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Marburg Was, wenn Kreis zum Corona-Risikogebiet wird?
Marburg Was, wenn Kreis zum Corona-Risikogebiet wird?
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20:00 09.10.2020
Auf einer Werbeanzeige der Stadt Köln wird für das Tragen von Schutzmasken im öffentlichen Raum geworben. Quelle: Foto: Oliver Berg/dpa
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Marburg

Privatfeier-Beschränkungen auf 25 Teilnehmer, Empfehlung von maximal zehn Personen bei Zuhause-Partys und ausgedehntere Maskenpflicht in der Gastro: Die ab diesem Wochenende geltenden Landkreis-Einschränkungen sollen zur Infektions-Eindämmung dienen. Denn sobald die vierte Warnstufe überschritten ist – das geschieht, wenn die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen auf 50 steigt –, wäre der Kreis ganz oder teilweise Risikogebiet. Auswirkungen auf Urlaubspläne in vielen anderen Bundesländern hätte das sofort, da nun vielerorts ein Übernachtungsverbot für Risikogebiet-Bewohner greift. Doch was passiert im Landkreis selbst, wenn die nun gewählten Schritte nicht ausreichen, kommt dann etwa eine Sperrstunde für die Gastronomie, im Extremfall ein Regio-Lockdown? Die Landkreis-Verwaltung äußert sich auf OP-Anfrage zu ihren Plänen.

33 Positiv-Tests bei der Firma Seidel

Würden die Zahlen weiter „rasant steigen“ – nach 29 neuen Fällen liegt der Inzidenz-Wert seit Freitagnachmittag bei 43,8 – sei „eine Verschärfung der Maßnahmen möglich“, sagt Marian Zachow (CDU), Erster Kreisbeigeordneter. „Wir werden jetzt nicht in Aktionismus verfallen, sondern handeln weiter zielgerichtet“, ergänzt Kreissprecher Stephan Schienbein auf OP-Anfrage. Zunächst wolle man abwarten, wie die neuen Einschränkungen auf das Infektionsgeschehen wirken. Was an weiteren Einschränkungen konkret denkbar wäre, lässt er offen.

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In anderen auch hessischen Regionen, die bereits höhere Infektionszahlen haben, setzen Behörden bereits auf Alkoholverbote, frühe Sperrstunden für die Gastronomie und Maskenpflicht in der Öffentlichkeit. Könnte das auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf kommen? Ausschließen will die Kreis-Spitze das nicht, aber: Es gelte zwar mit Bedacht vorzugehen, aber eben auch „sinnvolle und wirksame Maßnahmen zu treffen“, sagt Zachow. Der Kreis hat in eigenen Gebäuden für Mitarbeiter und Kunden bereits eine Maskenpflicht angeordnet.

Auslöser für den jüngsten Infektionszahlen-Anstieg sind laut Kreisverwaltung eben vor allem Privatfeiern. Speziell im Nachgang einer Geburtstagsparty in Gießen, an der rund zwei Dutzend vor allem bei der Firma Seidel beschäftigte Landkreis-Bewohner teilnahmen. Kurz zuvor soll nach OP-Informationen eine Hochzeit in Kirchhain für den Zuwachs verantwortlich gewesen sein.

Es gibt nicht nur eine, sondern eben mehrere „Eintrittspforten“, über die das Virus gelangen konnte, sagt Dr. Andreas Ritzenhoff, Inhaber der Firma Seidel. Nach Bekanntwerden der ersten Coronafälle hatte das Unternehmen beide Standorte in Marburg und Fronhausen geschlossen und Massentests für sämtliche Mitarbeiter angeordnet.

Alle Ergebnisse lagen spätestens Freitagabend vor, von den rund 650 Menschen wurden 33 positiv auf das Coronavirus getestet, berichtet der Geschäftsführer. Auffällig dabei: 36 andere Mitarbeiter hatten zwar ein Negativ-Ergebnis, wiesen aber Antikörper gegen das Virus auf, seien demnach wohl zuvor bereits unbemerkt infiziert worden.

Das Unternehmen war das erste dieser Größe im Kreis, das, nachdem mehrere Corona-Fälle verzeichnet wurden, die Schotten komplett dicht machte und das Krisenmanagement aktivierte, „ein überraschender Pilotfall. Über mehrere Tage wurde mithilfe des Deutschen Roten Kreuzes getestet, 50 Mitarbeiter pro Stunde – das war ein kleiner Kraftakt“, berichtet Ritzenhoff. Das Uniklinikum stellte Blutentnahmebesteck bereit, das Labor „Schebo“ übernahm die Tests. „Alles hat reibungslos funktioniert, ich bin froh und extrem dankbar, dass das so gut und vor allem so schnell geklappt hat“, lobt Ritzenhoff beeindruckt von einem „Paradestück guter Nachbarschaftshilfe“. Zurücklehnen könne man sich trotz positiv ausfallendem Krisen-Fazit aber nicht, „das ist nur eine Momentaufnahme, wir hoffen, dass es nicht noch einmal passiert“. Gerade durch diese prägende Erfahrung und angesichts der aktuellen Corona-Lage würde er sich eine breiter aufgestellte „Task Force“ mit den Kreis-Behörden wünschen, „wir brauchen eine gut vernetzte Infrastruktur, um in so einem Fall schnell entscheiden und aktiv werden zu können“, betont Ritzenhoff.

Covid19-Patienten: „Kein Engpass“nin Kliniken

as Eskalationskonzept des Landes, gültig seit Juli, sieht bei der vierten Stufe ein „konsequentes Beschränkungskonzept“ vor, also weitreichende Einschränkungen, wie auch immer sie im Falle des heimischen Landkreises ausfallen sollten. Die dunkelrot im Konzept eingefärbte fünfte Stufe gilt ab einer Inzidenz von 75, also einem Anstieg der Zahl der Neuinfektionen je 100 000 Einwohner innerhalb von 7 Tagen auf 75.

Falls es mehr schwere Krankheitsverläufe gibt, reichen dann die Klinikkapazitäten, die Zahl der Intensivbetten für die Behandlung von Covid-19-Patienten? Klare Einschätzung des Landkreises: „Engpässe im Bereich der klinischen Versorgungsmöglichkeiten können wir für den Landkreis Marburg-Biedenkopf nicht erkennen“, sagt Schienbein.

Inzwischen steht der Landkreis in enger Abstimmung mit dem Planungsstab des hessischen Sozialministeriums. So sieht es das Konzept der Landesregierung ab Erreichen der dritten Stufe vor. „Wir intensivieren den Kontakt mit dem Ministerium“, so Schienbein. Außerdem steht dem Landkreis nun bei Bedarf auch ein Personal-Pool des Landes zur Verfügung.

Geplant ist nach einer Konferenz zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und elf Großstadt-Bürgermeistern am Freitag auch ein Einsatz der Bundeswehr und Mitarbeitern des Robert Koch-Instituts in als solchen neu definierten Corona-Hotspots. Wert: ab 35 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern binnen sieben Tagen. Mögliche Hauptaufgaben: Hilfe bei der Rückverfolgung von Infektionsketten, Kontaktpersonen-Ermittlung. Bereits in Aussicht sind laut Merkel eine erweiterte Maskenpflicht und strengere Kontaktbeschränkungen.

Von Michael Rinde, Ina Tannert und Björn Wisker

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