Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Personalmangel: „Der freie Fall hört nicht auf“
Marburg Personalmangel: „Der freie Fall hört nicht auf“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:00 03.11.2021
Symptomatisch für die Situation am UKGM: Das Luftpumpenorchester, bei dem nach Höchsteinsatz die Luft raus war.
Symptomatisch für die Situation am UKGM: Das Luftpumpenorchester, bei dem nach Höchsteinsatz die Luft raus war. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Die Klagen über die schlechten Arbeitsbedingungen am UKGM reißen nicht ab. Für Mittwoch (3. November) hatte die Gewerkschaft Verdi in der Mittagspause zu einer Protestaktion unter dem Titel „Pflegende machen sich Luft“ eingeladen. Dazu spielte passenderweise das „Luftpumpenorchester“: Eine Dirigentin verausgabte sich gut fünf Minuten lang völlig, dirigierte die Beschäftigten, die sie auf der Luftpumpe begleiteten, mit immensem Körpereinsatz – um danach zusammenzubrechen und zu japsen: „Die Luft ist raus.“

Eine bezeichnende Situation für die Beschäftigten am Klinikum derzeit, wie Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm erläutert: „So, wie die Arbeitsbedingungen am Uni-Klinikum aktuell sind, können sie nicht bleiben. Wir wollen strukturelle Verbesserungen“ – und nicht nur ein „ja, ich weiß, es gibt Probleme, ich nehme das mal mit“. Und wie diese strukturellen Änderungen aussehen, das macht er auch gleich klar: „Wir wollen mehr Personal, wir wollen mehr Bezahlung, wir wollen Wertschätzung für unsere eigentlich schönen Berufe – und wir wollen das jetzt und nicht vertröstet werden.“

Gefühl wie im Freefall-Tower

Die Situation mit der personellen Unterbesetzung sei nicht neu, doch breche sie sich gerade extrem Bahn. So musste eine HNO-Station wegen Personalmangels bereits im Sommer geschlossen werden – und sie ist weiterhin dicht. Eine Station sei „komplett geflüchtet“ – auf der Chirurgie haben 15 von 16 Pflegekräften gekündigt. „Und wir haben den Brandbrief der Assistenzärzte aus der Kinderklinik, der unwürdigste Zustände anprangert, und wir kennen die unzähligen Überlastungsanzeigen, die täglich eingehen“, fasste Dzewas-Rehm zusammen. Wie diese Überlastungen konkret aussehen, das verdeutlichten einige Beschäftigte.

So zum Beispiel Vera Böckler, Fachkrankenschwester für Psychiatrie, die seit fast 30 Jahren am Klinikum arbeitet. Bisher sei das Arbeitsleben immer mit einer Achterbahnfahrt vergleichbar gewesen – mal sei es bergab, aber dann auch wieder bergauf gegangen. „Doch leider haben wir seit einiger Zeit das Gefühl, wir sitzen in einem Freefall-Tower – und der freie Fall hört nicht auf“, so Böckler. Den Pflegekräften würden zahlreiche Zusatzaufgaben übertragen, „so haben wir seit dem 1. April keine der Station zugehörigen Hausangestellten mehr“. Das Übertragen der Aufgaben auf den Reinigungsdienst habe nicht funktioniert. „Immer mehr frage ich mich: Wozu sind meine fünf Jahre Ausbildung von Nutzen – denn ich muss putzen“, reimte sie. Eine professionelle psychiatrische Pflege sei aufgrund von Personalmangel auch nicht mehr möglich.

Warum müssen Kliniken Rendite erwirtschaften?

Die ehemalige Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher sagte: „Niemand würde fordern, dass Polizei oder Feuerwehr schwarze Nullen schreiben oder Profite erwirtschaften müssen – warum also Krankenhäuser?“ Die Personalsituation in den Kliniken sei prekär – dagegen gelte es, Widerstand zu leisten. Der Hilferuf der Belegschaft „darf nicht länger ignoriert werden – denn gute Qualität im Krankenhaus gibt es nur mit genug Personal in allen Bereichen.“

Der tägliche Personalmangel werde nur durch den hohen individuellen Einsatz kompensiert – der „am Ende mit der eigenen Gesundheit bezahlt wird. Krankenhäuser dürfen nicht zu industriellen Fabriken verkommen“, so Böttcher.

Ilona Kraft-Peil, freigestellte Betriebsrätin, sprach für die Pflegekräfte der Station 235, deren Massenkündigung einen Großteil der aktuellen Diskussion ins Rollen gebracht hatten. Durch zahllose Überlastungsanzeigen weit über ein Jahr hinaus hätten sie auf die Situation hingewiesen. Teilweise seien die Kräfte mit Angst zum Dienst gekommen, „weil wir nicht wussten, wie wir die teils sehr pflegeaufwändigen Patienten mit unseren wenigen Händen adäquat versorgen sollten“, zitierte Kraft-Peil. Alles – auch die Familie – sei dem Dienst untergeordnet gewesen. Und bei Normalbesetzung der Station „sind wir in anderen Bereichen eingesetzt worden“ – alle Hilferufe seien verhallt, „man hat uns nicht zugehört und nicht ernst genommen“. Die Kündigungen seien die Konsequenz gewesen. Der Appell der Pflegekräfte an die Geschäftsführung: „Stellt endlich mehr Personal ein – für uns ist es jetzt zu spät.“

Dramatisch ist auch die Situation an der Radiologie, wie eine Mitarbeiterin berichtet. Ständig habe man ein schlechtes Gewissen – weil man die Arbeit nicht schaffen könne, weil man die Patienten nicht so versorgt habe, wie es sein müsste. „Und so geht es seit Monaten“, denn auch diese Station sei „völlig unterbesetzt“. So gebe es zwei MRTs, an denen eigentlich mindestens vier Vollzeitkräfte arbeiten müssten, „um beide Geräte gut auszulasten und die Patienten zeitnah zu versorgen“. Doch gebe es nur eineinhalb bis zwei Vollzeitkräfte.

Begleitung der Azubis bleibt auf der Strecke

Auch die Begleitung der Auszubildenden bleibe – wie auch die Praxisanleitung – auf der Strecke. „Wir werden alle nur vertröstet – halte durch, sei tapfer, wir bleiben dran, das Personal kommt, das sind lauter öde, schale Worte. Und in der Konsequenz werden Geräte gesperrt und Patienten weggeschickt.“

Die Mängelliste war lang – darauf reagierte jedoch Dr. Sylvia Heinis, Kaufmännische Geschäftsführerin am UKGM Marburg. „Wir haben vor einigen Tagen gesagt, dass wir verstanden haben“, sagte Heinis – derzeit fänden mit ganz vielen Gruppen und Mitarbeitern im Haus Gespräche statt, „um zu schauen, wo es Probleme auch in den Abläufen gibt und was Ihnen das Leben hier bei uns schwer macht“, so Heinis an die Beschäftigten.

Letztlich sei es das Entscheidende, gemeinsam Wege aus der Belastungssituation zu finden. Die Intensität am UKGM sei in den vergangenen Jahren – auch durch die Versorgung der Corona-Patienten – immens hoch gewesen. In den Gesprächen, die nun geführt würden, „erleben wir sehr viel Offenheit und sehr viele konstruktive Ideen, wie wir Stückchen für Stückchen die Themen lösen können, die uns jeden Tag behindern und belasten“, so Heinis.

Nicht alles lasse sich von heute auf morgen umsetzen, doch arbeite man – auch gemeinsam mit den Klinikdirektoren – an Lösungsszenarien, „damit die Belastung für uns alle in einem Maß verläuft, das für uns tragbar ist“, so Heinis, die betonte, wie dankbar die Geschäftsführung der Belegschaft sei. Der Applaus hielt sich jedoch in Grenzen – „das ist ja auch ein Gradmesser“, so Fabian Dzewas-Rehm.

Von Andreas Schmidt

03.11.2021
Marburg Foto-Grafik-Kalender - Ungewöhnliche Marburg-Visionen
03.11.2021
03.11.2021