Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Mein Wellensittich hustet – was muss ich tun?“
Marburg „Mein Wellensittich hustet – was muss ich tun?“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:58 06.04.2020
An der Telefonhotline des Gesundheitsamts werden täglich von 9 bis 16 Uhr Fragen aus der Bevölkerung entgegengenommen. Quelle: Fotos: Stephan Schienbein
Anzeige
Marburg

Eine Prognose, wie sich die Pandemie entwickelt, wann sie gar als überwunden gelten kann, will die Medizinerin daraus aber nicht ableiten. Sie wagt lediglich einen Vergleich aus dem Sport: „Wir befinden uns in einem Mittelstreckenlauf, der über Monate geht – nämlich so lange, bis ein Impfstoff da ist.“ Alles unter einem Jahr zwischen dem Ausbruch der Pandemie und dem Vorhandensein eines zugelassenen Impfstoffs würde „phänomenal“ sein, findet Dr. Wollenberg.

Die wichtigste Aufgabe des Gesundheitsamts in dieser Pandemie, so definiert das Dr. Wollenberg, sei, „so schnell wie möglich Infizierte zu finden und Kontaktpersonen zu identifizieren“. Dazu benötigt das Gesundheitsamt Personal, weit mehr als das, was vor der Pandemie hier gearbeitet hat.

Anzeige

Zudem werde Personal „akquiriert“, etwa studentische Hilfskräfte oder andere Honorarkräfte für die Hotline, die täglich von 9 bis 16 Uhr geschaltet ist. Auch wurden die klassischen Aufgabenbereiche am Gesundheitsamt aufgelöst, bestimmte Leistungen, etwa Einstellungsuntersuchungen, werden zurzeit nicht angeboten. „Wir haben alles der Bekämpfung der Corona-Krise untergeordnet“, sagt Dr. Wollenberg.

Seit sechs Wochen arbeite man im Krisenmodus, fügt sie hinzu, und bei aller Belastung für die Mitarbeitenden sagt die Chefin: „Toll, wie alle motiviert sind und mitziehen.“

Das sieht auch Dr. Martin Just so, der Leiter des Fachdienstes Gesundheitsaufsicht und Infektionsschutz. Just, Mitglied im täglich tagenden Krisenstab, berät unter anderem die niedergelassenen Ärzte in Fachfragen, ist aber auch permanent mit telefonischen Fragen konfrontiert – bis hin zu der Frage „Mein Wellensittich hustet, was muss ich tun“? Dr. Just spricht von gutem Teamwork im Gesundheitsamt. „Wir ziehen alle an einem Strang“, sagt er und freut sich zudem darüber, dass in der Bevölkerung ein hohes Maß an Verständnis für die Maßnahmen herrsche, die die Regierung getroffen habe, um den Anstieg der Fallzahlen einzugrenzen.

Covid-Erkrankte werden von einem Team des Gesundheitsamtes mindestens einmal täglich per Telefon kontaktiert. Die Mitglieder verschaffen sich in jedem einzelnen Fall einen Überblick über den Verlauf der Krankheit, heben gegebenenfalls verhängte Quarantänen auf und weisen andersherum etwa ins Krankenhaus ein, wenn Symptome sich verschlechtern, etwa das Fieber steigt oder Atemnot schlimmer wird.

„Wie schnell atmen Sie?“ ist eine der wichtigsten Fragen zur telefonischen Einschätzung des Gesundheitszustands der Angerufenen. Ein zweites Kriterium: Die Patienten müssen 30 Meter schnell gehen und dann erneut ihre Atemfrequenz messen. Die Mediziner können daraus Schlussfolgerungen über die Entwicklung der Krankheit ableiten. „Das kann sehr schnell kippen“, sagt Dr. Wollenberg, und dann komme es auf schnelles Handeln an.

Fünf Ärzte des Gesundheitsamtes teilen sich die Rufbereitschaft, die die permanente Erreichbarkeit des Gesundheitsamts gewährleisten soll. Sie leiten zudem die anderen an, schulen die Kolleginnen und Kollegen.

Sonja Becker war in Vor-Corona-Zeiten vor allem in der Beratung von Menschen mit Behinderung tätig. Jetzt ist sie zuständig für den Kontakt mit niedergelassenen Ärzten und berät pflegerisches Personal. „Es macht Spaß“, sagt sie, „trotz aller Anstrengung“. Man merke, dass die Arbeit nachgefragt wird und die Kontaktpersonen dankbar für die Unterstützung sind.

Die Infizierten im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind im Schnitt knapp über 40 Jahre alt. 14 Personen ab 65 sind als infiziert festgestellt worden, unter den Infizierten ist nach wie vor niemand im Alter von mehr als 78 Jahren. Laut einer Statistik des Gesundheitsamts ist damit der Altersdurchschnitt der Erkrankten etwas niedriger als der der Gesamtbevölkerung im Landkreis. Und dennoch: Im Gesundheitsamt ist man sich der Gefahr vor allem für die Bewohner von Einrichtungen der häuslichen Pflege mehr als bewusst. Der Todesfälle in Einrichtungen in Wolfsburg, aber auch im Odenwald, hätte es nicht bedurft, dass das Gesundheitsamt hier präventiv tätig ist. Eine Task-Force „Pflege und Corona“ unter Leitung von Kay-Uwe Wucher hält den permanenten Kontakt mit den Pflegeeinrichtungen im Landkreis. „Die Kooperation funktioniert gut“, berichtet Wucher. Die Task Force hat die Einrichtungen in den vergangenen Tagen mit Schutzausrüstung versorgt und steht mit ihnen in engem Kontakt. Dennoch: Man müsse damit rechnen, dass auch im Landkreis in einem Heim Covid-19 ausbrechen könne, so wie andernorts auch. Das Besuchsverbot soll helfen, diese Gefahr so weit wie möglich zu verringern, es stoße zumindest bei den Beschäftigten der Pflegeeinrichtungen auf große Zustimmung. Dass die ein oder andere Einrichtung eine große Außenanlage hat, erleichtert dies – gegen einen Spaziergang zu zweit und mit dem vorgeschriebenen Mindestabstand ist nichts einzuwenden.

Am liebsten wäre es dem Gesundheitsamt, auch das ist eine Erfahrung der Corona-Pandemie, wenn die Bewohner jeweils einer Pflegeeinrichtung den gleichen Hausarzt hätten. „Das würde vieles einfacher machen“, sagt Dr. Wollenberg, andererseits gelte auch in der stationären Pflege die freie Arztwahl.

Die Ärztin hofft, dass „wir relativ bald zu einem abgespeckt normalen Leben“ zurückkehren können. Es müsse aber auch klar sein, dass Deutschland „mit einer gewissen Krankheitslast von Covid-19 zurechtkommen muss.“ Ganz werde man die Krankheit nicht mehr ausrotten können.

Von Till Conrad

Anzeige