Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Flüchtlingsboot auf dem Marktplatz
Marburg Flüchtlingsboot auf dem Marktplatz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 14.05.2019
Aktivisten der „Seebrücke Marburg“ befestigen Traueranzeigen von Menschen, die auf der Flucht ertrunken sind, an einem Schlauchboot. Dieses war 2017 vom Rettungsschiff Sea-Eye vor der libyschen Küste geborgen worden. Foto: Nadine Weigel
Marburg

Viele Menschen bleiben stehen. Treten näher an das graue Schlauchboot heran, halten inne, lesen. Schilder hängen am Rumpf des Bootes, das 2017 von der Rettungsorganisation „Sea-Eye“ vor der libyschen Küste aus dem Wasser gezogen wurde. Die Schilder sind Todesanzeigen für die meist Namenlosen, die täglich im Mittelmeer 
auf der Flucht ertrinken: „Samuel, sechs Jahre, Kongo, ertrunken mit seiner Mutter Veronique und fünf anderen Menschen“ ist dort unter anderem zu lesen.

Es sind Schicksale wie die des sechsjährigen Samuel, auf die die Aktivisten der „Seebrücke“ mit der deutschlandweiten Schlauchboot-Aktion aufmerksam machen wollen. Vor allem so kurz vor der Europawahl. „Momentan sind keine Rettungsschiffe unterwegs, die bezeugen können, welche Verbrechen die EU im Mittelmeer begeht, deshalb wollen wir mit dieser Aktion zeigen, wofür oder wogegen die Menschen bei der Europawahl wählen gehen sollten“, erklärt Stefan Hoffmann von der „Seebrücke Marburg“.

Zahlreiche Passanten bleiben auf dem Marktplatz stehen und unterschreiben auf einem Transparent, mit dem „ein Zeichen gegen die unmenschliche Abschottungspolitik der Europäischen Union“ gesetzt werden soll.

„Ich finde es sehr gut, dass auf diese Art und Weise auf das Drama im Mittelmeer aufmerksam gemacht wird“, sagt Dörte Frank-Bögner aus Marburg. Auch Sarah Sonnberger hat unterschrieben: „Es ist eine Riesen-Sauerei, dass wir Menschen einfach absaufen lassen. Niemand setzt sich freiwillig in solch ein Boot und riskiert sein Leben“, betont die Studentin.

Die „Seebrücke“ kritisiert, dass die EU ihre Verantwortlichkeit abwälzt und stattdessen „Folterlager in Lybien“ finanziert. Auch das Flüchtlingsboot auf dem Marktplatz sei von der„libyschen Küstenwache“ abgefangen worden. Das Schicksal der rund 120 Passagiere ist bis heute nicht bekannt.

von Nadine Weigel 

 

Stadtgespräch zur Seenotrettung

Die neue Reihe „Marburger Stadtgespräch“ startet am kommenden Sonntag. Von 17 bis 19 Uhr geht es um das Thema „Seenotrettung und Flucht“. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) moderiert das Gespräch zum Thema „Seenotrettung und Flucht“ im Erwin-Piscator-Haus im Aktionsraum 2. An der Gesprächsrunde nehmen teil: die Ärztin Ruby Hartbrich, die von ihren Erfahrungen bei der Seenotrettung berichtet, Rostam Nazari, der über seine Flucht aus Afghanistan ein Buch geschrieben hat, und Goarik Gareyan-Petrosyan, die als Vorsitzende über die Rolle des Ausländerbeirats als Vermittler und Fürsprecher für Menschen aus anderen Ländern in Marburg spricht. Anschließend hat das Publikum Gelegenheit, Fragen zu stellen.