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Marburg Cappeler lehnen Gewerbe in der Lahnaue ab
Marburg Cappeler lehnen Gewerbe in der Lahnaue ab
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10:00 09.02.2022
Jogger im Cappeler Feld zwischen Südspange und Gisselberg.
Jogger im Cappeler Feld zwischen Südspange und Gisselberg. Quelle: Thorsten Richter
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Cappel

Neuer Gegenwind für den Vorschlag der Stadt, in der Lahnaue ein mögliches künftiges Gewerbegebiet vorzusehen: Mit deutlicher Mehrheit hat sich am Donnerstag der Ortsbeirat Cappel gegen das Vorhaben ausgesprochen, wie Ortsvorsteher Peter Hesse (SPD) mitteilte. Eine „Zerstörung der Lahnaue“ in Cappel für ein neues Gewerbegebiet sei unvereinbar mit dem Ziel, Gewerbeentwicklung nachhaltig für Menschen, Tiere und Umwelt zu gestalten. „Die Kernbotschaft ist: Lasst die Lahnaue zufrieden!“, zog Hesse im Gespräch mit der OP ein Fazit der Debatte im Ortsbeirat.

Die 30 Hektar große, umstrittene mögliche Gewerbefläche südlich der Südspange und westlich der B 3a ist nicht im aktuellen Entwurf des Regionalplans Mittelhessen enthalten. Das Regierungspräsidium Gießen begründet dies unter anderem damit, dass sie im Überflutungsgebiet liege und für den Hochwasserschutz wichtig sei. Die Stadt Marburg sieht das anders: Durch das Ohm-Rückhaltebecken könne sich die Hochwasser-Situation geändert haben. Überraschend deutlich sprach sich Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) Mitte Januar für ein Gewerbegebiet in der Lahnaue aus. „Nach Auffassung der Stadt Marburg sollte das Gebiet südlich der Südspange in den Regionalplan aufgenommen werden“, erklärte er.

Bürger sind gegen Bebauung der Lahnaue

„Wir waren ziemlich überrascht von diesem Vorschlag des Oberbürgermeisters“, berichtete Hesse über die Stimmung im Ortsbeirat. Sieben von acht Ortsbeiratsmitgliedern hätten in der Sitzung dagegen gestimmt. Das Gremium teile die Position des Regierungspräsidiums, dass die Lahnaue Vorranggebiet für vorbeugenden Hochwasserschutz sei und damit grundsätzlich nicht bebaut werden dürfe. „Wir sind absolut dagegen – auch die Anwohnerschaft“, sagte Hesse. An der Sitzung hätten 30 Bürgerinnen und Bürger teilgenommen, die einhellig gegen den Plan seien und die Gründung einer Bürgerinitiative in Erwägung zögen.

Die umstrittene Fläche war bereits im 2017 vom Stadtparlament beschlossenen Gewerbeflächen-Entwicklungskonzept enthalten. Doch hinter diesem Beschluss könne sich der Oberbürgermeister heute „nicht verstecken“, meint Hesse. „Wir hatten damals alle die Kenntnisse der Wetterkapriolen noch nicht“, sagte er. „Die Erfahrungen vom Ahrtal und anderen von der Hochwasserkatastrophe im letzten Jahr betroffenen Gebieten zeigen nach Auffassung des Ortsbeirates in dramatischer Weise, dass vorbeugender Schutz gegen durch den Klimawandel hervorgerufene Unwetterkatastrophen ernst zu nehmen ist.“

Der Ortsvorsteher wies auch auf die Kritik des Naturschutzbundes Nabu hin. Dieser befürchtet „fatale Folgen für die Umwelt“, wenn in der Lahnaue ein Gewerbegebiet entstehen sollte. Das steht aus Sicht der Naturschützer nicht nur dem Hochwasserschutz entgegen, sondern auch dem EU-geförderten Projekt „Living Lahn“, durch das der Fluss naturnäher werden soll. Der Ortsbeirat betonte zudem, das „Cappeler Feld“ bedeute „ein Stück Lebensqualität“, weil es als Naherholungsgebiet beliebt sei, in dem viele Menschen joggen, spazieren gehen sowie Rad und Inliner fahren.

Auch andere mögliche Gewerbegebiete in der Kritik

Die Stadt Marburg muss nach den Vorgaben der Regionalplanung Flächen für künftige Gewerbegebiete vorschlagen – was aufgrund der Landschaft keine leichte Aufgabe ist: Im Tal sind schon viele Flächen bebaut, auf den Bergen nur wenige geeignet. Das Regierungspräsidium beziffert den Gewerbeflächen-Bedarf in Marburg auf 56 Hektar innerhalb der nächsten zwölf Jahre. Dem trägt der Entwurf des Regionalplans mit mehreren „Vorranggebieten Industrie und Gewerbe Planung“ Rechnung. Doch einige der vorgesehenen Flächen stoßen schon jetzt auf Kritik. So sprach sich Ebsdorfergrund- Bürgermeister Andreas Schulz (SPD) nachdrücklich gegen ein etwa 33 Hektar großes Gebiet südlich von Moischt aus.

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Mehr zum Regionalplan und was, wie dort geplant ist, erfahren Sie auf unserer Themenseite.

Während die Lahnaue nicht im Entwurf des Regionalplans enthalten ist, sind östlich der Bundesstraße zwei kleine mögliche Gewerbeflächen bei Cappel eingezeichnet. Allerdings sieht der Umweltbericht zum Regionalplan-Entwurf bei einer der Flächen (G 308) an der Umgehungsstraße erhebliche Umwelt-Auswirkungen, insbesondere auf die Luftströme, und empfiehlt deshalb einen Verzicht auf ein Gewerbegebiet an dieser Stelle. Dieser Empfehlung schließt sich der Ortsbeirat Cappel ausdrücklich an.

Bei der zweiten Fläche (G 309) zwischen Bundesstraße und Eisenbahn empfiehlt der Umweltbericht eine Prüfung der Umweltauswirkungen auf nachfolgenden Ebenen („Abschichtung“). Dieses „einzig akzeptable Gebiet“ sei aber „viel zu klein“, eine Erschließung würde sich nicht lohnen, zumal allein für eine Zufahrt mindestens 1 000 Quadratmeter wegfallen würden, meint Ortsvorsteher Hesse.

Regionalplan in der Offenlage

Der Entwurf des neuen Regionalplans befindet sich derzeit in der Offenlage. Bis zum 11. März sollen die Städte und Gemeinden im Regierungsbezirk Stellungnahmen dazu abgeben. Darüber hinaus können Verbände, Institutionen, Gremien und Privatpersonen Stellungnahmen beim Regierungspräsidium einreichen. Der Entwurf des neuen Regionalplans Mittelhessen liegt im Kreishaus aus und ist online zu finden unter https://rp-giessen.hessen.de/planung/regionalplanung/regionalplan-mittelhessen.

Von Stefan Dietrich