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Marburg Viele Fragen zum Grüner Wehr
Marburg Viele Fragen zum Grüner Wehr
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16:39 05.12.2021
Abendstimmung zur blauen Stunde am Grüner Wehr in Marburg.
Abendstimmung zur blauen Stunde am Grüner Wehr in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Über kaum ein Marburger Bauwerk ist in den vergangenen Jahren so ausführlich gesprochen worden wie über das Grüner Wehr. Am Mittwochabend war es erneut Thema im Ortsbeirat Weidenhausen – rund zwei Stunden lang diskutierten die Ortsbeiratsmitglieder, Bürgerinnen und Bürger, Stadträtin Kirsten Dinnebier (SPD) und Vertreter der Stadtverwaltung darüber, wie es mit dem Wehr weitergeht. Dabei ging es eigentlich nur um eine kleine Vorentscheidung. „Es geht nicht darum, dass wir uns jetzt schon entscheiden, wie saniert wird“, stellte Dinnebier klar, „sondern um vorbereitende Untersuchungen, damit wir fundierte Erkenntnisse darüber bekommen, wie es im Inneren des Wehres aussieht“.

Die vermutlich um 1200 errichtete Stauanlage ist laut Gutachten aus den Jahren 1965, 1971 und 2008 nicht mehr standsicher – ein Befund, der allerdings in Weidenhausen auch in Zweifel gezogen wird. Die von der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Grüner Wehr vorgeschlagenen Untersuchungen sollen nun zeigen, was bei einer Sanierung des rund 70 Meter langen Bauwerks genau gemacht werden müsste. Auf Basis dieser etwa 50 000 Euro teuren Prüfung soll später das Stadtparlament entscheiden können: Wird das Grüner Wehr nur instandgesetzt, der zum Teil aus Holzpfählen bestehende Unterbau des Wehres also in der bisherigen Form erhalten, wie dies die Bürgerinitiative Grüner Wehr fordert? Oder ist doch ein Neubau erforderlich?

Tabellarische Gegenüberstellung löst Kritik aus

Zudem sollte der Ortsbeirat Weidenhausen allerdings einen Sachstandsbericht zum Grüner Wehr zur Kenntnis nehmen – ein insgesamt fast hundert Seiten starkes Dokument. Und das hat es aus Sicht des Ortsbeirates und der Bürgerinitiative in sich. 14 Fragen mit zahlreichen Unterpunkten hatte der Ortsbeirat in Richtung der Stadtverwaltung formuliert, viele weitere Fragen und Anmerkungen kamen von den 15 anwesenden Bürgerinnen und Bürgern. Sie befürchten, dass der Sachstandsbericht von den Stadtverordneten in eine bestimmte Richtung verstanden werden könnte: Nämlich dahingehend, dass die Substanz-erhaltende Sanierung sich nicht lohnt, weil eine Erneuerung günstiger wäre. „Der Sachstand erscheint schon sehr tendenziös“, sagte Ortsvorsteherin Gabriele Baumgart (Grüne). Ihre Sorge: Die Stadtverordneten könnten dadurch zur Einschätzung kommen, dass sie der Stadt die Kosten für eine zur Sanierung notwendigen Untersuchung nicht aufbürden wollten.

Diese Sorge ergibt sich vor allem aus zwei Tabellen in dem Dokument. In dem einen werden die Bau- und Instandhaltungskosten bei einer Instandsetzung und einer Erneuerung gegenübergestellt – fast alle Posten fallen demnach bei einer Erneuerung günstiger aus. In der zweiten Tabelle werden die Vor- und Nachteile von Instandsetzung und Erneuerung qualitativ abgewogen – hier fällt bis auf die Punkte „Denkmalschutz“ und „Öffentliche Akzeptanz“ das Urteil ebenfalls zugunsten der Erneuerung aus.

Bauamtsleiter Walter Ruth wehrte sich gegen die Kritik, dass in der Vorlage Informationen stünden, die falsch verstanden werden könnten: „Die Aufgabe der Verwaltung ist es nicht, Dinge zu verschweigen, weil sie falsch interpretiert werden könnten.“ Stadträtin Dinnebier versicherte, die Stadtverordneten würden sich selbstverständlich intensiv in die Materie einarbeiten und hätten genug Zeit, Fragen zu stellen.

Im Jubiläumsjahr soll nicht gebaggert und gebohrt werden

Der Kostenvergleich hat allerdings einen Haken: „Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Kostenansätze mangels eingehender Grundlagenermittlung – einschließlich Schadens- und Bestandsaufnahme – mit Unsicherheiten größer 40 Prozent belegt sein können“, heißt es im Sachstandsbericht. Insofern sind die Zahlen zu Sanierung und Erneuerung nicht wirklich vergleichbar. „Die Tabelle war vielleicht nicht unbedingt erforderlich“, räumte Ruth ein, „weil wir bei der denkmalgerechten Sanierung noch nicht genau wissen, wie sie aussehen kann.“ Gleichwohl geht die Stadtverwaltung davon aus, dass eine Erneuerung kostengünstiger ist als eine Sanierung – unter anderem, weil dann in der Zukunft weniger Reparaturen nötig sein werden. „Wenn ich neu baue, ist das erst mal auf dem heutigen Stand der Technik gebaut und ich habe erst mal für viele Jahrzehnte Ruhe“, argumentierte der Leiter des Fachdienstes Tiefbau Thomas Engelbach. Der Eingriff in die Natur sei bei Sanierung und Neubau vergleichbar, meinte Ruth. In beiden Fällen müsse man mit schwerem Gerät arbeiten.

Für die nun geplante Untersuchung sollen ein mehrere Tonnen schwerer Schreitbagger und ein schweres Bohrgerät zum Einsatz kommen. Das soll von einer schwimmenden Plattform aus geschehen. Mit Bohrungen und einer Rammsondierung, bei der ein Stab mit 50 bis 60 Kilogramm Gewicht in den Boden getrieben wird, soll die Festigkeit an mehreren Stellen des Untergrunds überprüft werden. Der genaue Weg des Baggers hänge unter anderem vom Wasserstand ab, sagte Engelbach auf eine Frage aus dem Ortsbeirat. Der Bewuchs und die Decksteine sollen aber möglichst nicht beschädigt werden.

Auf Fragen von Martin Gronau (Linke) und Karen von Rüden (Grüne) nach Dauer und Zeitpunkt der Untersuchungen erläuterte Engelbach, es werde – je nach Wasserstand – wahrscheinlich über einen Monat dauern, aber keine zwei Monate. Dinnebier versicherte, 2022 – zur 800-Jahr-Feier der Stadt – solle nicht gebaggert und gebohrt werden: „Selbstverständlich wollen wir das Feierjahr nicht beeinträchtigen.“

Von Stefan Dietrich