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Marburg Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies
Marburg Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies
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09:58 02.06.2020
Studentenpfarrer Martin Stanke hielt die Predigt auf dem Messeplatz Quelle: Fotos: Thorsten Richter
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Marburg

Alles war ein wenig anders. Die live per E-Piano von Kantor Uwe Maibaum eingespielte Musik von der Bühne am Autokino wie auch die Predigt und der Gebetsteil wurden übers Autoradio übertragen. Dazu konnten alle Gottesdienst-Besucher in den rund 200 auf dem Messeplatz geparkten Autos gemeinsam singen, was derzeit in den Kirchen noch nicht erlaubt ist. „Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft“: So tönte nach der Begrüßung durch Studentenpfarrer Martin Stanke ein vielstimmiger Gesang über den Platz. Die Liedblätter wurden allen Besuchern bei der Einfahrt in einer Überraschungstüte überreicht, in der auch zwei Tüten Popcorn pro Auto Platz fanden.

„Wie vor 2 000 Jahren kommen auch heute an Pfingsten viele Leute zusammen. Wir verstehen uns und sprechen eine gemeinsame Sprache“, sagte Martin Stanke. Anschließend verlesen Studierende einen Teil aus der Apostelgeschichte, in dem der Tag des Pfingstfestes im Mittelpunkt steht. „Vom Himmel her kommt ein Brausen. Es erfüllt das Haus. Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und redeten in allen Sprachen“, wird erzählt. Währenddessen braust direkt neben dem Messeplatz an der Bahnstrecke ein Zug vorbei. Per Videokamera wurden die Gesichter der geistlichen Akteure auf der Bühne auf die Großleinwand projiziert, denn schon in der dritten Autoreihe waren sie über die Autodächer hinweg ansonsten kaum mehr erkennbar.

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Im Mittelpunkt der Predigt der beiden evangelischen Pfarrerinnen Anna Scholz und Katharina Scholl stand passend zum Ambiente des Autokinos die verfilmte Geschichte eines Kinos, das in einem Dorf in Sizilien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den verarmten und hoffnungslosen Menschen aller Generationen Lichtstrahlen der Hoffnung gab. „Das Cinema Paradiso bringt die Menschen zusammen und tröstet sie über manchen Zweck hinweg. Sie teilen Freude, Empörung und Zorn“, fasst Anna Scholz zusammen.

Doch ein Funken der Unachtsamkeit genügt und das Paradies geht in Flammen auf, macht Katharina Scholl deutlich. So passiert es dann auch ganz real im Film „Cinema Paradiso“ des italienischen Regisseurs Giuseppe Tornatore (1988), als das Kino abbrennt, aber der alte Filmvorführer Alfredo immerhin von seinem jungen Gehilfen Toto gerettet werden kann. Die Allegorie zur aktuellen Zeit der Corona-Pandemie ist unschwer erkennbar. „Paradiese sind zerbrechlich und leicht entflammbar“, meint Katharina Scholl. „Auch uns sind kleine Paradiese verloren gegangen, zum Beispiel die Kino-Sessel im Kino in der Biegenstraße.“ Doch andererseits würden jetzt plötzlich die Bilder auf der großen Leinwand im Marburger Autokino lebendig und die Besucher könnten dort wieder lachen und weinen. „Wir Menschen brauchen Liebe, Gemeinschaft und Begeisterung. Aber manchmal gibt es Zeiten, in denen das alles fehlt“, sagt Pfarrerin Katharina Scholl. Die Gottesdienst-Besucher konnten sich am Ende der „Kino-Predigt“ ein bisschen selber wie im Kino fühlen – und das am helllichten Tag im strahlenden Sonnenschein. Denn die ergreifende Schlusszene von „Cinema Paradiso“ flimmerte über die Leinwand: Darin bewundert der um Jahrzehnte gealtertete Filmvorführer-Gehilfe Toto die von dem mittlerweile gestorbenen Alfredo gesammelten Kussszenen in Schwarz-Weiß, die Jahre zuvor einer strengen Zensur zum Opfer fielen. „Wo der Geist des Herrn da ist, da ist Freiheit. Kraftvoll wie ein Kuss, der endlich sein darf“, kommentiert Anna Scholz.

Den Besuchern des rund einstündigen Autokino-Gottesdienstes gefiel das ungewöhnliche Event sehr gut. „Die Predigt war toll und sehr ergreifend“, sagte Ute Ramb, die zusammen mit ihrem Mann den Gottesdienst verfolgte. Und sie hebt sogar noch eine besondere Qualität des neuen Formates hervor: Weil man sich in den Autos sehr gut auf die Kernbotschaften konzentrieren könne, seien die Gottesdienst-Besucher auch innerlich mit dabei. Ein bisschen sei die Gemeinschaft der Gläubigen wie eine Gemeinschaft all derer, die zusammen in einem Stau auf der Autobahn stehen. Allerdings seien die Gefühle beim Gottesdienst doch sehr viel positiver als beim gemeinsamen Erleiden eines Staugeschehens.

„Außergewöhnlich. Es war ein besonderes Erlebnis, das sogar mehr Gemeinschaftserlebnis mit sich brachte als sonst“: So urteilte Andrea Schick, die zusammen mit ihrer Nichte als Beisitzerin zu dem Gottesdienst gekommen war. Und auch Gottesdienst-Besucher Heinz-Otto Keinecke fand darin die Art von Spiritualität, die er als Alternative zum traditionellen Pfingstgottesdienst auf der Schlossparkbühne gesucht hatte, auch wenn er mit leichten technischen Schwierigkeiten in seinem Autoradio zu kämpfen hatte. Am Ende gab es noch den pfingstlichen Segen durch Pfarrer Stanke, verbunden mit der Bitte, dass Gott uns alle begleite durch diese schwierige Zeit. Und für die Insassen jedes Autos gab es zudem noch die Chance auf einen persönlichen Segen, als mehrere Geistliche durch die Reihen liefen.

Von Manfred Hitzeroth

01.06.2020
01.06.2020
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