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Marburg Parkinson-Patienten lernen von Ludwig
Marburg Parkinson-Patienten lernen von Ludwig
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13:39 23.07.2020
Therapiehund Ludwig mit Patient Michael Brumhard, Ausbilderin Anke Rochelt (Diplom-Pädagogin und Hundetrainerin) und Prof. Dr. Carsten Eggers (Stellvertretender Direktor der Klinik für Neurologie und Besitzer des Hundes) Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

So richtig weiß Ludwig noch nicht, was er machen soll. Michael Brumhard, der an Parkinson erkrankt ist, ruft: „Ludwig, Ludwig.“ Er lockt den Hund mit Futter, der setzt sich vor ihm hin. Jetzt lässt Michael Brumhard das Futter durch einen kleinen Schlauch auf den Boden fallen. „Such“, sagt er. Ludwig soll es aufsammeln.

Das sind die ersten Trainingseinheiten für den neuen heimlichen Star am UKGM in Marburg. Der etwa vier Monate alte Ludwig, ein ungarischer Jagdhund der Rasse Magyar Vizsla, soll nämlich bald Parkinsonerkrankten in der Therapie helfen – als erster Hund an der Uniklinik in Marburg und als erster Hund weltweit. Dafür gibt es sogar Geld von der Parkinson-Stiftung aus Amerika.

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Die Idee hatte Professor Carsten Eggers, stellvertretender Direktor der Klinik für Neurologie. Er stellte dann auch gleich mal seinen Hund zur Verfügung, „weil die Rasse besonders gelehrig ist und sie gut interagiert und das nicht nur über die Mimik“, erklärt er. Während sich der Professor eher zu Hause um Ludwig kümmert und ihn während der Arbeitszeit mit zu Patientengesprächen nimmt, soll der Rüde tagsüber sowohl von der Tiertrainerin Anke Rochelt, der Physiotherapeutin Stella Ernstberger und der Ergotherapeutin Denise Roth ausgebildet werden. „Und das mit den gleichen Signalen“, wie die Trainerin aus Stadtallendorf betont. Zeitweise darf der Junghund auch jetzt schon mit Patienten üben, damit er sich an alle möglichen Situationen gewöhnen kann.

Denn denen zu helfen, das soll später mal sein „Job“ sein. An Parkinson-Erkrankte haben meistens eine eingeschränkte Körperhälfte. Diese immer wieder zu aktivieren und mit ihr kleine Übungen, wie beispielsweise das Futter auf den Boden zu werfen, zu machen, ist ein Ziel. „Das ist wichtig für die Feinmotorik der Hände und Finger“, erklärt Ergotherapeutin Denise Roth. Auch sollen sich die Patienten an der erhabenen Körperhaltung von Ludwig orientieren. „Sie fallen oft vorne über. Vielleicht imitieren sie Ludwig und denken dadurch öfter daran, immer aufrecht zu stehen oder zu sitzen“, hofft Carsten Eggers. Auch soll der Hund sie animieren größere Schritte zu machen, indem er an strammer Leine vorneweg läuft. „Das Gangbild wird durch die Krankheit sehr beeinflusst, die Schrittlänge ist verkürzt und auch die Wendungen werden schwieriger. Da soll und kann Ludwig sehr gut unterstützen“, so der Neurologe.

Tier soll weder unter- noch überfordert werden

Die Umsetzung ist ein bisschen wie ein Experiment. „Es gibt keine Blaupause“, weiß Carsten Eggers. „Dafür gibt es ein buntes Potpourri an Überlegungen. Und nach jedem Einsatz fügen wir die einzelnen Handlungsbausteine aneinander“, verrät er und ergänzt: „Natürlich immer mit Blick auf die Sinnhaftigkeit für den Patienten.“ Tiertrainerin Anke Rochelt behält bei allem den Vierbeiner im Blick. Er soll weder über- noch unterfordert werden. Schließlich braucht Ludwig bis zu 15 Stunden Schlaf am Tag. Später als erwachsener Hund soll er auch mal eine Prüfung ablegen, die bis dahin festgelegten Übungen in ein Prüfungskonzept einfließen, damit vielleicht noch mehr „Ludwigs“ weltweit ausgebildet und in der Parkinson-Therapie eingesetzt werden können.

„Die Resonanz auf den Hund ist überwältigend“, berichtet Carsten Eggers. „Für meine Sprechstunde ist er eine wahnsinnige Bereicherung, die Patienten reagieren extrem positiv. Mein Büro wurde innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsmagneten“, sagt er lachend.

Und wie findet Ludwig seinen neuen Einsatzort? Der geht selbstbewusst über den glatten Boden, sucht nach Menschen, die Hundefutter in der Tasche haben und trägt auch schon mal die kleine Pylone durch die Gegend. Nach getaner Arbeit liegt er am liebsten auf seinem großen Kissen im Büro, erholt sich von dem ganzen Trubel und sammelt Energie für seine nächsten Einsätze.

Von Katja Peters

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