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Marburg Ein neuer Antreiber für Weidenhausen
Marburg Ein neuer Antreiber für Weidenhausen
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12:00 11.09.2019
Kein anderer Stadtteil stand in den vergangenen Jahren so im Fokus wie Weidenhausen. Nils Lankau tritt nun als Ortsbeiratsvorsitzender das Erbe von Wolfgang Grundmann, des bisher wohl profiliertesten Innenstadt-Ortsvorstehers, an. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Wenn es einen Ort gibt, an dem in Marburg das Sommer-Leben pulsiert, dann sind es die paar hundert Meter zwischen Bootsverleih und Hirsefeldsteg. Der Trojedamm ist der Boulevard, die Schlagader Weidenhausens – im Guten wie im Schlechten. Und genau hier steht Nils Lankau, der neue Ortsvorsteher eben jenes Stadtteils, der wie kaum ein anderer seit Jahren im Fokus steht. Brücke, Lahnterrassen, Northampton Park, Grüner Wehr, nun der Jugendherbergs-Abriss: Der SPD-Mann ist von Amts-Vorgänger Wolfgang Grundmann dringendst empfohlen worden, er soll den Kampf gegen Probleme und umstrittene Projekte und für die Anwohnerbelange im Stadtteil fortsetzen.

Dieser Ballast macht die Fußstapfen für den Fußballer des TSV Moischt nicht leichter. Lankau weiß das. „Er hat viel angetrieben und der Ortsbeirat insgesamt einiges bewegt. In diesem familiären Viertel kannst du dich aber auch nicht verstecken, wenn du Verantwortung  hast, musst du was draus machen.“ Wenn Lankau spricht, klingt sie durch, seine norddeutsche Herkunft. Vor 34 Jahren in einer Kleinstadt geboren, ist ihm das Politische angeboren worden, liegt in seinen Genen. Während der Vater unweit von Hamburg „von einem Gremium zur nächsten Sitzung tingelte“ gründete die Mutter einst gar eine Partei, eine Wählergemeinschaft. Wie Staat funktioniert, wie Abläufe sind und auch welche Arbeit ehrenamtliche Politik bedeutet, hat er von Beginn seines Lebens mitbekommen.

Lankau muss sich erst noch einen Namen machen

Wenn auch nicht beruflich, ist Lankau so praktisch der nächste Staatsdiener in seiner Familie. Großvater, Vater, Mutter, Bruder – alle waren Beamte, sind bei der Bundeswehr oder in irgendeiner staatlichen Organisation tätig­ gewesen. Und immer wieder die Erklärungen der Eltern für den Sohnemann, was im Staatswesen wie ist und warum es so ist. Im Jahr 2007 kam er zum Jura-Studium in die Stadt. Ein Studium, das er nie abschloss, sondern abbrach – um eine Ausbildung zu machen, um nun als Versicherungsfachmann zu arbeiten. „Da hab ich nach Jahren als verloren geglaubter Langzeitstudent tatsächlich genau mein Ding gefunden“, sagt Lankau, der bis heute in seiner Studentenbude wohnt und in der – jetzt schwindenden – Freizeit auch Fußball in einer
Bunten-Liga-Mannschaft spielt.

Während sein Amts-Vorgänger praktisch jedem im Stadtteil bekannt war, muss Lankau sich erst noch einen Namen machen. Im profiliertesten aller Innenstadt-Ortsbeiräte nicht unmöglich. Beim Thema Wehr-Sanierung wolle er zwar „ein Auge auf der Entwicklung behalten“, aber nicht parallel zur Bürgerinitiative „aktiv rumrühren“. Die BI habe sich tief ins Thema eingearbeitet und sei ihrerseits im Austausch mit der Verwaltung. „Die machen das gut, es braucht nicht mehr Köche, die dann den Brei verderben.“ Dennoch müsse sich „jeder auf Enttäuschungen vorbereiten“. Entweder würden­ die Touristiker und Kanuten, weil sie ihre Strecke nicht ­bekommen oder Naturschützer, die den Kampf um Bäume verlieren und ein Betonpodest gebaut werde, den Kürzeren ziehen.  „Ich bin aber der Überzeugung, dass das Wehr nach 140 Jahren nicht mehr genauso stabil ist, nicht mehr so robust sein kann, wie das eben vor 140 Jahren war.“ Irgendeine Form der Reparatur werde es geben müssen.

"Für alle Bürger schwer erträglich geworden"

Das Wehr sei aber nur „eine von vielen Baustellen“. So habe sich die Lärmbelästigungs-Situation nicht zuletzt durch die ausgedehnten Polizeistreifen im Northampton Park zwar verbessert, Probleme flackerten aber weiterhin auf – etwa Glasscherben auf dem Spielplatz oder Müll auf dem Gelände. Ähnliches gelte auch für die Lahnterrassen, wo es „nicht mehr so abzugehen scheint wie in den letzten Jahren“, aber viele Bewohner das Gefühl haben, dass „es schnell wieder kippen kann“. Und dann ist da noch der neueste Brennpunkt Jugendherbergs-Neubau. „Die geforderte Überarbeitung der Pläne ist richtig und nötig, ich hoffe, dass sich durch die gewonnene Zeit da sichtbar etwas verbessert. So, wie es aussehen sollte, wäre es, glaube ich, für ­alle Bürger schwer erträglich ­geworden.“

Lankau bedauert, dass unabhängig von der Bilanz vor Ort viele falsche Entscheidungen auf bundespolitischer Ebene auf die Kommunalpolitik „abstrahlen“. Nicht nur der SPD sei in den vergangenen zehn Jahren die Bürgernähe verloren gegangen, aber gerade über das Engagement im Stadtteil könne man „Herzen und Köpfe zurückgewinnen“. Sich vor Ort einzusetzen, lohne­ sich. „Wenn man Menschen zuhört und sich für sie einsetzt, ihnen wie auch immer geartet hilft, kann man etwas bewegen. Denn was vor der eigenen Haustüre passiert, interessiert auch den politikfernsten Menschen.“

von Björn Wisker