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Marburg Pappnase mit Mundschutz?
Marburg Pappnase mit Mundschutz?
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21:54 20.08.2020
Junge Karnevalistinnen beim Marburger Rosenmontagsumzug. Die Vereine machen sich Sorgen, dass im Corona-Jahr die Nachwuchsgruppen das Interesse verlieren.
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Landkreis

Fällt die kommende Karnevalssaison der Corona-Pandemie zum Opfer? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn denkt zumindest darüber nach, alle Veranstaltungen abzusagen. Die Meinungen der Narren im Landkreis Marburg-Biedenkopf gehen auseinander.

Besonders für die Neustädter ist der Ansatz hart, denn für diese sollte die nächste Session eine ganz besondere werden. Zwei Jahre lang hatten die dortigen fünf Vereine wegen des Neubaus des Hauses der Begegnung (auch Haus des Karnevals genannt) auf eigene Veranstaltungen verzichten müssen und sich quasi mit gemeinsamen Prunksitzungen über die Zeit gerettet. Nun ist die Fertigstellung des neuen Kultur- und Bürgerzentrums absehbar – doch Corona kommt um die Ecke und scheint dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung zu machen.

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Das sei natürlich bitter, meint Andreas Gnau, Sitzungspräsident der Kolpingfamilie, hebt aber gleichzeitig hervor: „Ich hätte kein gutes Gefühl beim Ausrichten von Prunksitzungen.“ Es wolle schließlich niemand dafür verantwortlich sein, dass sich das Virus durch Großveranstaltungen verbreitet. „Außerdem ist es doch gerade im Karneval so, dass Menschen kreuz und quer unterwegs sind und von einer Sitzung zur nächsten gehen. Wenn da nur einer von krank ist, dann kann das extrem ärgerlich sein.“

Und auch das Einhalten von Abstandsregeln sei nicht zu gewährleisten, stellt er heraus: „Mit dem steigenden Alkoholkonsum sinkt auch die Vernunft, und ruckzuck hält man nicht mehr genügend Abstand ein. Oder man sieht jemanden, den man lange nicht getroffen hat, und vor lauter Freude passt man eben nicht auf.“ Und dann gebe es natürlich Menschen, die unter dem „Deckmantel der Pappnase“ (also in Verkleidung) völlig ausflippen – und dann sei die Lage einfach nicht mehr kontrollierbar.

Vereine befürchten, dass der Nachwuchs abspringt

Insofern hält er den Ansatz des Gesundheitsministers für vernünftig – was wohl auch für die anderen karnevalstreibenden Vereine der Stadt gilt, die, wie Gnau berichtet, ihre Sitzungen bereits abgesagt hätten (wenn auch noch nicht offiziell). „Schade ist das natürlich schon, insbesondere für die Gruppen, die schon fleißig am Proben sind. Aber ich halte es für vernünftig und meine, es bleibt auch nichts anderes übrig. Das Infektionsrisiko auf Karnevalsveranstaltungen wäre einfach zu groß. Corona lässt uns keine Wahl – und lustig ist diese Zeit ohnehin nicht.“

Schade für die Akteure fände auch Norbert Rausch, Schriftführer des RCC Roßdorf, eine Absage des Karnevals – insbesondere für die Nachwuchsgruppen, die ebenfalls fleißig am Trainieren sind: „Die Auswirkungen auf das Vereinsleben müssen wir abwarten. Gerade bei jüngeren Narren besteht die Gefahr, dass sie abspringen, wenn sie nicht aktiv sein können.“

Auch er sieht die Gefahr, dass Karnevalssitzungen quasi zu Super-Spreading-Events werden können, da sie mit vielen Menschen ausgerichtet werden und dann auch noch angesichts der Jahreszeit in geschlossenen Räumen stattfinden müssen. Allerdings schlägt Rausch vor, mit der Entscheidung noch etwas zu warten: „Vor einem Monat hieß es noch, das Thema verflüchtigt sich – und jetzt sieht es ganz anders aus. Aber klar: Für ein verstärktes Infektionsgeschehen will niemand verantwortlich sein. Schade wäre eine Absage aber in jedem Fall.“

Mit einer möglichen Absage des gesamten Karnevalstreibens wollen sich die Marburger Narren zumindest nicht so ohne weiteres abfinden. „Bei uns herrscht gerade eine verhaltene Stimmung, aber wir wollen auf jeden Fall Karneval in Marburg machen“, sagte der Marburger Karnevalspräsident Markus Braun vom Festausschuss Marburger Karneval auf OP-Anfrage. Karneval gehört für ihn zum Leben dazu wie Weihnachten oder Silvester. Klar sei aber auf jeden Fall, dass die Saison anders verlaufen werde als die vorangegangenen Kampagnen.

Marburger Weiberfastnacht fällt auf jeden Fall ins Wasser

So steht laut Braun jetzt schon fest, dass die traditionelle Marburger Weiberfastnacht im Marbacher Bürgerhaus auf jeden Fall ins Wasser fallen wird. „Da würden nach den jetzigen Corona-Vorgaben nur 83 Leute reinpassen“, macht der Karnevalist klar. Und mit so einer Besetzung im Publikum würde wohl in dem großen Bürgerhaus keine rechte Stimmung aufkommen. Markus Braun kann sich aber durchaus alternative Formate vorstellen, beispielsweise eine Art „stehenden Festzug“ am Messeplatz mit fünf, sechs Motivwagen anstelle des traditionellen Rosenmontagsumzugs, eventuell ergänzt durch ein Musikprogramm, einen Bierwagen und einen Imbiss-Stand.

Ob sich das ausgeht, wird man sehen. In der kommenden Woche wollen sich jedenfalls die organisierten Marburger Narren zusammensetzen, um konkretere Pläne zu schmieden, die natürlich dann immer mit den Vorgaben der Behörden kompatibel sein müssten.

In Stadtallendorf haben sich die Narren zur Absage durchgerungen – weil sie glauben, unter Corona-Einschränkungen lasse sich Karneval nicht vernünftig feiern, wie Friedhelm Kremer, der zweite Vorsitzende des FCKK, berichtet. Noch dazu wäre der finanzielle Aufwand zu groß. Dass der Gesundheitsminister nun mit seiner Idee um die Ecke kam, wundert ihn nicht: „Einer musste ja irgendwann den Mund aufmachen.“ Allerdings hält Kremer nichts davon, dass „die Politik“ den Karneval absagen will. „Für die meisten Vereine ist die Situation ohnehin eindeutig, sodass sie keine Anweisungen brauchen.“ Er halte es eher mit der Meinung des Bundes Deutscher Karneval, der sagt, die Entscheidung solle den Vereine obliegen. Einige seien schließlich bereit, mit Einschränkungen zu feiern – und wenn sie dies wollten und für sinnvoll hielten, sollten sie auch die Gelegenheit bekommen. Auch beim FCKK gebe es noch die theoretische Möglichkeit, doch etwas auf die Beine zu stellen – dafür müsse sich aber zunächst die Lage entspannen. So bleibt für ihn ein Fazit: „Wir sagen ja nicht den Karneval ab, sondern nur unsere Veranstaltungen.“

Stefan Oberhansls Herz schlägt für den Karneval in Niederwalgern. Kaum vorstellbar, das er ausfallen könnte. Aber: „Machen wir uns nichts vor, Karneval geht nicht auf Abstand, da wird geschunkelt dicht an dicht. Es wäre schade, aber nachvollziehbar, wenn die Politik darauf drängen würde, die großen Veranstaltungen, die nicht zu kontrollieren seien, ausfallen zu lassen. Dafür müsste es aber schon mehr andere Angebote geben, damit die Menschen auch mal was erleben können. Oberhansl findet es beispielsweise richtig, Konzerte mit einem Abstands- und Hygienekonzept stattfinden zu lassen. „Es gibt genug große Hallen, wo etwas möglich ist“, sagt er. Was konkret in Niederwalgern möglich sein kann, werden die Mitglieder des Karnevalsvereins traditionell am 11. 11. entscheiden.

Von Florian Lerchbacher, Manfred Hitzeroth und Götz Schaub