gebe es beispielsweise eine Stationssekretärin, die für Entlastung sorge. „Damit machen wir gute Erfahrung – damit die Pflegenden eben pflegen können.“ Doch würden solche Kräfte nicht refinanziert – bei dieser einen Person funktioniere das nur, „weil sie Krankenschwester ist“.

Auch die Praxisanleiter müssten entlastet werden, damit sie ihrer Aufgabe, die Schüler quasi „am Bett“ fit für den Beruf zu machen, besser nachkommen können.

Emotional wurde es, als Dirk Bamberger den Leserbrief einer Pflegekraft des UKGM aus der OP vorlas. Dort beschrieb sie die dramatische Situation mit den Auswirkungen auf die Patienten. Befragt von einem Gast, ob diese Situation auch in Wehrda möglich sei, antwortete Anja Katzmarzik: „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Und das darf auch nicht am UKGM so sein“, antwortete sie nach kurzem Zögern.

Von Andreas Schmidt

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