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Marburg Stadt Marburg lehnt „Original Play“ ab
Marburg Stadt Marburg lehnt „Original Play“ ab
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07:59 19.11.2019
Kritiker sehen in „Original Play“ eine „Einladung für Pädophile“ – in Marburg scheint das Anfassspiel zwar aktuell in keiner Kindertageseinrichtung Praxis zu sein, die Stadtverwaltung will trotzdem wachsam bleiben. Quelle: Arno Burgi/dpa/Archiv
Marburg

Die Spielmethode „Original Play“, bei der fremde Erwachsene in sehr engem Körperkontakt mit Kindern spielen, wird momentan in ganz Deutschland kritisch diskutiert. Im Zusammenhang mit dem Spiel soll es in den vergangenen Wochen in zwei Kindertageseinrichtungen in Berlin und Hamburg Missbrauchsfälle gegeben haben.

Der Stadt Marburg sind aber nach eigenen Angaben bisher keine Kinderbetreuungseinrichtungen in der Universitätsstadt bekannt, die „Original Play“ anwenden. Das teilte sie auf OP-Anfrage mit. Der Fachbereich Kinder, Jugend und Familie rate von der Spielmethode ab und schreibe daher aktuell freie Träger der Kinderbetreuung in Marburg an. Die Methode „widerspricht sämtlichen pädagogischen und entwicklungspsychologischen Grundsätzen“.

Bartsch: Dieses Spiel ist Grenzüberschreitung

Die pädagogische Arbeit der städtischen Kitas unterstütze­ die Kinder darin, stabile Beziehungskonstellationen zu lernen und ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu formulieren. In keiner pädagogischen Situation sei es denkbar, dass Kinder in den städtischen Einrichtungen mit fremden Menschen in körperlichen Kontakt kommen. Zudem haben sich alle Einrichtungen der Jugendhilfe dazu verpflichtet erweiterte Führungszeugnisse von allen Mitarbeitern einzuholen.

Hintergrund

„Original Play“ ist eine Methode, bei der sogenannte Original-Play-Lehrlinge Kitas ihre­ 
Dienste anbieten können. Das Spiel besteht vor allem aus Raufen und engem Körperkontakt. Es orientiert sich laut der Internationalen Stiftung für Original Play an dem Spielverhalten von Kindern, Erwachsenen und Wildtieren. Die Lehrlinge besuchen demnach vorher Seminare, um zu lernen, wie sie effektiv am Spiel von Kindern teilnehmen können.

Auch Alexander Bartsch, ­geschäftsführender Pfarrer der evangelischen Kindertagesstätte und Krippe „Abenteuerland“ in Weimar/Lahn, lehnt Original Play ab.

Es werde dort „bewusst nicht angewendet“, es habe aber auch keine Anfragen gegeben erklärt Bartsch. Die Gründe dafür seien vielfältig. Es gehe um das Bild des Kindes und wie man es in seiner Entwicklung wahrnehme.

Bei Original Play komme es zu einer Grenzüberschreitung. „Mit Menschen die von außen kommen bin ich tendenziell sehr vorsichtig“, sagt Bartsch. „Wir haben ein klares Schutzkonzept.“ Auch hier werde von jedem Mitarbeiter ein polizeiliches Führungszeugnis gefordert.

Renate Obelik, Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes Marburg, sieht das Kita-Spiel ebenfalls kritisch. Sie arbeite beim Kinderschutzbund intensiv gegen sexuellen Missbrauch, da wirke solch eine Spielform unwirklich. „Sowas kann doch nicht sein“, sagt Obelik. Man sehe ein Manko bei Kindern, das man aber so nicht lösen könne – viele Kinder haben heutzutage keine Geschwister, Spielen und Raufen sei aber sehr wichtig und solle gefördert werden.

Kindeswohlgefährung:
 Zahl steigt hessenweit

Es müsse aber mit Gleichaltrigen oder Eltern stattfinden. „Wie kommt ein Kind dazu, mit einem Fremden zu kuscheln?“, fragt Obelik. Es komme dabei zu Gruppenzwang, bei dem Kinder ihre eigenen Grenzen nicht wahrnehmen dürfen. „Da hört der Spaß auf“.

Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen in Hessen und auch in Marburg ist in den vergangenen Jahren gestiegen. In mehreren Hundert Fällen wurden seit 2014 in der Universitätsstadt Anhaltspunkte auf Kindeswohlgefährdung festgestellt. Alleine zwischen den Jahren 2014 und 2016 gab es 51 körperliche, 62 psychische und fünf sexuelle Misshandlungen an Kindern.

Doch nicht alle Verdachtsfälle in den vergangenen Jahren stellten sich nach Untersuchungen des Jugendamts als begründet heraus. In je etwa einem Viertel aller Alarmierungen handelte es sich entweder maximal um einen festgestellten Hilfe- und Unterstützungsbedarf für die Eltern – oder generellen Fehlalarm.

Fünf bis zehn Inobhutnahmen in Marburg

Das deckt sich mit den hessenweiten Quoten. 2.373 Fälle wurden von Ämtern als „akut“ eingestuft, meistens handelte es sich bei der Kindeswohlgefährdung aber um Vernachlässigung, gefolgt von psychischer und körperlicher Misshandlung. In rund 200 Fällen gab es in Hessen Hinweise auf sexuelle Gewalt.

Eine Kindeswohlgefährdung liegt grundsätzlich vor, wenn „eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls eines Kindes unmittelbar droht oder eingetreten ist“. Die stärkste Schutzmaßnahme, die Jugendämter bei Kindeswohlgefährdung anwenden können, ist die Inobhutnahme.

Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 7.800 Kinder zu ihrem Schutz vorläufig vom Jugendamt in Obhut genommen. Das waren 15 Prozent aller Gefährdungsfälle. In Marburg gibt es auch regelmäßig Inobhutnahmen durch das Jugendamt; zuletzt waren es etwa zwischen fünf und zehn pro Jahr.

von Noa Pötter