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Marburg „Wir ersticken im Verkehr“
Marburg „Wir ersticken im Verkehr“
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10:00 25.02.2022
Dauerärgernis: Der dichte Verkehr in der Emil-von-Behring-Straße in der Marbach.
Dauerärgernis: Der dichte Verkehr in der Emil-von-Behring-Straße in der Marbach. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Marbach

Große Frustration und Unmut waren am Dienstagabend in der Sitzung des Ortsbeirates Marbach zu spüren. Der Tenor: „Wir ersticken hier im Verkehr und es interessiert keinen Menschen“ – so formulierte es Ortsvorsteher Jürgen Muth (CDU). Durch die relativ schmalen Straßen des Stadtteils fahren viele Pendler und Lastwagen zum Pharma-Standort Behringwerke.

Nun befürchtet der Ortsbeirat, dass die Verkehrssituation sich durch mögliche Baugebiete weiter verschärfen wird. „Der Ortsbeirat Marbach wird keinen zusätzlichen Baumaßnahmen in der Marbach zustimmen, solange kein adäquates Verkehrskonzept vorliegt“, beschloss das Gremium deshalb einstimmig.

Formal bezog sich dieses Votum auf den Entwurf des Regionalplans Mittelhessen. Das war eines der beiden großen Themen, die auf der Tagesordnung standen. Doch das andere Thema hängt damit eng zusammen: Der geplante Bau von Wohnungen und einem Tegut-Markt am Oberen Rotenberg auf dem ehemaligen Gelände der Gärtnerei Philipps.

Kritik an höherer Zahl

der Wohnungen

Zum einen geht es teilweise um dasselbe Gebiet – denn im Regionalplan-Entwurf ist ein Vorranggebiet Siedlung Planung aufgeführt, das vom Oberen Rotenberg bis zum Höhenweg reicht. Zum anderen spielt bei beiden Punkten das Marbacher Verkehrsproblem eine Rolle. „Es gibt kein Konzept, wie das Gebiet hinter Philipps irgendwie angebunden wird“, monierte Dr. Barbara Fröhlich (Grüne). Mit Blick auf den Verkehr im Marbacher Weg und in der Emil-von-Behring-Straße kritisierte sie: „Die Stadt schafft es ja noch nicht einmal, die Laster hier rauszukriegen.“ Ortsvorsteher Muth ergänzte, auch Tempo 30 bringe nicht viel, weil der Verkehr dadurch nicht weniger werde.

Aufgrund der Verkehrsproblematik kritisiert der Ortsbeirat zudem, dass die Zahl der Wohnungen gegenüber früheren Plänen erhöht werden solle. Vor Jahren sei von 30 bis 40 Wohneinheiten die Rede gewesen, nun sollten auf einmal 75 Wohnungen gebaut werden, berichtete Muth. „Wir brauchen Wohnungen in Marburg“, sagte Wilfried Wüst (FDP), „aber wir können die Wohnungen nicht dort hinbauen, wo wir nicht zu den Wohnungen hinkommen.“ Der Ortsbeirat fordert deshalb von der Stadt, dass es bei der ursprünglich geplanten Zahl bleibt.

Für das restliche Gebiet zwischen Rotenberg und Höhenweg, das auch unter der Bezeichnung „Engelsberg“ bekannt ist, gibt es im Gegensatz zur ehemaligen Gärtnerei-Fläche noch keine konkreten Planungen. Eine insgesamt 11,8 Hektar große Fläche ist schon im bisherigen Regionalplan als Vorranggebiet für Siedlungen vorgesehen und steht nun im Entwurf des neuen Regionalplans. Solche Vorranggebiete sind zunächst nur Entwicklungsmöglichkeiten für die Städte und Gemeinden. Sie müssen diese nicht unbedingt bebauen. Zudem sieht der Regionalplan-Entwurf ein Gewerbe-Vorranggebiet für den Pharma-Standort Görzhäuser Hof vor – auch das könnte sich auf den Verkehr in der Marbach auswirken.

Unmut und aufgeheizte

Stimmung im Ortsbeirat

Gegen das mögliche Siedlungsgebiet im Westen der Marbach gibt es aber nicht nur wegen der befürchteten Verkehrsbelastung Bedenken. Die Umweltprüfung des Regierungspräsidiums Gießen kommt zum Ergebnis, dass die Fläche für die Kaltluftströme in die Stadt wichtig ist und schlägt daher einen Verzicht vor. In der Gesamtabwägung plädiert die Regionalplanung jedoch dafür, das Vorranggebiet beizubehalten, aber bei der Bauleitplanung siedlungsklimatische Aspekte zu berücksichtigen.

Der Ortsbeirat befürchtet allerdings, dass die Marbacher Interessen unter den Tisch fallen. In dem Gremium herrscht große Frustration. „Ich habe das Gefühl: Egal, was wir vorschlagen, es interessiert die Stadt Marburg nicht“, sagte Schriftführerin Ursula Schneider (Grüne). Einen Großteil des Unmuts bekam als Vertreterin der rot-grün-grünen Koalition die SPD-Stadtverordnete Myriam Hövel ab, die an der Sitzung teilnahm und tapfer zu vermitteln versuchte. „Wir sind nicht weit auseinander“, sagte sie, konnte aber die aufgeheizte Stimmung damit nicht beruhigen. Die Stimmung im Ortsbeirat sei sogar noch gemäßigt im Vergleich zu den Emotionen im Stadtteil, meinte Ortsbeirats-Mitglied Wüst: „Ich kenne Leute, die viel heftiger reagieren.“ Er forderte von der Stadt eine Bürgerbeteiligung auf Augenhöhe – und zwar in der Marbach, nicht in der Stadthalle.

Von Stefan Dietrich